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Der Gauck-Besuch und der Zaun von Bad Doberan.

Vor sieben Jahren kamen die Staats- und Regierungschefs aus aller Welt in den Bad Doberaner Stadtteil Heiligendamm und alles drehte sich um einen Zaun. Diesmal kam „nur“ Bundespräsident Joachim Gauck zu einem Kurzbesuch mit Empfang verschiedener Regierungschefs und es dreht sich wieder alles um einen Zaun. Gemeint ist diesmal aber nicht ein 2,50-Meter-12-Millionen-Euro-Hochsicherheitszaun, wie der, der 2007 Heiligendamm umgab, sondern der kniehohe weiße Holzzaun um den Kamp herum. Dieser hat seine besten Tage längst hinter sich und ist alles andere, als ein Sicherheitszaun. Wer sich drauf stützt, der droht zu fallen. 

Gauck und der Zaun von Bad Doberan.
Gauck und der Zaun von Bad Doberan.

Das Holzzäunchen ist fast zwei Jahrzehnte alt und sieht auch seit gut einem Jahrzehnt schon so aus. Er umhegt nicht nur den zentralen Park der einstigen herzoglichen Sommerresidenz, sondern repräsentiert auch die Stadt, deren Rathaus vis a vis dieses Parks steht und durch eine Hauptöffnung dieses Zaunes zu erreichen ist. Das marode und vergammelte Ding sollte längst weg sein, denn nachdem verschiedene Bürger und Politiker immer wieder mit Worten darauf herum hackten, will die Stadtverwaltung eigentlich dasselbe mit der Axt tun und dem Zaun ein Ende setzen. Nicht ganz: Ein neuer Zaun soll her, dem Vernehmen nach aus pflegeleichteren Metall. Pflegeleicht ist in Bad Doberan alles, was nicht ständig – also alle 20 Jahre – gestrichen oder gewartet werden muss.

Womit wir beim Thema sind: Zwanzig Jahre ist eine gute Zeit für Holz, aber wie schon erwähnt, wurde der Zaun nie besonders gut gepflegt und sah darum schon seit vielen Jahren so aus. Das Auswärtige Amt stieß sich an der Optik und bat die Stadtverwaltung darum, ihn zu streichen. Dafür fehlte angeblich das Geld und so weitsichtig, sich mit sowieso immer benötigter Farbe ein wenig einzudecken, scheint man im Bauhof nicht zu sein. Das Auswärtige Amt verstand den Wink mit dem vergammelten Zaunpfahl und sagte eine Kostenübernahme zu. So kam es, dass der marode Zaun überall dort, wo das Staatsoberhaupt ihn zu sehen bekommen kann, dick mit weißer Farbe gestrichen wurde. Erinnerungen an potemkinsche Dörfer wurden wach und der Vergleich mit dem Helmut-Schmidt-Besuch in Güstrow lag nahe.

Es gab 2007 ähnliche Überlegungen in Heiligendamm, wo man auch die Fassaden tünchen wollte. Bundeskanzlerin Angela Merkel soll das aber damals überflüssig gefunden und gemeint haben, dass die Welt ruhig sehen könne, dass der Aufbau Ost ein wenig länger dauere. Doch das ist es in Bad Doberan gar nicht. Die Münsterstadt ist nach der Wende wieder erblüht und es gibt eherwenige, aber dafür prominente Fälle von Verfall. Eben Heiligendamm, aber auch das alte Moorbad. Nein, in Bad Doberan haben wir ein ganz besonderes Problem: Man macht die Stadt erst schön, wenn sich Staatsbesuch anmeldet. Wie viel die Stadt und ihre Gewerbetreibenden an der Stippvisite gestern verdient haben, wird man nicht erfahren und es wird auch nicht viel sein. Wie viel sie aber an den vielen Gästen verdient, die sich für Urlaub am Meer interessieren und die Bad Doberan mit Münster, Molli und Meer verbinden, das ließe sich beziffern.

Gäste anlocken funktioniert in Bad Doberan so: Irgend einen Namen für ein Fest erfinden, Buden und Jahrmarkt auf den Kamp stellen, für Musik sorgen und dann raus mit der Werbung für City-Fest, Herbst-Fest oder Kamp-Fest. Rasen mähen, Hecken schneiden, Unkraut entfernen, harken, hacken, Bäume stutzen, Zäune streichen usw. gehört nicht dazu. Das macht man erst, wenn sich hoher Besuch anmeldet und dann erst findet sich eine ungeahnte Masse an Bauhof-Mitarbeitern ein, die bisher im Stadtbild kaum zur Geltung kamen. Da fragt sich der normale Gast doch, warum man das alles nicht für ihn tut, der er doch schließlich Geld in den Geschäften lässt und Kurtaxe zahlt.

Man sieht: Es geht um mehr, als nur einen vernachlässigten Zaun – es geht um vernachlässigten Tourismus. Verantwortlich dafür ist – da der Tourismus Steckenpferd des Bürgermeisters und ihm unterstellt ist – der parteilose Bürgermeister Thorsten Semrau, seit zwei Jahren Oberhaupt der Stadt.

Ihm wurde Geheimhaltung aufgetragen, was den Gauck-Besuch angeht. Auf die Frage, ob er ihn auch treffen wird, soll er einem Lokalmedium geantwortet haben, keine Einladung erhalten zu haben. Am Tag des Besuches gibt er dann zu, Gauck zu begrüßen und verteidigt seine Lüge damit, doch zur Geheimhaltung verpflichtet worden zu sein. Wohl gemerkt: Da wusste es schon die halbe Stadt, darum fragte das Lokalmedium ja nach. Wo Diskretion Lügen rechtfertigt, muss man sich dann auch nicht wundern, dass Bad Doberan so ist, wie es ist.

Zum Glück hat „da oben“ niemand etwas mitgekriegt, weil noch weiter oben jemand für schönes Wetter sorgte, das gute Laune machte. Außerdem ging es ja um das Land, aus dem die Sage mit den potemkinschen Dörfern stammt.

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