Villa “Möwe” (Villa „Möwe“, (Haus C, Haus III, Haus 8, August-Bebel-Haus)

Alte Namen: Haus C, Haus III, Villa „Möwe“, „August-Bebel-Haus“ (Haus 8)

Standort:
Anschrift: Prof.-Dr.-Vogel-Str. 9
54°08’38.8″N 11°50’42.0″E

Bauzeiten: 1855-1856
Bauherr: Großherzogliche Badeintendantur / Großherzog Friedrich Franz II. von Mecklenburg
Architekt: August Rathsagg
Architekt: über den Projektentwickler EntwicklungsCompagnie Heiligendamm GmbH & Co. KG
Eigentümer: Großherzogliche Badeintendantur / Großherzöge von Mecklenburg (bis 1872), Aktiengesellschaft Baron Otto von Kahlden (1873-1900), Rudolf von Kahlden (1900-1911), Herzog Hugo von Hohenlohe-Öhringen und Ujest (1873-1885), Walter John (1911), Ostseebad Heiligendamm GmbH unter Gläubigerkonsortium (1911-1922), unter Baron O. A. Rosenberg (1922-1938), Beschlagnahmung durch das Deutsche Reich (1938), Reichsmarine (1938-1945), Beschlagnahmung durch die SMAD, herrenloses Gut (1945-1949), DDR über den FDGB (1949-1952), DDR über die Sozialversicherungsanstalt (1952-1990), Ostseeklinik Heiligendamm GmbH (1990-1993), BRD über Oberfinanzdirektion (1993-1997), FUNDUS-Gruppe über EntwicklungsCompagnie Heiligendamm I GmbH & Co. KG (1997-2017), Wohneigentümergesellschaft (seit 2018)
Nachgewiesene Nutzungen Vermietung durch die (Groß)herzogliche Badeintendantur (bis 1872), Badedirection (1872-1938), Kraft durch Freude (1936-1938), Reichsmarine (1938-1945), SMAD (1945-1948), Sanatorium für Werktätige Heiligendamm (1948-1990), Ostseeklinik Heiligendamm (1990-1997), Leerstand (1997-2017), Sanierung (2017-2019), Eigentumswohnungen (seit 2019)
Preisbeispiel: 2.087.850 EUR für 134,7 qm
Wohnungen: 6 zu 120-135 qm, Studios zu 25-45 qm

Beschreibung:

Urzustand (Quelle: A. Beckmann)

Die Villa „Möwe“ wurde von August Rathsagg entworfen. Damit stand hier ein anderer Architekt als bei den beiden ersten Villen zur Verfügung. Er war am aufkommenden Hochgebirgstourismus interessiert und damit auch an der Alpenregion. Doch der Architekt kopierte die alpenländische Volksarchitektur nicht, sondern übernahm nur Elemente. Das wichtigste Merkmal des „Schweizerstils“ waren reich verzierte Giebel. Nicht die langen Seiten sind die Schauseiten alpenländischer Landsitze, sondern die Giebelseiten. Sie haben meistens ausladende Balkone und große Terrassen.

Rathsagg stellte zwei Giebelhäuser nebeneinander, verband sie und schuf so ein Doppelgiebelhaus. Die Mitte bildet eine Nische und darüber einem Kamin, in dem sich eine Figur befand. Diese Mitte rückt aber hinter den reich verzierten Balkonen und Giebeln in den Hintergrund. Die Mitten der jeweils drei Achsen werden durch filigrane Balkonkonstruktionen hervor gehoben. Hinter ihnen befinden sich im Erdgeschoss und dem Obergeschoss hohe zweiflügelige Rundbogen-Sprossenfenster. Rechts und links werden sie durch jeweils ein Sprossenfenster dominiert, das keinen Bogen hat. Somit vermischen sich hier die Fenster der Villa „Perle“ mit denen der Villa „Greif“ zu einem neuen Zusammenspiel. Im Dachgeschoss wird die Mittelachse in zwei Fenster aufgeteilt.

Die beiden äußeren Achsen werden kunstvoll übergangen. Hier bildet das Sprenkelwerk den Abschluss der Achsen, während die Fenster in die Mittelachse gerückt werden. Dominierend sind auch die beiden Türme an den Seiten der Villa. Nach hinten sind sie kaum eine halbe Achse eingerückt, nach vorn wären es ganze drei, sodass die schweren Balkone drei Achsen andeuten und auf drei Pfeilern stehen. Unten bildet sich so eine Terrasse und oben zwei Balkone. Die Wand selbst hat in jeder Etage nur eine Fensterachse, die zugleich als Zugang nach draußen dient. Auch von den Türmen her gibt es je einen solchen Zugang zu den Balkonen.

Die Türme waren stets separate Räume mit eigenen Türen und eigenen Fenstern. Im Erdgeschoss und Obergeschoss gibt es zwei Achsen mit schmalen Sprossenfenstern. Da sich auf Höhe des Mezzanins nur eine Treppe zum darüber liegenden Turm befindet, sind die Fenster dort nur einachsig. Über dem Dach thronen die Türme auf einem angedeuteten umlaufenden Holzfries und deuten ein Fachwerk an. Die Fenster sind an allen vier Seiten zweiachsig, aber nicht doppelflügelig.

Die Rückseite überrascht durch vier große Loggien mit Spitzbögen und ganzflächigen Sprossenfenstern. Sie nehmen zwei Achsen ein, sodass die dritte Achse nur aus den von vorn bekannten rechteckigen Doppelflügelfenstern besteht. Im Dachgeschoss entspricht die Rückseite der Vorderseite. Die verbindende Mitte verschwindet hinten ganz hinter einer einladenden Rundbogentür. Das Zusammenspiel von Asymmetrie innerhalb eines symmetrischen Körpers und von venezianischen und klassizistischen Fensterformen in Kombination mit Fachwerk und äußerst reich verzierten Giebeln und Balkonen erzeugt eine große Spannung. Auf „Täuschungen“ durch Stuckatur wird in diesem volksarchitektonischen Bauwerk bewusst verzichtet. Der reich verspielte Stil wurde in der Bäderarchitektur in anderen Seebädern immer wieder benutzt. Villa „Möwe“ war die erste ihrer Art an der See.

Villa „Möwe“ diente als Logierhaus für vier Familien und die mitgebrachten Angestellten. Das Haus hatte Schornsteine aber keine Öfen. Man konnte sich Kanonenöfen ausleihen, nach dem Verkauf Heiligendamms 1872 bekam es feste Öfen. Während der Nutzung als Reichskadettenschule 1938-1945 waren hier Kadetten untergebracht und zuletzt auch Flüchtlinge. 1949 wurde das Haus Patientenhaus des Sanatoriums und 1967 Außenstelle für Thalassotherapie des Forschungsinstituts für Balneologie und Kurortwissenschaften Bad Elster und Außenstelle des Instituts für Badeklimatologie Berlin-Buch. Im Verkaufsprospekt der TLG steht Stand 1995: „Auch heute noch wird das Haus teilweise von diesem Institut genutzt“. Vor dem Haus gab es eingezäunte Messstationen und innen ein Fotolabor.

Dieses Bild entstand vor 1945 und zeigt bereits starke Vereinfachungen (Urheber unbekannt)
Quelle: ECH-Archiv)

Schon vor dem 2. Weltkrieg verlor die Villa viel von ihrem Zierrat. Insbesondere die Balkone und Giebelornamente verschwanden.

(Quelle: ECH-Archiv)

Nach dem 2. Weltkrieg präsentierte sich das Haus zwar noch verändert, aber es hatte seine Loggien im hinteren Teil noch. Diese wurden erst in der DDR geschlossen. Die dunkle Farbe resultiert aus dem Tarnanstrich von 1942. 

(Urheber unbekannt)

Zu DDR-Zeiten wurden dann gezielt auch die Türme bis zum Erdgeschoss abgetragen, die Loggien geschlossen und an Stelle der dreistöckigen Balkone in den Mittelachsen der beiden Gebäude ein neuer Balkon gebaut. Der verband die beiden Innenachsen der Häuser über den Verbindungsbau hinaus, sodass das Prinzip des Zweigiebelhauses im Erdgeschoss zerstört wurde.

Auch die Achsen wurden neu verteilt und durch stets gleich große rechteckige Sprossenfenster die Spannung aus der Fassade genommen. Hinten wurden die einstigen großen Loggien durch verhältnismäßig kleine Fenster ersetzt, die nur Abstandsmaßen, aber keinen Achsen folgten. Dadurch hatte das Haus ein anderes Gesicht, als ihm eigentlich gegeben wurde.

1953 wurde die Villa „Möwe“ in „August-Bebel-Haus“ umbenannt. 1990 erhielt es seinen alten Namen wieder. Gemeint ist der Vogel, der an der Ostsee zuhauf vorkommt.

Zustand 2012

Im Dezember 1997 wurde das Gebäude geräumt und stand bis 2018 leer. 2007 wurde es von der Denkmalliste genommen, weil es abgerissen werden sollte. In der Mediation von 2014 bot der Investor eine Sanierung im Bestand an, wenn das Haus wieder in die Denkmalliste aufgenommen wird. Dem folgte man, sodass auch die Sonderabschreibung AfA möglich war.

Am 09.05.2017 wurde mit dem ersten Spatenstich die Sanierung begonnen, am 09.11.2018 Richtfest gefeiert und im Oktober 2019 konnten die Bewohner einziehen. Die Sanierung verzögerte sich durch Probleme mit dem Wasserspiegel. Das Haus wurde mit einem Gerüst unterbaut, der Boden darunter ausgehoben und zwei neue Kellergeschosse aufgemauert.

Außer den sechs Wohnungen zwischen 120 und 135 Quadratmetern gibt es im neu geschaffenen Souterrain auch sechs Studios. Wie erwartet haben sich Erwerber Studios dazu gekauft, um z. B. einen eigenen Wellnessbereich zu haben. Die zwei Studios unter den Türmen werden als Ferienwohnungen angeboten.

 

Bilder von der Sanierung:

Entkernung 2018
Kellerunterbau 2018
Rohbau 2019

(Quelle: EntwicklungsCompagnie Heiligendamm)

(Quelle: EntwicklungsCompagnie Heiligendamm)
(Quelle: EntwicklungsCompagnie Heiligendamm)
(Quelle: EntwicklungsCompagnie Heiligendamm)
(Quelle: EntwicklungsCompagnie Heiligendamm)

 

Hinweis:
- In dieser öffentlichen Gebäudedatenbank sind Daten aus verschiedenen Büchern, Archiven, Sammlungen und Zeitungen privat vom Autor zusammengetragen. Wenn Sie weitere Informationen oder Korrekturen haben, hinterlassen Sie bitte gern einen Kommentar!
- Die verwendeten Bilder ohne Kennzeichnung sind eigene Bilder des Autors. Alle anderen Bilder unterliegen den Rechten der genannten Urheber. Bilder von Rechteinhabern, von denen bekannt ist, dass sie gegen die Verwendung von Bildern sind, werden grundsätzlich nicht veröffentlicht. Viele Bilder stammen aus dem Archiv der EntwicklungsCompagnie Heiligendamm, in dem auch die Archive von Beckmann und Rochow eingeflossen sind. Die meisten anderen Bilder sind überwiegend privat übermittelt worden. Oft fehlt die Rückseite und manchmal sind es auch nur Ausschnitte. Leider ist es bei einigen wenigen Bildern deshalb nicht gelungen, den Urheber ausfindig zu machen. Für die Veranschaulichung ist es aber wichtig, dass sie gezeigt werden. Wenn Sie Hinweise haben, teilen Sie diese bitte mit!
- Sollte ein Bild unbeabsichtigt Ihre Rechte berühren und entfernt werden müssen, genügt eine kurze Mitteilung und es wird entfernt. Gern wird aber auch der Urheber genannt und verlinkt. Das wäre allerdings sehr bedauerlich. Mit den Bildern wird kein Geld verdient und die Seite deckt nur die Kosten für das Hosting und die Aufwendungen für die Recherchen und Archivkosten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.