Blick in die Zukunft: So ist Heiligendamm und so soll es werden.

Geschichtsabriss, Gegenwartsanalyse und Zukunftspläne

Mit der Wiedereröffnung des Grand Hotel Heiligendamm hat das älteste deutsche Seebad 2003 den ersten Schritt in die Zukunft getan. Das Umfeld des Luxus-Hotels präsentiert sich heute sehr sonderbar – sanierte Villen hier, unsanierte gleich daneben und besonders fällt auf, dass vieles fehlt, das einen Ort ausmacht. Natürlich geht ein Investor nicht das Wagnis ein, ein Luxushotel mitten in einer städtebaulichen Wüste zu eröffnen und so hatte auch Investor Anno August Jagdfeld einen Plan, als er 1997 das 26-Häuser-Paket in Heiligendamm von der mit dem Verkauf beauftragten Treuhand-Liegenschaften Gesellschaft (TLG) kaufte. Diesen Plan – teils ist es eine Vision, teils sind es konkrete Planungen – können Sie nun auf ERSTES SEEBAD ansehen.

Ich versuche, Ihnen diese Vision nach bestem Wissen zu erklären. Da sich seit 1997 in Heiligendamm viel getan hat, stehen einige Details heute in Frage. Ich wähle darum den Konjunktiv statt des Futurs.

Inhalt:
Seite 1 – Grundlagen: Wie das erste Seebad laufen lernte
Seite 2 – Der Ist-Zustand: Was ist, was fehlt
Seite 3 – Die Zukunft Heiligendamms: Das ist die Vision

 

Grundlagen: Wie das erste Seebad laufen lernte

Vom Badehaus über die Burg zur Villenreihe

Heiligendamm um 1820

Zuerst müssen wir uns die Grundlagen ansehen:

Das Seebad Heiligendamm wurde 1793 von Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin gegründet, nachdem sein Hofmedicus und Leibarzt Prof. Dr. Gottlieb Samuel Vogel ihm die Anlegung eines Seebades vorschlug. 

Anders als der Mediziner hatte der Regent über den gesundheitlichen Aspekt hinaus auch die potenziellen Einnahmequellen im Auge.

Dabei hatte er es eilig, denn auch in den Königreichen Hannover und Preußen gab es Bestrebungen, ein Seebad anzulegen und er wusste, dass nur, wenn er schneller ist, „Geld im Lande verzehrt wird, das auswärtige Bäder demselben entziehen“.

Er wies an, die Anlegung des Seebades aus seiner eigenen Schatulle zu bezahlen und „keine andere Kasse zu molestieren“. Zwar erzielte er mit dem Badebetrieb und besonders mit dem Glücksspiel schnell Einnahmen, aber von Gewinnen kann keine Rede gewesen sein. Nicht zu vergessen ist, dass sich alle Möglichkeiten Geld auszugeben in Doberan und nur das Badehaus und später das heutige Kurhaus am Heiligen Damm befanden.

Burg „Hohenzollern“, benannt nach dem preußischen Herrschergeschlecht.
Burg „Hohenzollern“, benannt nach dem preußischen Herrschergeschlecht.

Der Nachfolger Paul Friedrich setzte in seiner kurzen Regentschaft auf den Ausbau Heiligendamms, um den Betrieb nicht länger subventionieren zu müssen. Er brauchte das Geld für die Verlegung des Regierungssitzes von Ludwigslust nach Schwerin samt Neubau eines Schlosses im Alten Garten. 

Paul Friedrich war verheiratet mit Alexandrine von Preußen, einer Tochter von König Wilhelm III. und Königin Luise. Bei den Schwiegereltern im Schlosspark Babelsberg muss er das Gartenhaus (Kleines Schloss Babelsberg) gesehen haben und wollte eine solche Burg in größeren Dimensionen zwecks Unterbringung von Gästen auch in Heiligendamm haben.

Sein Sohn Friedrich Franz II. übernahm die Regentschaft, rückte von den väterlichen Schloss-Plänen ab und wandte sich Heiligendamm zu. Er war es auch, der den Denkstein als Erinnerung an die Gründung des ersten deutschen Seebades durch seinen Großonkel aufstellen ließ. Der junge, studierte und durch die Verwandtschaft mit Preußen fortschrittliche Regent erkannte die Notwendigkeit eines weiteren Wachstums. Die Vollendung der von seinem Vater in Auftrag gegebenen Burg sah er als richtig an und plante auch gleich ein weiteres Logierhaus, das westlich des Ensembles entstehen sollte.

Studie für ein neues Logierhaus von Friedrich August Stüler
Studie für ein neues Logierhaus von Friedrich August Stüler

Es gab eine Studie von Heinrich Thormann aus Wismar, die ein gotisierendes Gebäude in Anlehnung an die im Tudorstil entstandene Burg vorsah.

Ein weiterer Vorschlag von Friedrich August Stüler nahm das Winkelmotiv des Kurplatzes wieder auf und sah in Verzahnung mit diesem Platzraum einen neuen vor. Das neue Logierhaus mit 50 Zimmern sollte im Rundbogenstil daherkommen.

Ein dritter Entwurf kam von Rudeloff aus Rostock und dieser sah eine dreiflügelige Anlage im Stil des Historismus vor. Die Studien gingen nicht von reinen Logierhäusern aus: Das Haus sollte ein eigenes Hotel sein, denn reine Logis kam aus der Mode.

Einzig die Finanzierung der 75.000 Taler erwies sich als unmöglich. Der Landesvater hatte nicht die Mittel, um den Bau aus eigener Tasche zu bezahlen, die Badedirection hatte die Mittel ebenso wenig und den Bau aus Steuergeldern zu finanzieren wäre schwer vermittelbar gewesen. Also verpachtete die Großherzogliche Badedirection das Bad an einen Generalpächter, der dann als Ferienvermieter auftrat. Von einem Hotel konnte noch nicht die Rede sein. Der Ort als Ganzes hatte alles, was die Gäste brauchten, sie logierten aber in den Logierhäusern. Und da gab es durchaus Bedarf nach mehr Privatsphäre und weniger Trubel. Man wollte zwar alle Angebote vor Ort haben, aber auch kein Dauervergnügen und keine ständigen Kontakte – das ist heute so, wie damals.

Kleinere Logierhäuser konnten genau das bieten und sie waren für den Großherzog bezahlbar. Ob nun aus rein wirtschaftlichen Überlegungen oder aus Kenntnis des Bedarfs ist nicht überliefert, aber indem der Regent anwies, statt des großen Logierhauses „am H Damm successiv eine Reihe kleinerer, zu der Aufnahme von Familien und einzelnen Badegästen während der Saison geeigneter Haeuser gebaut werden soll“, tat der seinem Geldbeutel und den Gästen gleichermaßen einen Gefallen.

Entwurf der Villenreihe von Wilhelm Stern
Entwurf der Villenreihe von Wilhelm Stern

Bauen sollte die Villen Wilhelm Stern, aber dem gelang es nicht, die beabsichtigten Unterschiede der acht Einzelhäuser hervor zu heben. Das konnten nur verschiedene Architekten tun und so übergab der Planer Baurat Johann Gottlieb Bartning die Aufträge an verschiedene Architekten, die ihre Entwürfe an ihn ablieferten und nach Genehmigung und ggf. Modifikation auch den Bau begleiteten.

So entstand von 1853 bis 1873 die „Perlenkette“, benannt nach der ersten gebauten Villa namens „Perle“. Bemerkenswert ist, dass auf Anweisung des Regenten die Häuserreihe gerade vom Denkstein aus nach Osten führen sollte. Dass sie nicht gerade ist liegt daran, dass man damals nicht Bäume für den Bau von Häusern fällte, sondern sich dem romantischen Zeitgeist entsprechend am Verlauf des Waldrandes orientierte. Dass die Häuser aber nicht am Denkstein begannen, sondern ein paar Meter nördlich davon, ist das eigentlich Bemerkenswerte. Denn nur dadurch konnte später das große Logierhaus hinter dem Gedenkstein – das heutige Haus „Grand Hotel“ gebaut werden.

Villenreihe nach seiner Fertigstellung Ende des 19. Jahrhunderts
Villenreihe nach seiner Fertigstellung Ende des 19. Jahrhunderts

Es gibt viele einleuchtende Gründe, nicht unmittelbar hinter dem Stein gebaut zu haben – den wahren werden wir nie erfahren. Hätte man sie statt links rechts neben den Denkstein gesetzt, hätten sie an der Straße nach Doberan gestanden und weiter weg vom Meer. Man hat sie aber nach links und damit nahe ans Wasser errichtet. So hat man – unbewusst oder bewusst – Platz gelassen, um später trotzdem noch ein Hotel an den Platz bauen zu können.

Auch am Kurhaus wurde fleißig gebaut. Dort wurde 1856 der Innenhof umgebaut und somit ein neuer Saal mit vier eleganten Nebenzimmern inklusive eines Toilettenzimmers eingebaut. Möglich war das mit einem Vorschuss des Kurhaus-Pächters Goesch. Die verschiedenen Beteiligten in Heiligendamm hatten alle dasselbe Ziel: Sie wollten Geld verdienen. Das ließ sie gut zusammenarbeiten.

 

Doberan war Mittelpunkt des Seebades

Trotzdem war der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Doberan und auch wenn es in Heiligendamm „Gelegenheit zur Unterhaltung“ gab, konnte diese sich nach Beschreibungen des Badearztes Dr. Kortüm „mit derjenigen allerdings nicht messen, welche Doberan selbst ihm zu bieten vermag.“ Kortüm schreibt „Für ihn (den Gast in Heiligendamm) muss die beste Unterhaltung die Natur selbst und die ländliche Ruhe in der ebenso großartigen, als anmutigen Umgebung sein“.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, außer dass die Möglichkeiten der Unterhaltung nun auch in Bad Doberan weniger geworden und nicht mehr explizit für die damalige Klientel veranstaltet wird. Die Stadt hat viele Veranstaltungen für die Masse, die sie bedienen will, aber nur eine Handvoll echte Highlights mit Klasse, wie eben das AQUA Nostra mit dem Anbaden, die Renntage, die Klostertage und die Kulturnacht. Das Kampfest ist ein Fest wie jedes Dorffest und das Weihnachtliche Cityfest inzwischen nur noch ein durchschnittlicher Weihnachtsmarkt. Die Stadt hat diese beiden Feste und zuvor auch schon die nur einmal veranstaltete „Lichtwoche“ an Agenturen abgegeben, die kein kulturelles, sondern ein wirtschaftliches Interesse haben. Das Grand Hotel bietet unabhängig davon eigene Veranstaltungen für seine Gäste und Besucher und bringt sich in die Veranstaltungen, bei denen die Planer es für richtig halten, auch mit ein.

 

Heiligendamm war abgehängt

Das Problem damals war gar nicht so sehr, dass in Heiligendamm weniger los war, als in Doberan. Es gab um 1860 einfach ganz andere Vergnügen, wie Wasserpromenaden (Schiffsrundfahrten) oder Dampferausflüge. Das ging natürlich nur in Heiligendamm. Heute geht beides dort nicht mehr.

Zudem ist zu beobachten, dass die Saison sich verlängert hatte, denn den Sommerhäusern mussten 1860 auf Verlangen der Gäste Kanonenöfen zur Verfügung gestellt werden. Das Kriegsgeschehen im Süden sorgte dafür, dass viele Gäste von dort an die Ostsee kamen und länger blieben – auch weil „Süddeutsche“ sich das eher leisten konnten. Im Zusammenhang damit entstand auch der Bedarf nach einer katholischen Kapelle.

Das Problem war viel eher die Entfernung zwischen den beiden Orten. Die Gäste kamen überwiegend nach Heiligendamm und wenn sie sich in Doberan vergnügen, speisen, einkaufen, Tee trinken, Musik hören, tanzen, ins Theater gehen oder Glücksspiel spielen wollten, mussten sie dorthin kutschiert werden. Das dauerte lange, war langweilig und auch nicht ganz unbeschwerlich.

Doberan war also von Heiligendamm abgehängt. Anders herum sollte das Bad natürlich auch von den Gästen profitieren, die in Doberan untergekommen waren und die mussten in Gegenrichtung dasselbe durchleben. Darum ließ der Großherzog 1865 eine Dampfkalesche nach Heiligendamm bringen, mit dem Ziel einer schnelleren Verbindung. Nach einem Unfall rückte er von dem Plan wieder ab.

 

Nach dem Verkauf sollte Großes entstehen

Ausbauplan für Heiligendamm von Kayser&Großheim 1872
Ausbauplan für Heiligendamm von Kayser&Großheim 1872

Der große Einschnitt begann 1866 mit dem Beitritt Mecklenburgs zum Norddeutschen Bund und der Anpassung der Infrastruktur und Verwaltung an die Preußens. Ein Jahr später wurde daraus der Deutsche Bund und da in ihm das Glücksspiel verboten war, schlossen die Spielbanken in Doberan und versiegte die wichtigste Einnahmequelle. Als dann noch die Sturmflut von 1872 Schäden anrichtete, ging Friedrich Franz II. schlichtweg das Geld aus und er verkaufte das Bad außer seinen drei Cottages.

Käufer war Baron Otto von Kahlden, der das Bad am 2. April 1793 für 500.000 Taler vom Großherzog übernahm. Der preußische Rittmeister a. D. gründete eine Betreibergesellschaft und holte sich die Herzöge von Ujest und von Hohenloe-Oehringen mit ins Boot. Die Investition in Küstenschutzmaßnahmen war obligatorisch, für alles andere brauchte man ein Konzept. Mit der Erstellung wurde das Berliner Büro Kayser & Großheim beauftragt. Das Konzept wurde schon 1872 erstellt – entweder hat der Baron es vor dem Abschluss des Kaufvertrages erstellen lassen oder der Großherzog hatte noch nach Möglichkeiten gesucht. Wahrscheinlicher ist aber das erste, da der Baron letztlich Details umsetzte, also von dem Plan zumindest genaue Kenntnis gehabt haben muss.

Das Berliner Unternehmen kam zu dem Schluss, dass einerseits noch Bedarf für weitere Kapazitäten vorhanden ist und andererseits mit einer Erhöhung von Kapazitäten über den Bedarf hinaus auch mehr verdient werden kann. Was genau sich wo in den neuen Gebäuden befindet, ist nicht überliefert. Man kann vermuten, dass außer neuen Zimmern und Suiten auch neue Flächen für Gewerbe und Unterhaltung entstehen sollten. Offensichtlich wurden auch Parks und Wandelgänge eingeplant – letztere waren damals ein probates Mittel, um bei ungünstigem Wetter draußen verbringen zu können.

Die Architektur und die Verformung zum Schloss am Meer sollten vielleicht darauf abzielen, den sich durch den Bau eines Straßenzuges gerade eher städtisch entwickelnden Ort zum Resort zu machen und das Ganze hervor zu heben. Versailles am Meer wäre natürlich ein Alleinstellungsmerkmal und angesichts vieler neuer Seebäder, die nach Heiligendamm kamen war so eine zumindest optische Hervorhebung langsam nötig. Die Villen spielen im Berliner Plan gar keine Rolle, hätten also neben dem „Schloss“ gestanden. Die Größe passt zum gesteigerten Repräsentationsbedürfnis der Gründerjahre, spiegelt also den Zeitgeist wider. Auch das spricht für Baron von Kahlden als Auftraggeber.

 

Vom Fürstenbad zum Grand Hôtel

Grand Hotel Heiligendamm
Grand Hotel Heiligendamm

Ob die neuen Betreiber den Plan 1:1 so umsetzen wollten und sogleich ans Werk gingen, aber nicht so weit kamen oder ob es Absicht war, sich nur Details herauszunehmen, kann man heute nicht mehr nachvollziehen. Sie begannen aber mit dem Bau eins neuen Logierhauses im rechten Winkel zum Kurhaus. Dadurch wurde ein Atrium-Charakter geschaffen, der dem Festplatz eine ganz neue Wirkung verlieh.

Dieses neue Haus hieß „Neuer Flügel“ und war kein Logierhaus, sondern wie schon unter dem Großherzog geplant ein Hotel. Es wurde bald Grand Hôtel (frz. für Großes Hotel) genannt und dieser Begriff weitete sich aus, weil die Grenzen innerhalb der Anlage verschwammen und letztlich das ganze Ensemble ein großes Hotel mit breit gestreutem Wohnangebot war.

Schriftzug am Giebel des Anbaus „Großfürstin Marie“
Schriftzug an der Villa „Großfürstin Marie“

Weitere Veränderungen ergaben sich durch den Anbau des Seeflügels am Haus „Mecklenburg“, der von den Berlinern vorgeschlagen worden war und tatsächlich ausgeführt wurde und durch den Anbau der Villa „Großfürstin Marie“ an die Villa „Perle“ anlässlich des Aufenthaltes zur Vermählung der Tochter des Herzogs, Marie von Mecklenburg mit dem Großfürsten Wladimir von Russland. 

Diese beiden Anbauten vollendeten den Platz, wie wir ihn heute kennen.

Außerdem entstand 1878 die Orangerie zur Überwinterung der mediterranen Pflanzen, die in Mode gekommen waren und zugleich als Unterbringung des Kaiserlichen Post- und Telegrafenamtes. Das war eine wichtige Modernisierung, mit der Mecklenburg auf preußisches Niveau angehoben wurde. Dies muss man im Kontext des Bündnisses mit Preußen sehen.

Alles andere aus dem Konzept wurde nicht umgesetzt. Baron von Kahlden und sein Sohn bauten sich am Rande des Ortes in Strandnähe zwei Häuser (Villen Sporn und Adler in der Seedeichstraße), bis 1885 wurde der Betrieb in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die Großherzogliche Badedirection wich der Badeintendantur und diese steuerte nun den Badebetrieb des 1873 erstmals als „Seebad am Heiligen Damm“ in den Karten auftauchenden Bades.

 

Wie Heiligendamm sich von Doberan löste

Stadtrechtsverleihung und Stadtordnung für Doberan
Stadtrechtsverleihung und Stadtordnung für Doberan

Die Privatisierung sorgte dafür, dass immer weniger Adlige in die Stadt kamen und darunter hatte jetzt zwar nicht Heiligendamm, wohl aber Doberan zu leiden. Der Großherzog erhob daher den Flecken 1879 zur Stadt, sodass sich ein Gymnasium ansiedeln und Wohnhäuser entstehen können. Die ersten stadttypischen Bauten ließen nicht lange auf sich warten und in den folgenden 20 Jahren wuchs Doberan rasant.

Im Jahr 1881 wurde ein weiterer Versuch mit einer Dampfkalesche unternommen, der wieder scheiterte. Erst der neue Regent Friedrich Franz III. konnte 1886 das Vorhaben seines Vaters in die Tat umsetzen. Ironischerweise war das gerade der Regent, der sich am seltensten in dem Land aufhielt, das er zu regieren hatte. Seine Krankheiten zwangen ihn zum Aufenthalt in klimatisch günstigeren Gegenden, wie dem Genfersee, Cannes und Palermo. Während der Abwesenheit hatte das Staatsministerium die Regierungsgeschäfte inne und somit war der Staatsminister von Bülow der eigentliche Repräsentant Mecklenburg-Schwerins. Darum lässt sich schlecht sagen, wie viel Engagement vom Großherzog ausging und was von der Verwaltung initiiert wurde.

Hotel garnis in der heutigen Kühlungsborner Straße
Hotels garni in der Kühlungsborner Straße

Im Jahre 1885 kam es noch einmal zum Wechsel. Baron von Kahlden kaufte der Aktiengesellschaft das Bad für nun 787.599,31 Mark ab und wurde damit alleiniger Besitzer Heiligendamms. 

Er ließ einen Oeconomiehof und Eiskeller bauen, bereitete also einen Ganzjahresbetrieb vor. Die Häuser bekamen 1887 feste Öfen und von Kahlden wies an der heutigen Gartenstraße und am Weg nach Bollhagen Bauland aus.

Es entstanden in der heutigen Kühlungsborner Straße die Pensionen Danker’s, Mellendorf und Peters, der Fürstenhof, das spätere Haus „Tabea“ und in der Gartenstraße Krieg’s Hotel und die Villa „Augusta“ als Wohnhaus der Familie von Witzleben nebst Gästehaus.

Außerdem entstand eine Balustrade als Aussichtsplattform, Kegelbahnen, Schießhallen am Marstall und am Golfteich und 1890 ein Tennisplatz neben dem Grand Hotel. Den Toast zum 100jährigen Jubiläum des Seebades sprach Baron von Kahlden im Kurhaus aus und Staatsrat von Amsberg stieß auf „Heiligendamm – die Perle Mecklenburgs“ an.

Die Investitionen gingen weiter: 1897 wurden Strandkörbe angeschafft, 1898 vier Tennisplätze am Golfteich gebaut, ein Jahr später das 1. Internationale Lawn-Turnier dort ausgetragen und als der Baron 1900 starb und sein Sohn das Zepter übernahm, entstanden eine neue Seebrücke mit zwei Querstegen und Restauration. 1.740 Gäste zählte das Bad, als Warnemünde schon 15.000 hatte und um sich von diesem „stinkenden Fischerdorf“ abzuheben, benannte man den Salon in „Kurhaus“ um und das Armenkrankenhaus in „Seehospiz“.

 

Walter John Marlitt und die erste große Pleite

Bild aus dem Pleite-Jahr 1911
Bild aus dem Pleite-Jahr 1911

Rudolf von Kahlden verkaufte das Bad 1911 für 2.150.000 Mark an Walter John, dem Neffen der englischen Schriftstellerin Eugenie John, die unter dem Pseudonym „Eugenie Marlitt“ schrieb. Walter John Marlitt, wie er sich deshalb nannte, belastete das Bad mit hohen Hypotheken, verspekulierte sich, ging Pleite und zog das Bad mit hinein.

Die drei Hauptgläubiger kauften das Bad auf, um ihre Hypotheken zu retten und betrieben es nun als GmbH selbst. Sie ließen neue Buhnen bauen, den Festplatz umgestalten und eröffneten eine Dampferlinie. 1912 holten sie den Wasserflugzeugwettbewerb nach Heiligendamm, der Hotelier Heinrich Böckenheuer aus Hamburg erwarb die Mehrheitsanteile, wurde Direktor und Ortsvorsteher, die Aktien begannen einen Höhenflug, das Bankhaus Louis Wolff KG aus Lübeck kaufte Aktien und auch die Sturmflut von 1913 konnte den Erfolg nicht stoppen. Beim Wiederaufbau wurde auch gleich das Kurhaus für 400.000 Mark umgebaut. Heiligendamm erlebte seinen zweiten Frühling.

Doch das Glück währte keine drei Jahre. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs wurde der Badebetrieb heruntergefahren. Das Bad war während des Krieges teilweise geschlossen und verwaist. Nach der Abdankung der Regenten regierten die Räte und die erkannten durchaus, dass Doberan am Fremdenkehrkehr festhalten muss. Aber man wollte auch Residenzstadt und Seebad sein, rückte den Kurbetrieb in den Mittelpunkt, nannte die Konzerte nun Kurkonzerte, bot Kammermusik, einen Lesetempel und einen neuen Tennisplatz, modernisierte die Sportstätten und verkaufte das Stahlbad, das auch sogleich aufgestockt wurde.

Man war in Aufbruchstimmung und mochte die Warnungen des Doberaner Rechtsanwaltes Fritz Knaack nicht hören, der beantragte, Doberan und Heiligendamm wieder zu vereinen. Den Titel „Bad“ bekam 1921 nur Doberan ohne Heiligendamm. Unter anderem diese Ablehnungen ließen die Aktien abstürzen, das Bankhaus Louis Wolff KG kaufte für 492.000 Mark Aktien zurück, ging dann aber in den Konkurs. Nur die Hyperinflation rettete Heiligendamm, so ungewöhnlich das auch klingt. Aus tausenden Mark Schulden waren rote Zahlen in schwindelerregender Billionenhöhe geworden, mit denen sowieso niemand mehr rechnen konnte. Die Schuldner baten um Stundung der Schulden und profitierten letztlich vom Stillstand durch die Inflation.

 

Oskar Adolf Rosenberg – Der unsichtbare Retter

Der erste Golfplatz befand sich dort, wo heute der Saisonparkplatz ist.
Der erste Golfplatz befand sich dort, wo heute der Saisonparkplatz ist.

Nun kam der berühmteste der Heiligendammer Eigentümer auf den Schirm. Die Rede ist von Oskar Adolf Baron von Rosenberg-Redé. Wobei er gar nicht auftauchte, sondern ganz im Gegenteil im Hintergrund die Strippen zog. Der Antisemitismus war zu dieser Zeit bereits fortgeschritten und der in Ungarn geborene Österreicher war jüdischer Abstammung.

Rosenberg war im Balkankrieg wohlhabend geworden und wurde als Banker auf das insolvente Lübecker Bankhaus aufmerksam, welches inzwischen die meisten Anteile an der vor der Zahlungsunfähigkeit stehenden Ostseebad Heiligendamm GmbH hatte. Rosenberg baute ein Geflecht aus drei Firmen auf, die allesamt ihre Sitze in Berlin hatten. Er und der Doberaner Rechtsanwalt Fritz Knaack hatten je eine Firma, die mit gleichen Anteilen am Seebad beteiligt waren und eine dritte Firma hatte einen kleineren Anteil.

Die Firmen wurden schon 1922 gegründet, im Folgejahr setzte die Hyperinflation ein und der Kauf kam letztlich 1924 zu Stande. Rosenberg kaufte das Bad für 4.500 britische Pfund und die Gesellschaft investierte 600.000 Goldmark in die Aufwertung. Es wurde ein Konzept erarbeitet und umgesetzt und im selben Jahr ein 9-Loch-Golfplatz am Golfteich gebaut, der ab 1925 auch für internationale Turniere genutzt wurde.

 

Heiligendamms Goldene Zwanziger

Bad Doberan empfängt den Reichspräsidenten Hindenburg.
Bad Doberan empfängt den Reichspräsidenten Hindenburg.

Einen großen Anteil am Veranstaltungsplan hatte der in Doberan wohnende Herzog Adolf Friedrich, der weit herum gekommene und sportbegeisterte Bruder von Großherzogin Mutter Alexandrine. Er war der Aufsichtsratsvorsitzende gleich mehrerer Gesellschaften und Fritz Knaack der Geschäftsführer. Hinter den beiden konnte Rosenberg sich verstecken. Das ist auch heute noch eine angewandte Methode, nennt sich Kommanditgesellschaft und ist auch das Prinzip der Jagdfeld-Gruppe. Ziel ist es, das Risiko auf mehrere Gesellschaften zu verteilen, um im Falle einer Insolvenz einer Gesellschaft die Gesamtinvestition nicht zu gefährden. Damit der Hauptinvestor aber den Einfluss nicht verliert, ist er an jeder Gesellschaft beteiligt (wenn es keine AG ist, dann nicht im Aufsichtsrat, sondern als Gesellschafter) und der Geschäftsführer ist in der Regel ein Vertrauter. Anders als Rosenberg muss und will sich Jagdfeld aber nicht verstecken.

Adolf Friedrich holte die Ozeanflieger Hermann und Köhl nach Doberan, hielt in schweren Zeiten den Rennverein über Wasser und brachte sogar den Reichspräsidenten Hindenburg dazu, Doberan zu besuchen. Zwar beschäftigte sich die Stadt 1925 vorrangig mit Wohnungsbau, aber der Tourismus hatte die stärkste Wirtschaftskraft.

Gebaut wurde das Haus als "Hotel & Pension Krieg".
Gebaut als „Hotel & Pension Krieg“.

In Heiligendamm in der Gartenstraße eröffnete in dem großen zehnachsigen Haus mit Mittelrisalit ein Erholungsheim mit dem sperrigen Namen „Mecklenburgisches Heim für Kaufmanns-Erholung“ der Deutschen Gesellschaft für Kaufmannserholungsheime. 

So steht es heute noch am Nordgiebel über dem Balkon des separaten Eingangs zu lesen.

 

Der geläufige Name ist „Mecklenburgisches Heim für Kaufmanns-Erholung“
Der geläufige Name ist „Mecklenburgisches Heim für Kaufmanns-Erholung“

Vorher hieß das Haus „Hotel Pension Krieg“.
In der Geschichte taucht auch der Name „Krieg’s Hotel“ auf. Die geläufige Ansicht ist, dass aus diesem Hotel das Kaufmannserholungsheim wurde. Das kommt auch hin, denn das Baujahr des Hauses wird auf 1887 datiert, was unmittelbar der Parzellierung der Flächen durch Otto von Kahlden entspricht.

Es scheint also an der Stelle schon ein Hotel – sehr wahrscheinlich ein Hotel garni – bestanden zu haben, das dann 1926 von den Kaufleuten übernommen wurde.

Die Prospekte dieser Zeit nennen für zahlreiche Häuser verschiedene Pächter – sogar eine der Villen (Seestern) war zu der Zeit in ein eigenständiges Hotel umgewandelt worden.

Die Ostseebad Heiligendamm GmbH schloss mit einem Minus von nur noch 10.589 Mark, hatte aber 1,5 Mio Mark Schulden bei Rosenberg und eine halbe Million bei der Dresdner Bank, für die Rosenberg bürgte. Im Jahr 1930 hatte auch Rosenberg Ausbaupläne, über die nichts genaueres bekannt ist, außer dass er das Haupthaus mit dem Kurhaus verbinden wollte, die aber doch so gravierend gewesen sein mussten, dass sie den Denkmalschutz auf den Plan riefen. Adolf Loren stellte das komplette Ensemble unter Denkmalschutz.

Hier war Bruno Pagel noch der Generalpächter.
Bruno Pagel gehörte auch das Sporthotel Oberwiesenthal.

Man kann heute nur darüber spekulieren, wie wichtig den Eigentümern die Ausbaupläne waren. Die Ereignisse der Jahre 1930 und 1931 zeigen aber, dass es einen gewissen Druck gegeben haben muss.

Im operativen Geschäft – bei den Generalpächtern – kam es zu gravierenden Veränderungen. Die Generalpächter gaben sich in den beiden Jahren in schneller Folge die Klinke in die Hand:

 

1931 wird Günter Siegert der Generalpächter.
1931 ist Günter Siegert Generalpächter.

1930 verpachtete man an Bruno Pagel, dem auch das Sporthotel Oberwiesental gehörte und Quellen besagen, dass gegen diesen das Konkursverfahren eingeleitet wurde.

Aber auch die Baugenossenschaft des Deutschen evangelischen Volksbundes und der Hamburger Hotelier Otto Glismann tauchen in Dokumenten als (General-) Pächter auf. Im Folgejahr wurde Günter Siegert Generalpächter des Hotels mit 400 Zimmern und 500 Betten.

Aus „Dunker’s“ wurde der „Hamburger Hof“ und schließlich das Kinderpflegeheim der AOK Hamburg.
Aus „Dunker’s“ wurde der „Hamburger Hof“ und schließlich das Kinderpflegeheim der AOK Hamburg.

Auch in der Kühlungsborner Straße gab es Veränderungen, die in die Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reiches fallen.

So wurde aus „Dunker’s“ (andere Quellen schreiben „Danker’s“) Hotel ein Kinderpflegeheim mit Leitung von Hamburg aus, aus Peters‘ Pension wurde ein Schwesternheim für die Pflegerinnen, das bis zuletzt den Namen „Tabea“ als Inschrift hatte und auch die Pension Mellendorf erfuhr eine Umfirmierung in „Hotel Stadt Hamburg“. Heiligendamm erlebte also eine „Hamburger Zeit“.

Rosenberg tilgte jährlich die 34.000 Mark Schulden der 200.000 Mark Verluste einfahrenden Gesellschaft bei der Dresdner Bank. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und Herzog Adolf Friedrich 1932 bedrängten, „aus dieser wenig arischen Angelegenheit“ auszusteigen, hielt der Herzog zum Baron und verteidigte das Geflecht mit der Begründung, man sei auf das Geld des jüdischen Gebers angewiesen. Trotz Notverordnung und gesperrter ausländischer Konten gelang Rosenberg weiterhin der Geldtransfer an die Ostsee.

 

Im dunkelsten Moment der deutschen Geschichte:
KdF-Bad, Lazarett, Kadettenschule, Flüchtlingsheim

Modell der Adolf-Hitler-Schule Heiligendamm
Modell der Adolf-Hitler-Schule Heiligendamm

1936 wurde das Bad zum KdF-Bad (KdF = Kraft durch Freude – die nationalsozialistische Ferienorganisation) und es wurden für ein ganzes Jahr 12.780 Gäste in schnellem Wechsel darin untergebracht. 1937 gingen Adolf Hitler und Benito Mussolini in Heiligendamm ein und aus, Hitler verfügte den Bau einer Eliteschule in Heiligendamm und der Baubeginn erfolgte im Folgejahr. Reichstatthalter Friedrich Hildebrandt, der zwar Gauleiter für den riesigen Gau Mecklenburg-Lübeck war, dessen Herz aber an Bad Doberan hing, ließ die so lang ersehnte Wiedervereinigung Heiligendamms mit Bad Doberan am 1. April 1936 verfügen und gemeindete auch gleich Althof mit ein. Er war es auch, der die Hitler-Eiche pflanzen, eine Allee nach dem Führer benennen ließ und Adolf Hitler zum Ehrenbürger Bad Doberans als eine der ersten deutschen Städte machte. Das alles muss man heute im Kontext seiner Zeit betrachten.

Adolf Hitler mit Helga Goebbels auf der Seebrücke von Heiligendamm
Adolf Hitler mit Helga Goebbels auf der Seebrücke von Heiligendamm

Rosenberg nahm 1937 die Staatsbürgerschaft des neutralen Liechtenstein ein und verlegte seinen Wohnsitz formal in die ebenfalls neutrale Schweiz, wo er eine Suite im Hotel „Dolder“ mietete. Er wohnte aber in Wirklichkeit in der Villa „Rosin“ in Kaumberg in Österreich.

Die Eliteschule für junge Nachwuchskader der Nationalsozialisten konnte wegen des Kriegsbeginns nicht mehr gebaut werden. 
Im Jahr 1938 wurde Österreich an das Deutsche Reich angegliedert und Rosenbergs Geldtransfer wurde dadurch erschwert.

Die Nazis hatten nun neue Pläne mit Heiligendamm, nämlich die Einrichtung der Reichskadettenschule in den bestehenden Gebäuden, bis der Neubau begonnen werden kann. Rosenberg stand dem natürlich als Eigentümer im Wege.

Die Nationalsozialisten beschlagnahmten das Bad für Heereszwecke und erklärten es zum Reservelazarett – wie übrigens auch den Lindenhof und den Mecklenburger Hof in Bad Doberan. Jetzt war es Rosenberg nicht mehr möglich, sein Vermögen aus Heiligendamm abzuziehen. Das Projekt war gescheitert.

Rosenberg wurde danach in seiner Villa tot aufgefunden. Es wurde Suizid attestiert, wofür er durchaus Gründe gehabt hätte. Drei Tage später veranlasste die Dresdner Bank die Versteigerung seiner Villa, was heute Spekulationen über die Todesursache nährt. Das Bad wurde nicht versteigert, sondern der Gesellschaft von der Reichsmarine für 1,7 Mio. Reichsmark abgekauft, was gerade reichte, um die Gläubiger zu befriedigen. Damit gehörte Heiligendamm nun ganz der Reichsmarine.

Inwiefern das formaljuristisch abgeschlossen werden konnte, hinterfragte 2007 die Jewisch Claim Conference für die Erben Rosenbergs. So oder so wären aber etwaige Ansprüche an die Bundesrepublik Deutschland mit der Zustimmung der Alliierten zum Einigungsvertrag beendet.

Der Name stammt von Ernst Heinkel – eigentlich hieß die Villa „Sporn“, benannt vom Rittmeister von Kahlden nach einem Detail des Reiterstiefels.
Der Name stammt von Ernst Heinkel – eigentlich hieß die Villa „Sporn“, benannt vom Rittmeister von Kahlden nach einem Detail des Reiterstiefels.

Zunächst einmal übernahmen der Gauleiter Friedrich Hildebrandt die Villa „Adler“ in der Seedeichstraße und der Flugzeugbauer Ernst Heinkel die Villa „Sporn“ nebenan.

Von ihm stammt auch die Umbenennung in „Eikboom“ (Eichenbaum – ein deutsches Symbol). Auch das Haus „Bischofsstab“ wechselte den Besitzer und Namen. Der Kameradschaftsbund deutscher Polizeibeamter übernahm das Haus, ließ es umbauen und benannte es in „Haus Doberan“ um.

In den Räumlichkeiten des Grand Hotels samt den Villen wurde nun eine Reichskadettenschule mit Unterkünften eingerichtet.

Als 1942 die Alliierten Bombenangriffe auf Rostock starteten, wurde ein Tarnanstrich vorgenommen. Schon 1943 wurden die ersten Flüchtlinge aus dem zerbombten Rostock in Heiligendamm untergebracht und 1944 kamen auch die Flüchtlinge aus den fallenden „deutschen Schutzgebieten“, also Pommern und Schlesien hinzu.

 

Wie Heiligendamm fast gesprengt worden wäre

1945 marschierte die Rote Armee in Bad Doberan ein, die Sowjetische Militäradministration (SMAD) beschlagnahmte gemäß Befehl Nr. 124 Heiligendamm und erklärte es zum herrenlosen Gut. Vielleicht hatten die Russen Schwierigkeiten, den Eigentümer auszumachen, aber es gab vereinzelt Fälle, wo nicht so genau geprüft und einfach beschlagnahmt wurde. Die SMAD bereitete gemäß dem Potsdamer Abkommen die Sprengung des augenscheinlichen Militärobjekts vor. Schließlich hatten diese Gebäude Tarnanstrich und wurden von der Reichsmarine genutzt. Außer durch Demontage durch eine Berliner Baufirma zwecks Reparationen entstanden auch Schäden durch Einheimische, die dringend Brennholz benötigten.

Auftrag der SVA an Lutz Elbrecht
Auftrag der SVA an Lutz Elbrecht

Die in er Entstehung befindliche Regierung der Sowjetischen Besatzungszone stoppte die Demontage. Hintergrund war ein Restitutionsantrag von Christian Ludwig, dem Sohn des letzten Großherzogs und seit der Abdankung und Emigration der Familie nach Dänemark Chef des Hauses Mecklenburg. Christian Ludwig kehrte heim und wollte die großherzoglichen Cottages zurück. Nachdem  Ludwigslust von der britischen in die sowjetische Besatzungszone überging, wurde er festgenommen und über verschiedene Gefängnisse in die Lubjanka verschleppt.

Umbau der Burg „Hohenzollern“
Umbau der Burg „Hohenzollern“

Die neuen Machthaber starteten einen Propagandafeldzug und wandelten das Fürstenbad in ein Sanatorium der Werktätigen um. Dazu erfolgte 1947 der Wiederaufbau des stark in Mitleidenschaft gezogenen Ensembles. Der richtige Begriff lautet „Wiedernutzbarmachung“, denn mehr war die Wiederherstellung der Gebäude nicht. Der Doberaner Architekt Lutz Elbrecht bekam den Auftrag auch zur Wiedernutzbarmachung der durch einen Brand beschädigten Burg. Auf die Türme wurde verzichtet und ein Walmdach aufgesetzt.

Frei nach Goethe wollte man dem romantischen Bau zu einem klassizistischen machen, denn er nannte im Gespräch mit Eckermann das Klassische das Gesunde und das Romantische das Kranke. Das Kurbad der Werktätigen sollte natürlich das Gesunde repräsentieren und so hackte man der Bürg die Türme ab.

Andere romantische Elemente erkannte man offenbar nicht, sodass der Rest der Gebäude von solch ideologischen Stilblüten verschont blieb. Trotzdem erfolgten fortan viele Vereinfachungen und Veränderungen, die dem Ensemble seinen Charme nahmen. Den brauchte es aber auch nicht, denn nun kamen die Gäste per Überweisung oder im Falle eines Friedenskomitees aus West-Berlin und Besuchen von Landarbeitern im Jahr 1953 per Beschluss.

 

Vom Fürstenbad zum Arbeiterbad

Postkarte aus der DDR
Postkarte aus der DDR

Das Sanatorium eröffnete 1948 und im Folgejahr wurden die Villen „Schwan“ und „Anker“ der Deutschen Wirtschaftskommission übergeben, die aber im Oktober in die Regierung der neu gegründeten Deutschen Demokratischen Republik aufging, sodass die Villa „Schwan“ dann den Verfolgten des Naziregimes (VdN) übergeben wurde.

Max-Planck-Haus (Villa Prinzessin von Reuß)
Max-Planck-Haus (Villa Prinzessin von Reuß)

Das Haus „Bischofsstab“ ging als „Fritz-Reuter-Haus“ an den FDGB und das Prinzessin-von-Reuß-Palais als „Max-Planck-Haus“ an den Förderausschuss für Geisteswissenschaften.

Die Villa der Großherzogin Auguste spielte stets eine Sonderrolle. Wenn Heiligendamm den Besitzer wechselte, blieb sie stets außen vor. Sie wurde 2004 von der ECH dazu gekauft, nachdem die Familie Metz das „Akzent Residenz-Hotel“ schloss.

Die Villen in der Seedeichstraße wurden zu Wohnhäusern für die leitenden Ärzte, das ehemalige Altersheim im Fürstenhof nach einer Umnutzung zu Wohnungen aus praktischen Gründen wieder Altersheim, in der Villa „Augusta“ eröffnete ein Kindergarten, in der Orangerie neben der Verwaltung ein Konsum, im Marstall-Stall eine Drogerie, im eigentlichen Gebäude eine Gaststätte und die Hausfeuerwehr zog hier ein.

Zu DDR-Zeiten wurden die Häuser umbenannt. Hier Villa „Großfürstin Marie“ in Haus „Maxim Gorki“
Zu DDR-Zeiten wurden die Häuser umbenannt. Hier Villa „Großfürstin Marie“ in Haus „Maxim Gorki“

Intern trugen die Häuser zu DDR-Zeiten Nummern, wobei das Alexandrinencottage die Nummer eins darstellte. Offiziell aber wurden die meisten umbenannt:

Die Cottages nach Bezirkshauptstädten (Weimar, Dresden, Magdeburg), die Villen nach Künstlern (Maxim Gorki, Käthe Kollwitz, Walther Rathenau, John Brinckmann, Fritz Reuter) und die beiden Wappentier-Villen Schwan und Hirsch nach den Kommunisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Das Haupthaus wurde nach der Hauptstadt in „Haus Berlin“ umbenannt, die Burg nach ihrer Hauptklientel, den Bergleuten, in „Glück auf“ und Haus „Mecklenburg“, Haus „Bischofsstab“ und das Kurhaus behielten ihre Namen. Andere Namen wurden durch Bezeichnungen ersetzt, wie „Konsum“ für die Orangerie oder die dominierenden Einrichtungen wurden Namensgeber, wie das „Schwanencafé“ für die Kolonnaden oder die „Palette“ für den Marstall.

Die Fachschule in Wismar gliederte 1953 ihre Fachrichtung Güte und Form nach Heiligendamm aus, wo im ehemaligen Kinderheim unter Prof. Werner Laux die „Fachschule für angewandte Kunst (FAK)“ an den Start ging. Das benachbarte Haus wurde verbunden und zum Internat umgebaut, im Hof entstanden Baracken für die Ateliers und auch die beiden anderen Häuser wurden bald von Studenten bewohnt. Die „Kunststudenten“ bereicherten das Leben in Heiligendamm ungemein und sie hielten den Geist des ersten deutschen Seebades „künstlerisch am Leben“

Das Adelsbad hatte auch im Sozialismus einen Platz
Das Adelsbad hatte auch im Sozialismus einen Platz

Die Mitarbeiter des Sanatoriums wohnten unter anderem im ehemaligen Kaufmannserholungsheim und dem Gästehaus der Witzlebens. Der Betrieb allein hatte 250 Mitarbeiter und verschlang jährlich 2,5 Mio. Mark der DDR. Schon 1950 gab es erneut Pläne zur Verbindung des Haupthauses mit dem Kurhaus und wohl sogar Überlegungen, die Villen mit Arkaden zu verbinden. Wieder konnte der Denkmalschutz das verhindern. Nicht verhindert werden konnte der Verlust des Golfplatzes und 1961 auch der Rennbahn. Beide hätte man behalten, konnte aber die Bodenreform nicht in Frage stellen.

Im Jahre 1955 wurde erneut der Ruf nach Erweiterungen laut, um die neue Abteilung für nichttuberkulose Krankheiten unterzubringen. Davon rückte man jedoch ab und baute die Cottages dafür um, sodass sie 88 Betten fassen konnten. Darum haben sie heute geschlossene Veranden statt offener Loggien.

Das Sanatorium kam 1948 unter Obhut des FDGB
Das Sanatorium kam 1948 unter Obhut des FDGB

Nach der Gründung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) und in Anbetracht der Auflösung der Länder zu Gunsten von Bezirken wurden die Kur- und Erholungsheime der DDR neu verteilt, wozu eine Untersuchung stattfand. Das Sanatorium Heiligendamm – bisher zum „VEB Erholungsheime Ostseebad Heiligendamm + Kühlungsborn“ gehörend, ging 1957 an den FDGB. Die 88 Betten aus den Cottages wurden wieder herausgenommen und ins Haus Mecklenburg umgezogen, sodass die Abteilung auf 130 Betten anstieg. 1962 kamen noch Herz- und Kreislauferkrankungen hinzu.

Der Schießplatz wurde auf Grund privaten Engagements der Schießsportbegeisterten ab 1964 wieder in Betrieb genommen, es entstanden ein Clubhaus und eine Clubgaststätte. Auch ein Bauhof fand Platz am Bahnhof und als Heiligendamm 1967 der Kurortstatus zuerkannt wurde, mussten ein Klärwerk gebaut und eine zentrale Wärmeversorgung geschaffen werden. 

Die Bungalows wichen 2002 dem Waldparkplatz
Die Bungalows wichen 2002 dem Waldparkplatz

Ab 1970 erfolgten umfangreiche Bauarbeiten, die dazu führten, dass eine Villa nach der anderen vereinfacht wurde. Es entstanden ein Forstferienheim und in zwei Etappen eine dazu gehörige Bungalowsiedlung. Am Golfteich entstand ein Anglerheim und in Strandnähe eine Sauna. Ab 1976 war Heiligendamm Chefsache des SED-Parteitages und so ging die eigenwillige Sanierung noch schneller voran. Erst als Cuno Serowy Klinikdirektor war, konnte sein Protest die Umbauten stoppen.

 

Auch in der DDR gab es Erweiterungspläne

Erweiterungspläne in den 1980ern
Erweiterungspläne in den 1980ern. Rot markiert sind die geplanten Neubauten.

Ein neues Kapitel sollte mit der Anerkennung Heiligendamms als Seeheilbad im Jahre 1978 aufgeschlagen werden. Es wurden umfangreiche Erweiterungen geplant. Am Bahnhof sollte eine Kaufhalle entstehen, am Fürstenhof zwei Wohnblöcke für die Mitarbeiter und neben den Cottages und der Burg ein langgezogenes Kurmittelhaus mit Schwimmhalle und ein Bettenhaus.

Direkt neben dem Haus „Berlin“ sollte ein neues Haus entstehen. Die Denkmalschützer untersagten alles, was die erste Reihe betraf. Das war in einem so wenig demokratischen System deshalb möglich, weil die internationale Denkmalschutzorganisation ICOMOS 1980 in Rostock tage und Heiligendamm besichtigen wollte. Auch der Erhalt des abrissreifen Kurhauses in Bad Doberan (ehemaliges Logierhaus, heute Friedrich-Franz-Palais) ist diesem Umstand zu verdanken.

Die Wohnblöcke in der so neu entstandenen Adolf-Kortüm-Straße jedoch durften entstehen.

Um an neue Betten zu kommen, ermöglichte man den Mitarbeitern des Sanatoriums, aber auch der Forst, Wasserwirtschaft, des Küstenschutzes und der in Heiligendamm benötigten Infrastruktur den Bau von Eigenheimen auf dem Feld neben der Gartenstraße. Auch die Lücken an der Kühlungsborner Straße wurden mit fertig geplanten Einfamilienhäusern geschlossen.

Auf dem Acker entstand ein ganz neuer Ortsteil-Ortsteil
Es entstand ein neuer Ortsteil-Ortsteil

Die Eigenheime sollten sowieso entstehen, nun knüpfte man die Bedingung an den Bau, dass jeder Bauherr  in seinem Haus zwei Unterkünfte für „Außenschläfer“ stellen musste. Somit war das Kapazitätsproblem auf DDR-typische Weise gelöst. Praktisch war das für die Außenschläfer nicht, denn sie mussten zu den Anwendungen weiter laufen und was sie an Textilien, wie Handtücher brauchten, mussten sie sich vom Sanatorium holen. Dafür mochten viele die netten Gastgeber und so manche kamen nach der Wende als Feriengäste wieder.

Um dem Titel gerecht zu werden, wurden 1983 Dampfspender von ausrangierten Lokomotiven zu einer Fernheizzentrale umgebaut. Durch Kontakte zu Patienten des Chemiekombinates Bitterfeld kam es, dass die einheimischen Landwirtschaftsgenossenschaften an dringend benötigte Chemikalien kamen und als Dank dafür dem Sanatorium 1984 ein Blockheizkraftwerk bauten. Das Sanatorium wiederum bedankte sich mit dem Ausbau des Dachgeschosses der Villa „Greif“ zur Unterbringung extra für die Mitarbeiter der Leuna-Werke. Seitdem hat die Villa ihre eigenwillige Dachgaube auf der rechten Seite.

Villa „Großfürstin Marie - Perle“ vor dem Abriss
Villa „Großfürstin Marie – Perle“ vor dem Abriss

Der Klinikdirektor Cuno Serowy protestierte gegen die Dauerbaustelle und erreichte, dass die Sanierung überdacht wurde. Der Umbau der Gaststätte „Palette“ endete mit dem Mauerfall.

Bis 1988 wurden jährlich 8.000 Kurgäste behandelt und die Anzahl der Einwohner Bad Doberans erreichte nach dem Bau der Wohngebiete auf und am Buchenberg und auf dem Kammerhof die Höchstmarke von 12.000 Einwohnern. In Heiligendamm hatten die Forschungsinstitute für Balneologie und Kurortwissenschaften Bad Elster und für Badeklimatologie Berlin-Buch ihre Außenstellen, was den Wert des Seebades auch zu DDR-Zeiten noch einmal verdeutlicht.

 

Neuer Anfang im neuen Land

Die Ostseeklinik ging 1997 in der neuen MEDIAN-Klinik auf
Die Ostseeklinik ging 1997 in der neuen MEDIAN-Klinik auf

Diese Ära sollte zunächst fortgesetzt werden. Das Sanatorium öffnete 1991 als „Ostseeklinik Heiligendamm GmbH“ neu, mit weniger Mitarbeitern und auf Grund neuer Vorgaben der nun zuständigen Rentenversicherungsanstalt nur noch 215 Betten. Es gab Verhandlungen mit der Dr.-Marx-Gruppe, welche die MEDIAN-Kliniken entwickelte und sich in Heiligendamm engagieren wollte. Der Ortsteil erhielt bis 2014 einen neuen Seeheilbadstatus nach neuem Recht verliehen, musste aber bis dahin Voraussetzungen schaffen, die noch nicht gegeben waren.

Die ersten Fotos von der Seebrücke auf Postkarten zeigten noch weg von den Häusern
Die ersten Fotos von der Seebrücke auf Postkarten zeigten noch weg von den Häusern

In dem Zusammenhang und weil es einfach dazu gehörte und es Fördermittel gab, entstand auch 1993 die Seebrücke.

Doch die Verhandlungen mit der Dr.-Marx-Gruppe gerieten 1993 ins Stocken, weil das Unternehmen einen Klinikneubau hinter den Cottages errichten wollte, wofür Bäume gefällt hätten müssen. Auch der in Heiligendamm wohnende Landrat Thomas Leuchert war dagegen, sodass die Verhandlungen schließlich scheiterten.

Es gab mit der Asklepios-Gruppe aus dem Taunus zuvor schon einen weiteren Interessenten, der von den veranschlagten 400 Mio. D-Mark bereit war, 330 Mio. zu investieren. Das Konzept hier war keine reine Kurklinik, sondern ein Kurhotel mit Casino und Pferderennbahn, Gestüt und Golfplatz. Es wurden 900 Arbeitsplätze in Aussicht gestellt. Jedoch fanden sich nicht ausreichend finanzielle Mittel, sodass kein Kauf zu Stande kam. 

Mit diesem Buch stellte die TLG die 26 Immobilien im Detail vor
Mit diesem Buch stellte die TLG die 26 Immobilien im Detail vor

Damit schien der Verkauf als Ganzes nicht zu funktionieren und die TLG (Treuhand Liegenschaften Gesellschaft – im Auftrag der Oberfinanzdirektion Rostock als Verwalter tätig) schrieb die Häuser einzeln aus. Es fanden sich Interessenten für Villen, nicht aber für die großen Gebäude.  

Im Rathaus befürchte man eine Zerstückelung des Ensembles durch Einzelinteressen und eine Flut von Anträgen. Jeder Villen-Käufer hätte seinen Carport, Schuppen und Mülltonnenplatz bauen wollen und jeder zu anderen Zeiten den großen Rasen gemäht, so die Befürchtungen des damaligen Bürgermeisters Berno Grzech (CDU). Noch größer war die Angst, am Ende auf den sechs großen Häusern sitzen zu bleiben.

Die Dr.-Ebel-Klinik „Moorbad“ zog 1996 vom alten ins neue Haus um
Die Dr.-Ebel-Klinik „Moorbad“ zog 1996 vom alten ins neue Haus um. (Foto: M. Sander)

Als das Moorbad in Bad Doberan 1996 an neuer Stelle neu eröffnen wollte, kam wieder Schwung in die Verhandlungen und die MEDIAN-Klinik durfte auf dem 1988 errichteten Containerlagerplatz neu bauen.

Das war nicht ihr Wunschplatz und ist auch kein günstiger Standort, aber hätte diese Klinik nicht eröffnet, wäre der Seeheilbadtitel in Gefahr geraten.

Die Ostseeklinik zog also 1996 aus den historischen Bauten aus und in die neue Klinik ein. Die Ausschreibungen wurden zurückgezogen, 26 Immobilien auf 25 Hektar als Paket gebündelt und neu ausgeschrieben. Der Dürener Fonds-Manager Anno August Jagdfeld entdeckte auf Grund einer Reportage einer Zeitung die Weiße Stadt am Meer und bewarb sich mit seiner FUNDUS-Gruppe auf die Ausschreibung. Sein Angebot blieb am Ende übrig und er bekam den Zuschlag. Der Kaufpreis soll 18 Mio. DM betragen haben.

 

Vorhaben ohne Rückendeckung

Das Grand Hotel eröffnete 2003 ohne Zäune
Das Grand Hotel eröffnete 2003 ohne Zäune

Im Jahre 2003 eröffnete nun das Grand Hotel Heiligendamm. Wie schon im 19. Jahrhundert wurden Betrieb und Eigentum voneinander getrennt. Eigentümer war der FUNDUS Fonds Nr. 34, also die 1900 Anleger, vertreten durch eine Fondsgesellschaft, die von Anno August Jagdfeld geführt wurde. So blieb der Käufer und Sanierer am Steuer. Da Hotellerie aber nicht sein Fachgebiet ist und auch die Fonds-KG nicht selbst ein Luxushotel betreiben kann, sollte dies ein Dritter tun. Die Kempinski-Gruppe hatte Interesse und unterschrieb den Managementvertrag.

Nachdem das Hotel auch wegen des fehlenden Rückhalts in der Region und zunehmend negativer Einstellung nicht wie erwartet lief, versuchte Kempinski, über TUI und Neckermann an Gäste zu kommen, was zum Bruch mit Jagdfeld führte. Kempinski stieg 2009 aus und das Grand Hotel musste sich mit einer eigenen Gesellschaft selbst verwalten, zugehörig zu den Leading Hotels of the World und der „Selektion deutscher Luxushotels“, der es bis Juni 2018 angehörte.

Im Teufelskreis gefangen

Mehr als die Sportstätten war an Erweiterungen nicht umsetzbar.
Mehr als die Sportstätten war an Erweiterungen nicht umsetzbar.

Jagdfeld wollte saisonverlängernde Maßnahmen realisieren und hatte konkrete Pläne, die die Experten von PriceWaterHouses Cooper (PwC) erarbeitet hatten. Der SPA-Bereich sollte vergrößert, ein Sportzentrum gebaut und neue gastronomische Angebote geschaffen werden. Jagdfeld warb dafür um Geld von den Anlegern, die dieses aber angesichts ausbleibender Rendite und schlechter Prognosen wegen der angespannten Lage in Heiligendamm nicht aufzubringen bereit waren. Während die FUNDUS-Gruppe selbst in ihren Prospekten immer die Teilhabe an einer Legende und die Vergünstigungen hervor hob, kamen über andere Wege auch viele Anleger in den Fonds, denen Rendite versprochen wurden.

Ein schmerzhafter Kapitalschnitt und etwas frisches Geld sorgten dafür, dass das SPA-Angebot vergrößert und ein Sportzentrum mit Tennis- Volleyball- und Bolzplatz gebaut werden konnten. Für mehr reichte das Geld nicht und mehr Geld war nicht zu bekommen.

Nachdem der Sommer 2011 auf Grund einer Extremwetterlage sprichwörtlich ins Wasser fiel und die Stadtvertreter dem Investor die Übertragung der Villen an Tochterunternehmen verzögerten und somit die Vermarktung der Wohnungen in den Villen nicht beginnen konnte, war weder genug Geld da, noch genug Geld verdient und auch kein frisches Geld in Aussicht, mit dem Jagdfeld die Pleite hätte abwenden können. Also musste er im Februar 2012 Insolvenz für die Fonds-KG und damit auch für das Grand Hotel anmelden.

Im Zuge des Insolvenzverfahrens wollte man im Rathaus Anno August Jagdfeld ganz los werden und blockierte die Sanierung der Villen, wollte Umwandlungen und Entwidmungen rückgängig machen und alle Verträge aufkündigen. Ziel sollte ein kurzer Weg durch das Hotelgelände sein – zeitweise sah man es auch auf die Öffnung aller Wege über das Hotelgelände für die Öffentlichkeit ab. Der Insolvenzverwalter Jörg Zumbaum wurde ebenfalls unter Druck gesetzt und drohte der Stadt mit Klage wegen Behinderung des Insolvenzverfahrens. Am Ende gelang ihm 2013 der Verkauf an einen Höchstbietenden, was sich allerdings als Betrug herausstellte, sodass der Verkauf letztlich an den unterlegenden Bieter erfolgte.

 

Neuanfang zu zweit

Der Insolvenzverwalter schloss das Medini’s, um das Grand Hotel von der Jagdfeld-Gruppe zu entflechten.
Der Insolvenzverwalter schloss das Medini’s, um das Grand Hotel von der Jagdfeld-Gruppe zu entflechten.

Der „Neue“ heißt Paul Morzynski, ist Wirtschaftsprüfer und Steuerberater und über sein Familienunternehmen an vielen Unternehmen beteiligt. Als Großaktionär wird ihm die Rettung der Halloren-Fabrik zugeschrieben (inzwischen ist er dort ausgestiegen), auch Hussel und Arko hat er in schwierigen Zeiten übernommen – auch mit Hinblick auf Synergien für die Halloren-Fabrik – und jüngst die Vertriebssparte für Eilles-Kaffee. Aktuell will er die drei Confiserie-Ketten zu einer verschmelzen und einen kleinen Börsengang vornehmen.

Der Geschäftsführer des Grand Hotels Patrick Weber ist zugleich auch Geschäftsführer mehrerer Unternehmen Morzynskis. Als weiterer Geschäftsführer arbeitet Morzynskis Sohn Paul Andé Morzynski. Der auch geschäftsführende Hoteldirektor – bis Ostern 2018 war es Thomas Peruzzo und bis 2019 Thomas Mühl – konzentriert sich nicht nur auf das operative Geschäft, sondern arbeitet eng mit dem Eigentümer zusammen. Morzynski hat sich 2017 auch einige Experten in eine Art Beirat geholt, die mit frischen Ideen das Hotel voranbringen sollen. Ein Selbstläufer ist es nämlich noch immer nicht und obwohl es sich gut entwickelt hat, liegt es bei der Auslastung, dem Umsatz und Gewinn noch zu weit unter den Erwartungen, die Morzynski 2013 formuliert hatte.

In der Region bekannt war Morzynski 2013 bereits, weil er das ehemalige Kreiskrankenhaus in Kühlungsborn gekauft und zum 4-Sterne-Superior-Hotel „Upstalsboom Hotelresidenz Kühlungsborn“ umgebaut hatte, das von Upstalsboom betrieben wird. Morzynski ist am Grand Hotel Heiligendamm nicht nur beteiligt – es gehört im quasi.

Das betrifft aber nur das Kurhaus, das Severin-Palais, das Haus „Mecklenburg“, das Kinderhaus, das Hauptgebäude und das Wirtschaftsgebäude, sowie nicht sofort, sondern später hinzu gekommen, die Orangerie und die Burg. Die drei Cottages und die Villen und auch die Häuser im Hinterland gehören ihm nicht. Auch hat er keine weiteren Flächen in Heiligendamm. Einige Stadtvertreter wollten 2012 Jagdfeld enteignen und somit Flächen für einen neuen Investor bekommen. Unter anderem solche Ansinnen führten dazu, dass die IHK zu einer Mediation drängte.

Das heißt, dass das Grand Hotel nicht demselben gehört, wie die Villen und man darum zueinander finden muss. Das ist heute auf operativer Ebene gelungen, wenn auch nicht abgeschlossen. Dennoch spricht Prof. Joachim Skerl zu Recht von einer „Zergliederung des Ensembles“, denn das ist das Resultat aus der Herauslösung des Grand Hotels. Paul Morzynski hat angekündigt, für den Fall, dass sein Konzept scheitert, in ein paar Jahren über eine Umwandlung vom Luxushotel zum First-Class-Hotel, also Abgabe eines Sterns nachdenken zu müssen. Da Jagdfelds Planungen immer von einem 5-Sterne-Plus-Hotel ausgehen, würde solch eine Herabstufung vieles davon in Frage stellen.

Bevor wir zur Zukunft kommen, schauen wir uns die Gegenwart an:

Der Ist-Zustand: Was ist, was fehlt.

2 Kommentare

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.