Warum ist in Heiligendamm so viel eingezäunt und gefühlt abgesperrt?
Wenn man auf der Promenade in Heiligendamm wandelt, hat man rechts das Meer und links die historischen Logierhäuser und die imposanten Bauten des Grand Hotel Heiligendamm. Dazwischen befinden sich Zäune und Hecken und die Promenade endet auf einem großen Platz, von dem man auf die Seebrücke und an den Strand gelangt – der Rest ist aber von Zäunen und Hecken umgeben. Warum ist das so?
Das erste deutsche Seebad wurde 1793 als privates Bad der (Groß)herzöge von Mecklenburg-Schwerin angelegt und ist mit den Bedürfnissen seiner Nutzer gewachsen. 1872 erfolgte der Verkauf des Seebades durch Großherzog Friedrich Franz II. an Baron Otto von Kahlden. Unter dessen Aktiengesellschaft entstand 1874 als neues Gebäude das Haus „Grand Hotel“ und wurde das bisherige Adelsbad zum Hotelbetrieb.
Schon damals hatte das erste Abgrenzungen zur Folge, denn die großherzoglichen Cottages im Westen und das Palais „Prinzessin von Reuß“ im Osten blieben im Besitz der Regentenfamilie und wurden mit einem Zaun vom Rest des Ensembles getrennt. Auch die beiden Villen „Sporn“ und „Adler“ an der Seedeichstraße waren Privatbesitz der von Kahldens und wurden eingefriedet. Man nutzte auch Zäune, um die Besucherströme zu lenken – so gab es zu verschiedenen Zeiten Zäune zwischen Grand Hotel und Kurhaus, zwischen Grand Hotel und Villa „Großfürstin Marie – Perle“, zwischen Haus „Mecklenburg“ und der Küstenschutzwand und zwischen Burg „Hohenzollern“ und der Straße. Selbstverständlich waren auch schon damals alle Privatgrundstücke eingefriedet.
Die Einfriedungen veränderten sich im Laufe der Jahrzehnte mit den Bedürfnissen der Eigentümer. Zuletzt waren viele Häuser Teil eines Sanatoriums für Werktätige. Dieses war bis auf kleine Bereiche nicht umzäunt, sodass die Touristen zwischen den Häusern des Sanatoriums hindurch laufen konnten. In den Kurbetrieb selbst ging niemand – einzig ein Restaurant im Kurhaus war öffentlich und zu den Angeboten gehörten der Konsum in der Orangerie und die kleinen Geschäfte und das Café in den Kolonnaden und die Gaststätte im Haus „Bischofsstab“.
1990 endete der Kurbetrieb und die Immobilien gingen an den Bund. Die Treuhand wurde mit dem Verkauf der Bundesimmobilien beauftragt, versuchte zunächst den Einzelverkauf, beendete diesen dann jedoch und bündelte 26 Immobilien und Grundstücke zu einem Paket. Es gab zwei Interessenten am Verhandlungstisch, von denen einer die Finanzierung nicht nachweisen konnte und der andere mit dem Konzept nicht überzeugte. 1997 wurde das Paket an die FUNDUS-Gruppe aus Köln verkauft, die nach dem Scheitern der Verhandlungen Interesse bekundete und wieder ein Luxushotel nach altem Vorbild in den historisch dazu genutzten Gebäuden eröffnen wollte.
2003 eröffnete dieses 5-Sterne-Hotel in den Gebäuden „Grand Hotel“, „Kurhaus“, „Haus Mecklenburg“, „Burg Hohenzollern“, „Haus Brahn“ und der Orangerie sowie dem neu gebauten „Severin-Palais“. Das Luxushotel zog nicht nur Hotelgäste an, sondern auch Neugierige und nach wie vor gingen die öffentlichen Wege kreuz und quer durch das Hotelgelände, sodass Hotelgäste auf dem Weg zum Essen oder im Bademantel zum SPA mit diesen Touristenströmen in Berührung kamen. Die Wege gingen auch direkt an den Terrassen der Restaurants vorbei und sorgten so für Störung der Gäste, die ihre Unzufriedenheit auch äußerten und nicht wiederkommen wollten. Das Grand Hotel reagierte zunächst mit Toren über die Wege, aber ohne Zäune daneben. Diese wurden umrundet, weshalb man Hecken pflanzte. Diese wurden zertreten, weshalb man ein zaunähnliches Hindernis davor setzte – das zugleich auch den salzigen Seesand von den Wurzeln fern hält.
2004 begann ein Streit um die Wege. Es wurde festgelegt, dass die öffentlichen Wege dem Grundstückseigentümer gewimdet werden und er das Grand Hotel und auch die Cottages und Villen einfrieden darf. Das geschah dann auch und das ist heute der Istzustand.
Eingefriedet sind:
Das Grand Hotel als Ganzes mit dem Kurhaus, dem Grand Hotel, dem Severin-Palais, dem Haus „Mecklenburg“, der Burg „Hohenzollern“ und dem Haus „Brahn“. Der originale Baukörper der Orangerie ist ebenfalls Teil des Grand Hotels, der im späteren Anbau befindliche Designerstore ist von der Straße aus zugänglich. Das Grand Hotel Heiligendamm gehörte 2003-2012 über einen geschlossenen Immobilienfonds mit etwa 1900 Anlegern zur FUNDUS-Gruppe, war von 2012 bis 2013 im Insolvenzverfahren und gehört seit 2013 der Familie um den Wirtschaftsprüfer und Beteiligungsunternehmer Paul Morzynski.
Die Cottages im Kleinen Wohld als Ganzes mit Villa „Krone“, dem Mariencottage (beide bewohnt) und dem Alexandrinencottage (noch unsaniert). Hier gibt es wenigstens drei verschiedene Grundstückseigentümer, darunter die Familie Jagdfeld selbst und ihre EntwicklungsCompagnie Heiligendamm.
Die Villenreihe (Perlenkette) als Ganzes mit den Villen „Großfürstin Marie – Perle“, „Greif“, „Möwe“, „Seestern“, „Schwan“, „Hirsch“, „Anker“, dem „Palais Prinzessin von Reuß“, dem Haus „Bischofsstab“ samt Nebenbauten und den Kolonnaden sowie der neu gebauten Villa „Klingler“. Hier sind derzeit nur die Villen „Schwan“ und „Hirsch“ noch unsaniert und die Kolonnaden Baustelle – in allen anderen Gebäuden befinden sich bereits verkaufte Wohnungen. Im Palais „Prinzessin von Reuß“ befinden sich derzeit Unterkünfte für Flüchtlinge und im Haus „Bischofsstab“ gibt es Ferienwohnungen verschiedener Eigentümer, ein Restaurant und ein Eiscafe´- beides öffentlich zugänglich, aber eben vom Rest der Villenreihe abgetrennt. Es handelt sich bei den „Privaten Residenzen Heiligendamm“ um eine Gated Community – also schon vom Konzept her um eine geschlossene Wohnanlage ohne Zutritt durch Nichtnutzer. Die Häuser wurden durch die zur Jagdfeld-Gruppe gehörende EntwicklungsCompagnie Heiligendamm saniert und vermarktet und gehören de facto verschiedenen Wohneigentümergemeinschaften (WEG).
Diverse noch unsanierte Gebäude, wie die Villen „Sporn“ und „Adler“ in der Seedeichstraße, „Auguste“ nebst Gästehaus in der Kühlungsborner Straße / Gartenstraße, das „Mecklenburgische Heim für Kaufmannserholung“ in der Gartenstraße, das „Seehospiz“ und der „Fürstenhof“ und das Forsthaus in der Kühlungsborner Straße und das als Bürohaus und Bauhof genutzte Gebäudeensemble der ehemaligen Fachschule für angewandte Kunst in der Kühlungsborner Straße.
All diese Immobilien gehören auch der ehemaligen FUNDUS-Gruppe – heute Jagdfeld-Gruppe. Auf Grund eines städtebaulichen Vertrages darf der Investor diese Häuser im Hinterland aber erst sanieren, wenn das Grand Hotel und die Villen der „Perlenkette“ saniert sind.
Bis 2003 wurde das Grand Hotel saniert, von 2004 bis 2010 verhinderte ein politisch motivierter Streit die Sanierung der Villen der „Perlenkette“, 2010 wurde dann die erste Villa saniert und seit 2014 nacheinander vier weitere und ein Neubau realisiert. Die unsanierten Gebäude werden gesichert und aufwändig erhalten – die Umzäunungen dienen einerseits der Sicherheit und verhindern andererseits unerwünschte Besuche (Lost Place) und illegale Müllentsorgung. Ursprünglich reichten die alten Zäune aus, aber nachdem der Investor kritisiert wurde, dass seine Grundstücke verwildert und vermüllt sind, zäunte er sie ein und pflegt sie.
Eingefriedet sind auch Gebäude, die nicht der Jagdfeld-Gruppe gehören. Das größte Grundstück hier ist das der MEDIAN-Klinik samt Klinikpark, der auch nicht für die Öffentlichkeit vorgesehen ist, aber durchquert werden darf, um das Klinik-Café zu besuchen. Eingefriedet sind sämtliche Grundstücke der etwa 200 Einwohner Heiligendamms und die Gartenanlagen. Wenn man durch die Gartenstraße geht, hat man links und rechts Zäune und das auf etwa derselben Länge, wie die Promenade, die jedoch nur links Zäune hat.
Niemand würde von diesen privaten Grundstückseigentümern fordern, dass sie ihre Grundstücke oder gar die Gesamtheit der Grundstücke in der Gartenstraße als Ganzes der Öffentlichkeit zugänglich machen. Beim Grand Hotel und den Villen gibt es diese Forderungen jedoch schon seit über 20 Jahren, auch von politischer Seite. Bilden Sie sich bitte selbst Ihre Meinung dazu.
Zum Schluss: Man kann auch in Grand Hotel essen gehen – im Kurhaus-Restaurant, im Gourmet-Restaurant „Friedrich Franz“ beim Sternekoch Ronny Siewert, in der Nelson-Bar, der Baltic Sushi Bar, der SPA-Bar, dem Food-Truck und am Strand an der Beach Bar. Man kann den SPA-Bereich mit Innen- und Außenpool besuchen, Massagen, Kosmetikbehandlungen, Gesundheits-Threats buchen, Ayurveda und Yoga machen, Kurse besuchen, an den Kulturveranstaltungen – Konzerte, Lesungen, Buchvorstellungen – teilnehmen. Es gibt samstags Historische Vorträge im Grand Hotel, die auch für Nicht-Hausgäste nutzbar sind. Man sollte sich nur vorher anmelden, wie es in Hotels und Restaurants in diesem Segment üblich ist.
Das Grand Hotel hat hochwertige Angebote und die Preise bestimmen die Nachfrage. Außerhalb des Luxushotels gibt es mit dem Medinis, dem Jagdhaus und dem Herzoglichen Wartesaal im Mollibahnhof Retaurants. Am Kinderstrand bietet der DECK Beach Club eine breite Versorgung, am Hauptstrand der StrandPunkt mit zwei Imbissen und einer Espressobar, im Linden-Palais das Schwanen-Café und Bistro, sogar mit buchbarem Frühstücksangebot. Auch ein Textilgeschäft ist hier zu finden. An der Promenade gibt es eine Eismilchbar. Es gibt eine Kite- und Surfschule, ein SUP-Verleih, eine Surfschule und auch eine Tennisschule, die man über das Grand Hotel erreicht. Weiterhin runden eine Strandkorbvermietung und Souvenirs in den verschiedenen Geschäften und auch im Grand Hotel und der Median-Klinik das Angebot ab. In der Saison gibt es mittwochs und sonntags und im Winter sonntags öffentliche Führungen durch Heiligendamm. Ansonsten ist es so, wie vor 200 Jahren: Der „Ortskern“ von Heiligendamm liegt in der Mutterstadt Bad Doberan. Man fuhr nur zum Vergnügen an den Heiligen Damm.




