Villa “Schwan” (Haus 10, Rosa-Luxemburg-Haus)

Alte Namen: „Rosa-Luxemburg-Haus“ (Haus 10)

Standort:
Prof.-Dr.-Vogel-Str. 11
54°08’38.5″N 11°50’45.6″E

Bauzeiten: 1860-1862
Bauherr: Großherzogliche Badeintendantur / Großherzog Friedrich Franz II. von Mecklenburg
Architekt: Theodor Friedrich Krüger
Sanierung: 2019-2021
Bauherr: EntwicklungsCompagnie Heiligendamm GmbH & Co. KG
Architekt: über den Projektentwickler EntwicklungsCompagnie Heiligendamm GmbH & Co. KG
Eigentümer: Großherzogliche Badeintendantur / Großherzöge von Mecklenburg(bis 1873), Aktiengesellschaft Baron Otto von Kahlden (1873-1900), Rudolf von Kahlden (1900-1911), Herzog Hugo von Hohenlohe-Öhringen und Ujest (1873-1885), Walter John (1911), Ostseebad Heiligendamm GmbH unter Gläubigerkonsortium (1911-1922), unter Baron O. A. Rosenberg (1922-1938), Beschlagnahmung durch das Deutsche Reich (1938), Reichsmarine (1938-1945), Beschlagnahmung durch die SMAD, herrenloses Gut (1945-1949), DDR über den FDGB (1949-1952), DDR über die Sozialversicherungsanstalt (1952-1990), Ostseeklinik Heiligendamm GmbH (1990-1993), BRD über Oberfinanzdirektion (1993-1997), FUNDUS-Gruppe über EntwicklungsCompagnie Heiligendamm I GmbH & Co. KG (1997-2021), Wohneigentümergesellschaft (seit 2021)
Nachgewiesene Nutzungen Vermietung durch die (Groß)herzogliche Badeintendantur (bis 1872), Badedirection (1872-1938), Kraft durch Freude (1936-1938), Reichsmarine (1938-1945), SMAD (1945-1948), Sanatorium für Werktätige Heiligendamm (1948-1990), Ostseeklinik Heiligendamm (1990-1997), Leerstand (1997-2019), Sanierung (2019-2021), Eigentumswohnungen (seit 2021)

Preisbeispiel: 99,2-133,1 qm (1.883.850-2.262.785 EUR)
Wohnungen: 6 zu 99,2-133,1 qm

 

Beschreibung:

Ursprungszustand 1860 (Quelle: ECH-Archiv)

Die Villa „Schwan“ ist die vorletzte planmäßig gebaute Villa der „Perlenkette“. Sie wurde in die Lücke gebaut, die für die Restauration gedacht war. Krüger nahm kaum Motive der anderen Villen auf, sondern schuf hier etwas ganz Neues. Da die Villa dem Waldrand folgend nicht in gerader Linie zur vorhandenen Bebauung stand, gab er ihr an der seezugewandten Westseite einen markanten Erker über beide Geschosse. Neben diesem schrägen Erker ist dann auch noch ein rechtwinklig angebauter Erker ebenfalls über beide Etagen vorhanden.

Ostansicht, 2006

Auch an der Ostseite existiert ein kleinerer Rundbogenerker mit Blick in den Garten und zur See. Das Hauptaugenmerk liegt aber auf einer Kombination aus einem Erker mit zwei darüber liegenden Balkonen. Ganze drei Achsen umfasst diese prägende Konstruktion und wird bekrönt mit einem Rechteckgiebel, der mit den aus der italienischen Renaissance bekannten Töpfen. Auch die Rundbögen erinnern an venezianische Palazzi des 14. und 15. Jahrhunderts. Gesimse, Bossierungen, Schmuckkamine und Giebelzierrat setzen Akzente der Neorenaissance.

Wie schon bei Villa „Seestern“ setzte Krüger nicht ausschließlich Rundbogenfenster ein. Hinter den Balkonen und in den Erkern griff er auf eckige Fenster zurück. Im seeseitigen Erker kombinierte er sogar unten eckige Fenster und oben Rundbogenfenster miteinander.

Südwestansicht, 2018

Eine absolute Besonderheit ist die L-Form des Hauses. Möglicherweise orientierte sich Krüger an er vorher entstandenen Villa „Anker“, welche nach Westen durch einen markanten Kubus den Übergang zur Restauration bilden sollte. Villa „Hirsch“ steht zwischen den beiden wie eingerahmt und somit hervorgehoben. Die Ecke wird durch einen schrägen Erker hervorgehoben, der auch den Eingang bildet. Durch diese Gliederung verstärkt sich noch einmal der Eindruck eines venezianischen Palazzi.

Im Prinzip hat diese Villa zwei Schauseiten, was auch durch einen weiteren Rechteckgiebel an der Westseite betont wird. Nach hinten ist die Villa abgesehen von über drei Achsen mit zwei Fensterachsen reichenden Balkonen eher zurückhaltend gegliedert.

Südansicht, 2010

Die Fassade des Anbaus zur Straße orientiert sich an den Villen „Perle“ und „Greif“ mit drei Fensterachsen. Im Mezzanin gab es größere Fenster, weil das Dachgeschoss hier repräsentativer ausgebaut war. Trotzdem hatte die Villa „Schwan“ auch nur die üblichen vier Familienwohnungen.  Die mitgebrachten Angestellten wurden im Mezzaningeschoss untergebracht. Das Haus hatte Schornsteine aber keine Öfen. Man konnte sich Kanonenöfen ausleihen, nach dem Verkauf Heiligendamms 1872 bekam es feste Öfen.

Nach der Entfernung der Attika (Quelle: Fotohaus Eggers)

Die Veränderungen an Villa „Schwan“ waren enorm- Jedoch sind sie nicht auf einmal, sondern nach und nach entstanden. Im ersten Abschnitt, als die Villen „Möwe“ und „Großfürstin Marie“ ihre Türme verloren, wurde die Dachgaube der Villa „Schwan“ entfernt und das Dachgeschoss aufgegeben. Der Balkon und de Erker blieben unberührt, Balkone verschwanden aber.

Nach dem Bau einer neuen Attika als Gaube, hier 2017

In den 1980ern erfolgten starke Umbauten. Der Grundriss wurde verändert und Wandöffnungen geschlossen. Der schräge Erker wurde um seinen Balkon verkürzt, der andere Erker verschwand und die Balkone ebenso. In die Erker wurden eckige sprossenlose Fenster eingebaut und im Haupterker ein großes Fenster verbaut. Nun holte man den Giebel wieder hervor, weil man das Dachgeschoss doch nutzen wollte. Allerdings wurde nur ein unproportionaler und neben der Mitte liegender Dreieckgiebel aufgesetzt. Alle Fenster und Türen waren messingfarbig gerahmt. Das alte Aussehen des Hauses ließ sich nicht einmal mehr erahnen.

Südwestansicht mit Bogenfenstern, DDR-Zeit, Urheber unbekannt

Die Villa „Schwan“ diente bis 1938 als Logierhaus, bis 1945 als Unterkunft für Kadetten und Flüchtlinge und wurde 1949 an die Deutsche Wirtschaftskommission übergeben. Mit der Gründung der DDR ging diese Organisation in der Regierung auf. Das Haus wurde dann Verfolgten des Naziregimes (VdN) zur Unterbringung vorgehalten, die seit 1953 von der DDR anerkannt wurden und sich mit einem Pass ausweisen konnten.

In den 1970er Jahren gab es diesbezüglich einige Änderungen. Es wurden Ehrenpensionen gezahlt und dabei wurde unterschieden zwischen Verfolgten des Naziregimes und  Kämpfer gegen den Faschismus. Allerdings konnte nicht jeder von ihnen in Heiligendamm Kur machen. Er musste eine Überweisung haben und sein Krankheitsbild auch zum Angebot des Sanatoriums passen, sonst konnte man ihn nicht kurieren.  

Man brauchte also nicht das ganze Haus für Verfolgte des Naziregimes. Im Zuge dessen gab es 1971 die umfangreichsten Umbauten. Es entstand ein größerer Gemeinschaftsbereich im Erdgeschoss. Nicht alles waren Wohnräume: Der Hauptraum mit dem großen Erker wurde für Inhalationstherapie genutzt. 1953 erhielt das Haus den Namen „Rosa-Luxemburg-Haus“ – Luxemburg war eine Widerstandskämpferin und wurde von den Nationalsozialisten ermordet.

1990 bekam die Villa den alten Namen “Schwan” zurück. Gemeint ist der Vogel, der auch das Wappen Bad Doberans ziert und dessen Ruf der Stadt ihren Namen gab.

Bei der Ausschreibung der TLG im Jahre 1995 wurde keine Nutzung erwähnt, spätestens Ende 1997 stand das Haus leer. Der Investor bekam 2004 die Erlaubnis, das Haus abzureißen und neu zu bauen. Darum wurde es nicht klimatisiert und verfiel zusehends. Es kam auch zum Einsturz der Decke im längeren Gebäudeteil.

Erst 2012 konnte die erste Villa in der Reihe saniert werden, bis dahin und auch danach dauerte ein mehrjähriger Streit zwischen Stadt und Investor an. In der Mediation 2014 bot der Investor die Sanierung im Bestand an, wenn das Haus wieder auf die Denkmalliste kommt. Dadurch können die Erwerber von der Sonderabschreibung “AfA” profitieren.

Die Sanierung startete 2018 mit Sicherungsarbeiten und geht seit 2019 sukzessive voran. Das Haus bekommt nachträglich ein Kellergeschoss unter die bestehenden Fundamente gebaut. Die Erker wurden zurückgebaut und mit Rundbögen neu aufgemauert. Jede Wandöffnung muss verändert werden, um wieder Bogenfenster einbauen zu können. Vom Aufwand her ist diese die schwierigste Villa. 

 

Bilder von der Sanierung:

Sanierungsfortschritt 2019

Sanierungsfortschritt 2019, Kellerbau

Sanierungsfortschritt 2020, Rekonstruktion
Sanierungsfortschritt Januar 2021, Rohbauzustand
Rückseite, Sanierungsbeginn 2019
Ostseite, Sanierungsbeginn 2019
Einblick durch Fensteröffnung, 2018
ähnliche Position 2019

Visualisierungen (EntwicklungsCompagnie Heiligendamm /archlab)

 

 

Hinweis:
- In dieser öffentlichen Gebäudedatenbank sind Daten aus verschiedenen Büchern, Archiven, Sammlungen und Zeitungen privat vom Autor zusammengetragen. Wenn Sie weitere Informationen oder Korrekturen haben, hinterlassen Sie bitte gern einen Kommentar!
- Die verwendeten Bilder ohne Kennzeichnung sind eigene Bilder des Autors. Alle anderen Bilder unterliegen den Rechten der genannten Urheber. Bilder von Rechteinhabern, von denen bekannt ist, dass sie gegen die Verwendung von Bildern sind, werden grundsätzlich nicht veröffentlicht. Viele Bilder stammen aus dem Archiv der EntwicklungsCompagnie Heiligendamm, in dem auch die Archive von Beckmann und Rochow eingeflossen sind. Die meisten anderen Bilder sind überwiegend privat übermittelt worden. Oft fehlt die Rückseite und manchmal sind es auch nur Ausschnitte. Leider ist es bei einigen wenigen Bildern deshalb nicht gelungen, den Urheber ausfindig zu machen. Für die Veranschaulichung ist es aber wichtig, dass sie gezeigt werden. Wenn Sie Hinweise haben, teilen Sie diese bitte mit!
- Sollte ein Bild unbeabsichtigt Ihre Rechte berühren und entfernt werden müssen, genügt eine kurze Mitteilung und es wird entfernt. Gern wird aber auch der Urheber genannt und verlinkt. Das wäre allerdings sehr bedauerlich. Mit den Bildern wird kein Geld verdient und die Seite deckt nur die Kosten für das Hosting und die Aufwendungen für die Recherchen und Archivkosten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.