ERSTES SEEBAD – Über die Entstehung und den Autor.

In dieses Wespennest stach ich schon 2011 einmal, als es generell darum ging, dass in Börgerende hinter dem Deich etwas in großem Stil gebaut wurde, obwohl es sich um ein Überschwemmungsgebiet handelt.
Der Artikel sorgte für Aufschrei in Börgerende – zwei Gemeindevertreter sahen sich veranlasst, mich in einem offenen Brief und einem Leserbrief bestmöglich persönlich anzugreifen und die Sache selbst zu vertuschen. Ich lieferte Fakten hinterher und denen konnte man schließlich nichts mehr entgegensetzen.
Stattdessen meldeten sich nun die Widersacher jener Gemeindevertreter nach dem Prinzip „Meines Feindes Feind ist mein Freund“. Das ermöglichte mir tiefe Einblicke in die Verbindungen in Börgerende, aber auch in Bad Doberan, später Güstrow und Schwerin.

Ich begriff, wo der Fisch zu stinken begann und bohrte bei den Behörden nach. Auf schwammige Aussagen schickte ich gezielte Nachfragen, Ablenkungen lenkte ich zurück, Widersprüche stellte ich bloß und wann immer es passte, tat ich das in der Zeitung, sodass der Leser sehen konnte, wie „der Staat“ funktioniert.
Ich hatte einen kleinen Kreis an Leuten, die mir halfen, die Dinge zu verstehen und gezielter nachzufragen und es gab so einige interessante Entwicklungen, deren Zusammenhänge vielleicht im Kontext meiner Berichte oder zumindest Recherchen stehen.
Nach einem Patzer der Pressesprecherin in einer Antwort auf meine Presseanfrage wechselte sie in die Volkshochschule, bei den Wahlen gab es große Veränderungen in der Gemeindevertretung und ich spürte, wie die Behörden immer mehr mauerten und sehr sorgsam und gewissenhaft meine Fragen beantworteten, statt mich nur abzubügeln.

Geändert hat sich durch die neue Gemeindevertretung nichts und auch wenn ich bei der Gründung derer, die am Ende stärkste Kraft wurden und den Bürgermeister unterstützen, dabei und voller Hoffnung war, dass sie all das, was sie anprangerten, dann auch beseitigen, tat ich gut daran, nichts zu ihrer Unterstützung zu tun.
Denn jetzt machen sie genau das, was sie angeprangert hatten und zwar in einem noch größeren Tempo und symbolisch gesehen mit dem Stinkefinger in Richtung der Wähler und Unterstützer, die genau das ändern wollten.
Börgerende ist hin – damit mag ich keine Zeit mehr verschwenden. Am Ende hatte ich dann allerhand Karten in der Hand, die ich nicht ausspielen konnte, weil „meine“ Zeitung nicht mehr existierte. Aber mit Börgerende verbinde ich eine große Sache:
Der Gerichtsprozess

Es war 2014, meine Frau hochschwanger, in Heiligendamm herrschte wieder Stillstand und ich verglich als Kenner beider Orte Heiligendamm, wo nichts mehr ging, mit Börgerende, wo alles ging und auch die letzte Lücke mit Fewo-Komplexen zugepflastert wurde.
Ich berichtete über einen in Börgerende tätigen Bauträger, den man vor Ort kaum kannte, während außerhalb der Provinz die Zeitungen voll mit seinem Namen waren, wenn es um Gentrifizierung und die Hegestraße in Hamburg-Eppendorf ging.
Das Ganze tat ich auf ZAM, weil es dort besser passte. Dem Bauträger missfiel der Vergleich und er ließ mich abmahnen, wie man das so macht, wenn ein kleiner lokaler Blogger irgendwo in einem Dorf im Osten etwas über einen Bauträger aus Hamburg schreibt, das ihm missfällt. Und natürlich nimmt man eine renommierte Kanzlei mit Adresse am Elbufer und prominenten Mandanten.
Ich fühlte mich dennoch nicht geehrt und kontaktierte eben die Anwältin, von der ich wusste, dass sie genau mit dem Bauträger selbst Ärger hat und ihn besser einschätzen kann. Sie vertrat mich, es kam zur Klage und Verhandlung, am Ende stand ein Vergleich, für den mir nur „sonderbar“ einfällt: Ich sollte schreiben, dass ich nicht mehr behaupten darf, was ich behauptet habe – also meine Behauptungen wiederholen und dann dazu schreiben, dass ich die nicht mehr sagen darf. So standen am Ende all die Sachen doch wieder auf ZAM und das mit dem Segen der gegnerischen Partei.
Die Lorbeeren

Mich kostete die Sache Geld, das ich mitten in der Vorbereitung für das erste Kind nicht hatte, aber es brachte mir auch etwas ganz Wichtiges:
Das Gericht schrieb schwarz auf weiß, dass ich nicht nur ein Blogger, sondern wie ein Journalist zu sehen bin.
Ich hatte als Journalist Fehler gemacht, sodass es nicht unter Meinungsfreiheit fiel.
Das war wie ein Ritterschlag – das Landgericht Hamburg erkannte mich als Journalisten an.
Seinen Geschäftspartnern in Börgerende erwies der Bauträger damit einen Bärendienst, denn nun konnte auf meine Presseanfragen niemand mehr antworten, ich sei ja nicht von der Presse und man nicht zur Auskunft verpflichtet.
Der stille Vermittler

Während ich mir in Börgerende keine Freunde, außer die Betroffenen machte, deren Erwartungen ich aber angesichts der Größe des Skandals und des Unwillens geeigneter Journalisten zu Recherchen – sie werden wissen warum – nicht erfüllen kann, stand ich in Heiligendamm nun nicht mehr zwischen verfeindeten Fronten, sondern zwischen zwei Unternehmen, die sich erst einmal kennen lernen mussten.
Beide verbindet ein Ziel, aber die Vorstellungen vom Weg dorthin waren recht unterschiedlich und man sich nicht grün.
Jagdfeld hatte das Grand Hotel verloren und Morzynski hatte es übernommen. Ich war bei Pressegesprächen dabei, pflegte andererseits auch den Kontakt zur Jagdfeld-Gruppe weiter und so manches Mal, wenn der eine nicht verstand, warum der andere gerade so handelte, konnte ich durch anonymisierte Gedankenspiele weiterhelfen.
Der Rückzug

Nach 13 Jahren wilder Ehe fassten wir zu Neujahr 2012 am Warnowufer in Gehlsdorf den Entschluss, dieses Szenario zu beenden.
Heiraten wollten wir schon lange, einzig fehlte uns letztlich doch immer das Geld für wenigstens eine kleine Hochzeit, an die angesichts der Größe der Familie aber schon gar nicht zu denken war.
Unsere Eltern hatten signalisiert, uns zu unterstützen und 2012 sollte unser Jahr werden.

Warum gerade dieses Jahr, ist einfach erklärt. Das Haus, in dem wir zur Miete wohnten, wurde verkauft und der neue Eigentümer wollte das ganze Haus für sich haben.
Wir waren innerlich schon länger bereit umzuziehen, weil wir im Souterrain wohnten und der Regensommer 2011 uns dort unten hart getroffen hatte, wenngleich nicht zum ersten Mal. Die Bauarbeiter fühlten sich bei uns schon wie zuhause und es war absehbar, dass die Flickerei ewig weiter gehen würde, weil die beiden schwäbischen Eigentümer einfach nicht bereit waren, in ihr Anlageobjekt zu investieren.
Der Verkauf war eine logische Konsequenz, die wir zwar nicht so kurzfristig kommen sahen, aber da wir bereit zum Umzug waren, suchten wir eine neue Bleibe. Ich fand interessante Wohnungen eines Stephan Gloge in Westenbrügge, Reddelich und Wittenbeck und wir sahen uns schon nicht ganz leichten Herzens im Marstall von Gut Westenbrügge, denn in Bad Doberan und auch den umliegenden Dörfern war absolut nichts zu finden. Westenbrügge hingegen wäre für die Tätigkeit für den Stadtanzeiger eigentlich schon zu weit weg gewesen. In einem Gespräch mit dem Bürgermeister von Hohenfelde bat ich ihn, wenn er mal was hört, mir doch Bescheid zu sagen. Wie der Zufall es wollte, wurde in Hohenfelde gerade eine Wohnung frei – drei Zimmer, wie es gut zu unserer Familienplanung passte.

So konnten wir im Februar 2012 nach Hohenfelde umziehen und zugleich planten wir unsere Hochzeit. Die fand am 20. Oktober 2012 statt, dem wohl einzigen Tag mit strahlend blauem Himmel, Sonnenschein und Wärme.
Die standesamtliche Trauung fand im Möckelhaus statt und bei der Kirche hatten wir die Wahl und schwankten zwischen Heiligendamm und dem Münster, entschieden uns dann aber für das Münster. Möglich war das nur, weil meine Frau getauft, konfirmiert und Kirchenmitglied ist.
Wir wussten von einer Überraschung, nämlich einer Kutschfahrt nach Heiligendamm. Die anderen Gäste wussten das nicht und gingen davon aus, dem Hochzeitsauto zu folgen, als dann der Landser eintraf. Wir voran in der offenen Kutsche auf Durchlauchts Wegen, die motorisierte Gesellschaft hinterher, Empfang im Grand Hotel und eine ausgiebige Fotosession in meiner liebsten Kulisse und an unserem liebsten Strand – es war der bis dahin schönste Tag unseres Lebens und er endete spät in der Nacht in Reinshagen, wo wir uns eine Traditionsgaststätte für die Feier ausgesucht hatten, weil meine Familie damit etwas verbindet.

Perfekt war das Glück, als meine Frau im Winter 2013 das Gefühl hatte, dass das, was wir längst aufgegeben haben, nun doch wahr wurde.
Ich hatte einen Termin mit einem Schulfreund, der mich eingeladen hatte, die neue „Perle“ einmal so von innen zu besichtigen, wie sie auch die Interessenten sehen. Er hatte dazu die Möglichkeit und da er ZAM kannte, hielt er das für eine gute Gelegenheit, um sich mal mit mir über die Planung eines Klassentreffens zu unterhalten. Ich setzte meine Frau beim Frauenarzt ab und fuhr zu meinem Termin.
Bis auf ein paar Fotos und ein paar innere Bilder habe ich an die Besichtigung gar nicht so viele Erinnerungen, denn ich wartete auf den Anruf meiner Frau. Oben im Dachgeschoss kam er dann und auch wenn sie nichts verriet, verriet ihre Stimme alles. Ich war noch nie so schnell von Heiligendamm nach Bad Doberan gekommen.

Während der Schwangerschaft fuhren wir immer mal wieder an den Strand, damit sie ihre Füße ins Wasser halten kann. Am 30. Mai 2014 erblickte unser Sohn das Licht der Welt und von nun an waren wir regelmäßig in der Stadt und dem Seebad unterwegs.
Als meine Frau wieder Arbeit fand und ich in der Zeit den Kleinen hatte, schob ich ihn durch das Klosterareal, durch Heiligendamm und durch die Stadt.

Wir fuhren mit dem Molli und besuchten immer wieder die Bahnhöfe oder warteten an der Bahnstrecke auf den nächsten Zug.
Molli-Videos bei Youtube gehören zum Abendritual dazu, wie die Geschichte aus dem Buch.
Für mich ist das auch noch interessant, denn es sind auch alte Videos dabei und da kommt dann wieder fleißig die „Drucken“-Taste zum Einsatz.

Als der Steppke laufen konnte, gingen wir auf die Spielplätze, wanderten auf dem Jakobsweg (500 Meter vom Spielplatz zur Rasthütte und wieder zurück) und nahmen ihn in Althof auch zum Zeitungsaustragen mit.
Lange unternehmen wir beide etwas, wenn Mama am Wochenende arbeitete und wenn ich ihn fragte, wo wir hin wollen, dann hieß es immer: „Heidamm“.
Abgeschlossen ist die Familienplanung noch nicht und Hohenfelde wird auch nicht die letzte Station bleiben.

Das erste Jahr als Vater sorgte für einige Umstellungen. Späte Termine konnte ich oft nicht wahrnehmen und auch bei den Recherchen war ich manchmal eingeschränkt.
Zwei Monate hinderte mich das Pfeiffersche Drüsenfieber daran, mehr zu tun, als Pressemitteilungen umzuschreiben.
Das Ende einer Ära
Dafür kam ich 2016 wieder auf Touren und die Fewo-Verbotswelle und die Genehmigungen des Linden-Palais in Heiligendamm und der Waterkant Suites in Börgerende gaben mir mehr Stoff, als ich abarbeiten konnte.

Herrn Jütte war das inzwischen gar nicht mehr so recht – zwar wurden die Artikel gern gelesen und waren die klickstärksten auf der Internetseite, aber bei all den Skandalen kamen die netten Dinge des Lebens zu kurz.
Tatsächlich hatte ich dafür oft gar kein Auge übrig und musste sie erst einmal wieder suchen.
Allerdings war ich inzwischen auch so ein Hinterfrager, dass ich selbst die schönen Dinge hinterfragte und sie in den Kontext der unschönen brachte oder sie einfach noch nicht schön genug fand.

Trotzdem schrieb ich viele nette Sachen, die meine persönlich bekannten Leser dazu veranlassten zu fragen, was denn los ist – das ist ja alles nur noch derselbe wischiwaschi, wie in den anderen Zeitungen.
Ich nahm es mir zu Herzen und den Landkreis aufs Korn, denn hier war der Schreibstoff unendlich und außer Journalist bin ich ja auch (Mit)Bürger und Vater eines Kindes, das hier später auch noch ein schönes Leben führen soll. Diese Themen sprachen die Leute dann auch wieder an – da hatte ich die Kurve gekriegt.

Die Ära endete jäh im Jahr 2017. Das Jahr begann schon nicht gut – Schwiegermutter war krank und der Krebs erreichte nun das Endstadium.
Aus ganz egoistischen Gründen nahm sie keine Hilfe an, hatte sie doch drei Töchter großgezogen und die sollten nun für sie da sein.
Grundsätzlich wäre es für mich kein Problem gewesen, immer im Wechsel mal eine Woche mit dem Laptop in einem der ausreichend vorhandenen Zimmern zu arbeiten, aber in dem Kaff gab es kaum Internetempfang und mit dem Handy telefonieren ging auch nicht.
Ich verlor den Anschluss an das 70 Kilometer entfernte Zuhause, mir gingen die Themen aus, oft konnte ich nur auf dem letzten Drücker etwas aus dem Ärmel schütteln und die Qualität der Artikel litt darunter.

Die Schwiegerfamilie hatte dafür keinerlei Verständnis und meine Frau mit dem Kleinen dort allein zu lassen brachte ich nicht übers Herz und den Kleinen ohne Mama mitzunehmen auch nicht.
Die Ehe litt unter der Situation und ich musste darüber nachdenken, wie es denn nun weiter gehen sollte, denn ein schnelles Ableben war nicht in Aussicht.
Finanziell belasteten uns die vielen langen Fahrten sehr, sodass wir die Zeitung, für die ich schrieb, auch austrugen.

Das war interessant, denn die Leute warteten regelrecht auf ihre Zeitung, aber es war auch anstrengend. Meine Frau nahm auch noch einen Job auf, bestand die Probezeit nicht, fand aber einen neuen, was nun aber zur Folge hatte, dass ich auch ihre Zeitungen austragen musste. Finanziell half das sehr, körperlich belastete es sehr und für ZAM blieb seit 2014 eigentlich gar keine Zeit. Ich versuchte, ZAM zu monetarisieren, also Geld damit zu verdienen – einzig fehlte es mir entweder am Know how oder an der Zeit, Ideen umzusetzen.
Das Ende des Stadtanzeigers
Gerade als ich mit den Gedanken spielte, zum Jahresende mit dem Schreiben für den Stadtanzeiger aufzuhören und mich stattdessen der Entwicklung von ZAM und Journalismus dort zu widmen, bekam ich die Nachricht, dass der Stadtanzeiger eingestellt wird. Erst war ich erleichtert, denn das passte zeitlich, dann ernüchtert, denn das Geld fehlte und dann wehmütig, denn nun hatte ich keinen rechten Grund mehr, mich mit Leuten zu treffen und zu schreiben.
Die Orientierungsphase

Das mit ZAM war inzwischen aussichtslos – jemand zeigte mir, welches Potenzial die Seite hat und was ich dafür tun musste und so sehr ich es auch versuchte – das ist allein nicht zu schaffen.
Schon 2014 hatte ich die Idee, ZAM zu trennen in einen Teil, der das weiterführte, was bisher war und einen, der sich größerem widmete.
Ich reservierte erstes-seebad.de und wollte dort die Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Bad Doberan-Heiligendamm bringen.
Einzig für zeit-am-meer.de mangelte es mir an einem Plan. So ging es dort zwar seit 2012 immer mal ein wenig weiter, aber das ist eigentlich gar nicht der Rede wert – immer nur Editorials und mal einen kleinen Artikel. Ich hatte ja den Stadtanzeiger und so fehlte mir das auch nicht. Erst mit der Insolvenz wuchs mein Bedürfnis nach ZAM wieder, aber es schrumpfte mit den fehlenden Möglichkeiten, die alte Leserschaft zu erreichen.
Der Gästeführer
Der Zufall

Als ich eines Tages im Sommer 2013 mit meiner neuen Kamera bessere Fotos für die Gebäudedatenbank machte und gerade an der Perlenkette fertig war, beobachtete ich eine Gruppe von Leuten.
Sie versammelten sich um einen älteren Herren zur Stadtführung.
Solche Stadtführungen hatte ich schon oft beobachtet, nun wollte ich mal lauschen, weil ich gerade dicht genug dran war, um zuhören zu können.
Das gelang nur eine Minute, dann sah mich die Tourismuschefin Kerstin Morgenroth, die ausgerechnet an diesem Tag eine Stichprobe machte und an der Führung teilnahm. Wir kannten uns durch den Journalismus und die Pressearbeit und sie lud mich ein, mich anzuhängen. Von der Führung bekam ich nicht viel mit, denn wir redeten über Heiligendamm und den Tourismus und nach der Führung lud sie mich zu einem Schleckeis ein und fragte, ob ich nicht auch Stadtführer werden wolle. Es gab in Heiligendamm nur drei Leute und mit meinem Wissen sollte das doch kein Problem und eine Bereicherung sein. Das nächste Stadtführertreffen stand kurz bevor und ich könne mich ja mal vorstellen. Warum eigentlich nicht?

Ich besuchte die Stadtführer und war erst einmal peinlich berührt, dass gerade die Frau dort die Chefin zu sein schien, die ich vor einem Jahr mal mit einem besserwisserischen Einwurf bei einer Führung abgelenkt habe.
Sie erinnerte sich nicht mehr dran und so wurde es ein netter Abend in einer angenehmen Runde, deren Altersdurchschnitt sehr hoch ist.
Einige kannte ich vom Sehen oder vom Namen her.
Ja, ich wollte mit machen, aber dafür musste ich einen Kurs mit machen und der startete nach dem Sommer. Die Zeit brauchte ich ja auch, um mich vorzubereiten und so widmete ich mich wieder der Geschichte und als ich gerade wieder im Stadtarchiv nach Infos suchte, fragte mich Andrea Gläwe, ob ich mich mit Excel auskenne.
Der Historiker Helge Rehwaldt – für mich wie Professor Skerl eine Institution – hatte Einwohnerlisten aus russischen Registern ins Deutsche übersetzt und mit einem anderen Mann in eine Tabelle gebracht und nun musste das noch einmal kontrolliert und ein weiteres Buch übersetzt werden. Das war spannend und ich gern dabei. Dadurch erfuhr ich nun von dem, der mit stets so unerreichbar war, vieles aus der Geschichte. Später wurden wir Kollegen und wenn wir es nicht vergaßen, per Du. 2020 ist er gestorben.
Die Ausbildung

Außerdem kam ich so zur Ortschronistentagung, was ich noch gar nicht kannte und – schon allein wegen des Veranstaltungsortes damals im Pantechnikum Wismar – sehr spannend fand.
Wenn irgendwo irgend ein Chronist oder Historiker etwas vorträgt, bin ich dabei und mache fleißig Notizen.
Allein meine Frau fand es nicht immer gut, wenn ich sie mal wieder allein ließ, aber als sie auch arbeitete, gab sich das bald.
Der Kurs fand an der Volkshochschule statt, Dozent war Dr. Wilfried Steinmüller und der versorgte uns auch gleich mit dicken Packen Papier zur Landesgeschichte. Er kannte und lobte ZAM und ich erkannte, dass es hohe Erwartungen an meine Arbeit gibt, an die ich noch gar nicht gedacht hatte. Als Institution sah ich ZAM nicht an – genau das sollte es aber sein, nicht wie Wikipedia, aber wie Lexikus.
Ich versprach, dem gerecht zu werden. Gelungen ist mir das erst seit 2018. Nach dem Kurs gab es das Zertifikat und ab Mai 2014 hätte ich dann mit den Führungen beginnen können, bat aber um Einsätze erst ab Juli, wegen der Geburt des Sohnes.
Die erste Stadtführung

Meine erste Führung fand dann im Juli 2014 statt und ich nenne sie die „Gummibärchen-Führung“. Ich berichtete auf ZAM über die Führungserlebnisse und meine Erkenntnisse. Von nun an war ich wieder voll der Chronist, aber alles blieb offline, landete auf dem Papier, statt im Internet. Man mag es mir nachsehen: Damit konnte ich nun schließlich Geld verdienen, was online nicht ging. So gingen die Jahre dahin, ich freute mich immer auf den Sommer, recherchierte viel im Winter und hatte jedes Mal Lampenfieber vor den Führungen.
Die Gruppenführungen

Gruppen wollte ich deshalb nicht führen, aber als eine Gruppe mich direkt kontaktierte und privat um einen Vortrag über die Entwicklung der Stadt und am Nachmittag eine Führung in Heiligendamm bat, konnte ich nicht nein sagen und merkte bald, dass es Spaß macht.
So nahm ich dann auch Gruppen an, mal allein, mal zusammen mit Peter Mahncke. Jedes Jahr erreichte mich auch mindestens eine private Anfrage – Heimatverein, Bildungswerk, Zoo – und ich wurde somit immer sicherer. Das beste Jahr war 2020, denn da war ich der einzige Gästeführer, der auch während des Lockdowns ein Hygienekonzept hatte und führen konnte. Als krönenden Abschluss gab ich den Rostocker Stadtführern eine Update-Führung im Rahmen ihrer Weiterbildung. Die letzte Führung 2020 hatte 33 Teilnehmer aus der Post-Corona-Rehabilitation der Median-Klinik.
Als Perfektionist sorgte ich für professionelles Auftreten – als ein neuer Drucker fällig wurde, nahm ich einen mit A3-Größe, kaufte eine Fächermappe in A3, eine passende Umhängetasche, ein geeigneteres Portmonee und einen Stimmenverstärker, denn ich spreche eigentlich nicht laut und wenn ich es mache, werde ich schnell heiser.
Ich ließ Visitenkarten drucken und spendierte den Gästeführern auf eigene Faust die lang diskutierte Internetseite samt Facebook-Präsenz. Es gibt dennoch genug Probleme zu meistern – das Stadtmarketing war lange schlecht und da unsere Werbung darüber läuft, hatten wir dementsprechend auch nur wenig Zulauf. Das hat sich seit 2019 gebessert. Es ist ein Hobby, ein anerkanntes Ehrenamt und wohl keiner der Gästeführer tut es des Geldes wegen.
Der besondere Besucher
Im Sommer 2017 nahm dann ein Herr an einer Führung teil, der mir erst einmal dadurch auffiel, dass er sich für mein Namensschild interessierte. Nachdem ich ein paar Fragen stellte, gab er sich als Freund Jagdfelds zu erkennen und bereicherte die Führung durch natürlich echtes Insiderwissen.
Das war nicht einmal unangenehm und die anderen Teilnehmer bedankten sich bei ihm.
Bei einem Eiskaffee – dort, wo mit Frau Morgenroth alles begann – erzählte er mir von der Ausstellung Jagdfelds, die vom Obergeschoss, wo ich sie schon mal studiert hatte, in extra dafür hergerichtete Räume ins Hochparterre gezogen ist und die er gern zugänglich machen würde und da auf die Stadtführer hofft. Ich versprach ihm, mit den Gästeführern drüber zu sprechen.
Das Wiedersehen

Noch vor diesem Termin fand das Richtfest für Villa „Greif“ statt.
Wie beim Richtfest für das Grand Hotel regnete es aus Strömen und ich erreichte die Baustelle so nass, wie ich sie vor sieben Jahren beim Spatenstich für die „Perle“ verlassen hatte. Damals allerdings wegen der Hitze.
Unter den Kolonnaden stand die kleine Schar der bekannten Gesichter – Arenz und Seehaus aus der Stadtvertretung, mit denen ich mich unterhielt über das erfreuliche Ergebnis.
Es gab Wiedersehensszenen von Leuten, die einst zusammenarbeiteten und deren Wege sich getrennt hatten, deren gemeinsames Anliegen sie aber an diesem Tag wieder zusammenführte. An diesem Tag fühlte es sich an, als seien wir alle Mitstreiter für Heiligendamm. Diesmal hielt nicht Anno August Jagdfeld die Rede, sondern sein Sohn Julius. Es hatte ein Generationswechsel stattgefunden in diesen sieben verflixten Jahren.
Das Gespräch mit Jagdfeld
Als ich so an Anno August Jagdfeld vorbei kam, der gerade seinen Eintopf löffelte, kam auch Dr. Plöger hinzu und stellte mich ihm vor. Er sagte einen Satz über mich, der mich sehr erfreute. Wir redeten über die Ausstellung und über die Möglichkeiten, die ich für die Stadtführungen sehe. Es war ein kurzes Gespräch und das erste überhaupt. Gleich danach stürzten sich Medienvertreter auf ihn und ich ließ mir von Herrn Plöger das Obergeschoss zeigen, während wir ein Fazit zogen.
Dieses Gespräch zu erwähnen ist mir wichtig, weil es Leute gibt, die glauben, ich würde Jagdfeld kennen oder hätte Zugang zu ihm oder die gar unterstellen, ich würde für ihn arbeiten. Dass man etwas aus Überzeugung tut, scheint manchen gar nicht in den Sinn zu kommen. Bad Doberan ist eine Stadt mit vielen Ehrenamtlichen, die sich aus Überzeugung engagieren. Da bin ich nur einer von vielen. Inzwischen hat es ein weiteres Treffen gegeben. Herr Jagdfeld lud die im Showroom tagenden Doberaner Ortschronisten spontan ins Medinis ein. Wir redeten über Geschichte und Kultur, er hatte viele Fragen und interessante Ideen.
Die neuen Pläne

Die Gästeführer folgten der Einladung des Jagdfeld-Vertrauten und der warb für die Möglichkeiten, die sich uns ergeben.
Organisatorisch ist es allerdings nicht so einfach, die Führungen vorn mit der Ausstellung hinten zu verbinden.
Die anderen Gästeführer hielten sich zurück, ich hingegen preschte vor und bot nun jeden Freitag um 10 Uhr eine Kombi-Führung von der Promenade in den Geschichtssalon an.
Ohne Erfolg – die Resonanz war gleich Null. Nur zum Denkmaltag und einmal privat hatte ich Gäste. Also entschloss ich mich, das Konzept zu ändern. Die Ausstellung – inzwischen ist sie ins Nebengebäude gezogen – soll kein Museum sein, durch die jeder hindurch läuft. Darum biete ich sie exklusiv mit Führungen an.
Zurück zu den Wurzeln
Eigentlich war ZEIT AM MEER ja immer ein Hobby. Ich tat das alles für die Allgemeinheit und wenn ich mal Werbelinks einbaute, dann sollten sie die Kosten decken, was sie aber nie taten. So hoch waren die Kosten aber auch wieder nicht, sodass ZAM daran nie gescheitert wäre.
Eher an der Zeit, denn die fehlte zunächst 2012 durch den Umzug, die Hochzeitsplanung und den Journalismus. Meine Leistungsfähigkeit ist sehr begrenzt, darum bin ich ja voll erwerbsgemindert. Wenn ich dann für Artikel recherchierte, Vereinstätigkeiten hatte und dazu noch die Familie, dann blieb keine Zeit mehr für ZAM.
Ich versuchte, das alles etwas unkomplizierter zu gestalten, aber als das Grand Hotel 2012 dann auch noch in die Insolvenz ging, war für mich der Stadtanzeiger einfach das bessere Medium. Ich hatte Ideen für ZAM, auch ganz neue, aber keine Zeit dafür. Als dann die nicht unkomplizierte Schwangerschaft und schließlich die Kinderbetreuung dazu kamen, war es eigentlich vorbei mit ZAM. Ich wollte es nur nicht wahrhaben.
Es gab dann zwei Menschen, die ich beide sehr schätze, die sich nicht kennen und mir neue Optionen aufzeigten: Der eine schlug vor, ZAM auszuweiten und damit Geld zu verdienen und der andere schlug dasselbe vor, war dann aber, als ich es versuchte und damit nicht zurechtkam auch so ehrlich zu sagen, dass ich das nicht schaffen werden. Er bot mir ein fertiges und laufendes Projekt eines leider verstorbenen Bekannten an, wenn ich ihm dafür – den Wert des Projekts hätte ich nämlich nicht bezahlen können – ZAM gebe. Er will ZAM in die richtigen Hände legen, so wie man seinem Kind die beste Entwicklung zukommen lassen würde. Für mich ist es eine Befreiung, denn es war schade, dieses riesige Fass mit nur ein paar Tropfen zu füllen. ZAM kann viel mehr, als ich es allein jemals schaffen würde.
Natürlich wollte ich aber in keiner Sekunde die Inhalte von ZAM aufgeben. Ich hatte schon 2014 die Idee, aus ZAM eine Reiseseite zu machen und dafür die Geschichte, Gegenwart und Zukunft und das sonst noch hinzu gekommene auf eine eigene Seite zu bringen. Die Domain dafür reservierte ich mir schon: erstes-seebad.de. Ich hatte dann auch schon einmal die Inhalte dahin ausgelagert, sah dann aber bei Google ZAM abstürzen und darum holte ich alles zurück und entwickelte ZAM noch ein wenig weiter. Google hat das aber nicht beeindruckt. Somit hatte ich also ZEIT AM MEER im Internet quasi umgebracht.
Mit der Weitergabe eröffnet sich nun eine neue Möglichkeit, denn für irgendwann mal neue Macher ist mein Heiligendamm-Teil nicht relevant. Ich konnte also auf ERSTES SEEBAD völlig neu starten und doch auch einfach weiter machen.
Während ich die alten Rundgänge einfach übernehmen kann, macht das beim Architekturführer keinen Sinn, weil er den Stand von 2011 hat und längst überholt ist. Ich habe so viele neue Erkenntnisse, dass ich es gar nicht verantworten kann, den alten Kram wieder zugänglich zu machen. Für die Gebäudedatenbank gilt dasselbe, wobei die auch nicht einfach übernommen werden könnte, weil es sich um ein Tabellengerüst handelt, das WordPress nicht sauber übernehmen und Google mir verübeln würde.
Update November 2020
Seit der letzten Überarbeitung dieses Beitrages sind zwei Jahre vergangen. Im Juli 2018 starb meine Mutter, im Dezember 2019 mein Vater. Auch meine Frau hat beide Eltern in den zwei Jahren verloren. Unser Sohn geht seit August 2020 zur Schule, im Sommer war ich als Strandvogt unterwegs und wir sind mitten im zweiten Corona-Lockdown. Trotzdem oder gerade deshalb ist Erstes Seebad gewachsen, gut zu finden, sehr bekannt und auch gefragt. Und es monetarisiert sich selbst. Ob ich es nun noch „nur ein Hobby“ nennen kann, muss ich in Frage stellen. Ich poste jeden Tag einen Beitrag bei Instagram, mehrmals in der Woche bei Facebook, mehrmals im Monat Beiträge und alle drei Monate einen großen Rückblick auf das Geschehen in Bad Doberan-Heiligendamm.
Private, Sachverständige, Buchautoren und selbst das Stadtarchiv fragen für Recherchen bei mir an und während Corona konzentriere ich mich mit DOBERAN TO GO darauf, den lokalen Gewerbetreibenden zu helfen. Auch bei den Ortschronisten geht es voran, bei den Gästeführungen hatte ich das beste Jahr überhaupt. Schließlich hat auch die OSTSEE-ZEITUNG in ihrer Serie „Die Urlaubsmacher“ über mich geschrieben. Um also diese immer wieder gestellte Frage zu beantworten: Es läuft.
Sie sind jederzeit willkommen!
Ihr Martin Dostal






