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Erstes deutsches Seebad feiert Jubiläum: Heiligendamm wird 220 Jahre alt.

Als Herzog Friedrich Franz I. zu Mecklenburg am 22.07.1793 das erste Mal in die Fluten der Ostsee stieg, hatte dieser Flecken Erde seine goldene Zeit längst hinter sich: Seit 300 Jahren lag das einst stolze Kloster Doberan in Bedeutungslosigkeit versunken da. Die Vorstadt zählte gerade 900 Einwohner und etwa 80 strohgedeckte Häuser. Der Herzog ging auf den Vorschlag seines Leibarztes Prof. Gottlieb Samuel Vogel ein, hier das erste Seebad Deutschlands zu gründen. Außer dem gesundheitlichen Aspekt hatte er freilich die möglichen Einnahmen und das hohe Ansehen vor Augen. Er ließ sein „Privatvermögen“ in den Aufbau des Bades investieren und schon bald konnte er von den Gewinnen neue Bauwerke errichten lassen. Es folgten hundert gute Jahre, in denen nicht nur das Seebad wuchs, sondern auch Doberan in neuem Glanz erstrahlte und Häuser wie Pilze aus dem Boden schossen. Mit der ersten Galopprennbahn auf dem Kontinent eroberte das Seebad internationales Parkett und der Name Heiligendamm war geläufiger, als viele mecklenburgische Städtenamen.
Zwei Ereignisse brachten die Wende: Die Sturmflut von 1872 zerstörte große Teile des Bades. Friedrich Franz II. wollte das reparieren, erkannte aber auch die Notwendigkeit, das Bad zu vergrößern und beauftragte ein Berliner Architekturbüro mit Planungen. Diese waren aus heutiger Sicht erschreckend aber damals war ein „Versailles am Meer“ genau das, was man brauchte, um sich gegen all jene zu behaupten, die von der Nummer eins gelernt und es besser gemacht hatten. Heiligendamm hatte stets nur etwa 10% der Besucherzahl, die Warnemünde und das heutige Kühlungsborn jeweils vorwiesen. Zu einer Stadt sollte das Bad nie werden: Das Schloss am Meer sollte die Einmaligkeit Heiligendamms unterstreichen und die Ober- und Mittelschicht ansprechen, mit der sich auf kleinem Raum mit wenig Zimmern mehr verdienen ließ. Dazu musste aber immer etwas Besonderes geboten werden: Die neuesten technischen Errungenschaften und die neuesten Kuranwendungen. Solange dieses Gemisch von Frohsinn und Erholung stimmte und man sich getreu dem Leitspruch erholen und in luxuriöser Umgebung vergnügen konnte, funktionierte der Ort, von dem Fanny Lewald schrieb, dass er „abstrakt, märchenhaft schön und prächtig“ ist.
Mit dem Beitritt zum Deutschen Bund mussten die Glücksspielstätten geschlossen werden, entfielen jährlich 30.000 Taler. Der Regent konnte die Reparaturen nicht bezahlen, erst recht nicht die Erweiterung. Für 500.000 Taler verkaufte er 1873 alles an eine Aktiengesellschaft, die sofort mit den Erweiterungen begann, das Badehaus aufstockte, die Villen der Perlenkette, die Orangerie und das Haus „Grand Hotel“ errichtete. Ohne den Herzog war das Bad aber nur halb so gut besucht, schwächelte die Aktiengesellschaft und konnte sich die Ausbaupläne auch nicht leisten. Noch schlimmer traf es Doberan, das im Schatten seines Seebades wieder in Bedeutungslosigkeit versank. Man versuchte alles: Bau des Gymnasiums, der Sparkasse, Verleihung des Stadtrechts und später des Namenszusatzes „Bad“, Bau von Schienenverbindungen und schließlich schuf man die Molli-Trasse, um Doberans Geschäfte näher an das Seebad zu rücken. Man wollte Dreh- und Angelpunkt für das wunderbar gediehene heutige Kühlungsborn sein und verlängerte die Trasse dorthin. Doch seinen Ruf als „Pensionopolis“ wurde Doberan nicht los; blieb stets als Ort der Ruhe hinter seinem Seebad zurück. Dieses ging 1911 in den Konkurs, wurde durch den Schweizer Baron Rosenberg gerettet, der es aufwertete und mit dem Bau des Golfplatzes, der Tennis- und Schießsportstätten wieder auf internationales Niveau hob. Bis 1936 erlebte das Bad eine neue Blüte, die zwar nicht an die alten Zeiten anknüpfen konnte aber eine neue Richtung aufzeigte. Möglich war das nur durch die Zahlungen Rosenbergs. Mit der Umwandlung als KdF-Bad, später Seekadettenschule, dann Notunterkunft und schließlich Sanatorium für Werktätige endet dieses Kapitel und Heiligendamm wird zum Imageobjekt, das nur durch hohe Zuschüsse erhalten werden kann.
Nach der Wiedervereinigung war ein neues Kapitel aufzuschlagen und man musste sich entscheiden, ob man die Nutzung der DDR fortsetzen und einen „Massen-Kurbetrieb“ einrichten, die des Dritten Reiches fortsetzen und einen „Massen-Ferienbetrieb“ daraus machen oder an die für den Ort guten Zeiten anknüpfen und wieder ein Bad für Frohsinn und Erholung in luxuriöser Umgebung machen wollte. Was auch immer es sein sollte, musste sich erstmals selbst tragen und am Markt behaupten. Das Kuriosum: Man wollte alles zugleich auf diesem kleinen Raum haben und entschied sich bis heute nicht. Diese Entscheidung aber braucht es, wenn Heiligendamm und damit auch Bad Doberan als eigenständige Einheit weiterleben und erfolgreich werden sollen.

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