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Der Perle stiller Geburtstag

Still feiert sie in diesem Jahr ihren 160. Geburtstag: Die Villa „Perle“ in Heiligendamm. Eigentlich ist es sogar ein Doppelgeburtstag: Vor 140 Jahren kam anlässlich des Aufenthaltes zur Hochzeit der Prinzessin Marie und ihrem Gatten Wladimir der westliche Anbau dazu, weshalb die Villa eigentlich „Großfürstin Marie – Perle“ heißt. Das Doppelhaus ist eines von drei Logierhäusern, die heute wieder in Weiß erstrahlen. Anders, als die Häuser „Bischofsstab“ und „Prinzessin-von-Reuß-Palais“ wurde sie vollständig neu wieder aufgebaut. Neben ihr wirken ihre grauen Geschwister wie Mahnmale: Die Sanierung steht durch Blockaden und Streit seit Jahren still, die Zeit jedoch nicht. Ist aber Heiligendamm damit geholfen, wenn einfach nur alles Grau wieder in Weiß verwandelt wird? Eine hochwertige Sanierung kostet viel Geld und so müssen hohe Quadratmeterpreise verlangt werden, um die Kosten wieder einspielen zu können. Billiger geht es immer, aber Billigbauten zerstören den Charme und das Potenzial des ersten deutschen Seebades. Ob nun über oder unter einer Million Euro: Wer will so viel Geld ausgeben, um in Heiligendamm eine Wohnung zu kaufen? Wohin mit dem Auto oder gar der Yacht und vor allem: Wohin mit sich selbst in Heiligendamm? Außer dem Grand Hotel und ein paar Gaststätten gibt es hier nichts. Das Meer ist nur an ein paar Tagen im Jahr warm, die langen Spaziergänge wiederholen sich schnell. Wer Trubel sucht, dem ist es hier zu ruhig und wer Ruhe sucht, wird im Sommer ob der vielen Autos und Badenden das Weite suchen. Bad Doberan hat sich noch nicht entschieden, wessen Geld man in Heiligendamm verdienen möchte. Für alle zusammen ist der Ortsteil zu klein und so reguliert sich die Nachfrage gerade selbst, nur eben zum Nachteil für das Stadtsäckel. Millionen-Villen zwischen Imbissen und Schotterplätzen funktionieren nicht, denn „billig“ zieht eine andere Klientel an. Allgemein ist der Kauf einer Wohnung einfach zu unsicher – das schlechte Umfeld, die politische Lage, die unangenehme Streitkultur und das angekratzte Image lassen Investoren zurück schrecken. Nur weiße Häuser machen eben noch keine weiße Stadt am Meer. Das Meer ist ja gerade das, was die Gäste vom Tages- bis zum Hotelgast suchen. Sie kommen wegen der Ostsee, erleben jedoch können sie sie kaum. Die Seebrücke ist nur ein kurzer Steg ohne weitere Funktion, die Promenade nur eine viel zu kurze und anspruchslose Schotterpiste und nach Osten – wo man wirklich mit Seeblick kilometerweit laufen kann – ist sie ungepflegt. Bei Regen bleibt nur das Vordach des WC-Hauses, denn so etwas wie Arkaden oder auch nur Pavillons gibt es nicht. Andere Seebäder machen es vor, investieren zusammen mit dem Land und Landkreis in einzigartige Seebrücken, luxuriöse Yachthäfen, abwechslungsreiche Bummelmeilen, besondere Thermen und Kurzentren und wunderschöne Kurparks. Anderswo machen Land und Landkreis aus Interesse am Erfolg ihrer lukrativen Seebäder auch mit und entwickeln zusammen mit den Kommunen richtige Konzepte für ganze Seebad-Regionen. In diesen Gesamtbildern finden dann auch die Investoren ihren Platz und groß und klein arbeiten Hand in Hand. Warum funktioniert das bei uns nicht? Liegt es vielleicht an uns selbst?

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