Katholische Waldkapelle (Herz-Jesu-Kirche)

Standort:
Kurwald / Großer Wohld
Kühlungsborner Straße 19A
54.141352626791765, 11.847153840717228

Bauzeit: 1888
Bauherr: Friedrich von Suckow
Architekt: Gotthilf Ludwig Möckel

 

Beschreibung:

Nachdem es zwischen Preußen und Österreich zum Krieg gekommen war, kamen zunehmend Gäste aus dem Süden ins Seebad. Dort wurde 1867 bekannt, dass sie das Fehlen einer katholischen Kapelle bemängelten. Das Großherzoglich Mecklenburgische Ministerium, Abteilung für geistige Angelegenheiten, “gestattet der gräflichen Familie von Magnus aus Oberschlesien, während der Dauer des Aufenthalts am Heiligen-Damm für dieselbe in deren dortigen Logis von Zeit zu Zeit römisch-katholische Gottesdienste zu halten.”

Als das Bad 1873 den Besitzer wechselte, erwirkte Kammerherr Friedrich von Suckow, dass im Wald hinter den Villen eine Baufläche für eine katholische Kapelle freigelassen wird. Er sammelte Geld für den Bau ein, jedoch fand der vorgelegte Entwurf keinen Gefallen.

Plan von G.L. Möckel (Quelle: ECH-Archiv)

Er suchte Hilfe bei Gotthilf Ludwig Möckel. 1879 legte er dessen Entwurf vor, der den Geschmack der Entscheidungsträger traf. Er sollte das Geld für den Bau beschaffen, dann wurde er die Baugenehmigung bekommen. Also sammelte der Kammerherr Geld. Die Mainzer Zeitung Katholisches Volksblatt rief am 21.05. zu einer Spendensammlung für den Bau einer Kapelle am Heiligen Damm auf, damit die katholischen Badegäste dort ihren religiösen Bedürfnissen nachkommen konnten:

„Wer will mithelfen, damit am fernen Ostseestrand wiederum ein Kirchlein entsteht, in dem Jesu Opfer gefeiert werden und Maria als Meeresstern begrüßt wird?“

Tatsächlich brachte das einiges an Geld zusammen. Kammerherr von Suckow beantragte 1883 eine Baugenehmigung. Da er aber erst 9.383 Mark eingesammelt hatte, wurde dieser abgelehnt.

1887 hatte Kammerherr von Suckow 18.000 Mark für den Bau der katholischen Kapelle gesammelt. Der 66jährige befürchtete, einerseits den Bau nicht mehr mitzuerleben und andererseits das Scheitern der langjährigen Bemühungen. Er war in den 50er Jahren zum Katholizismus übergetreten, als er schon für den Großherzog arbeitete. Möglicherweise befürchtete er, keinen katholischen Nachfolger zu finden. Statt weiterhin Spenden zu sammeln, nahm er einen Bankkredit über 5.000 Mark auf und konnte im Sommer die Baugenehmigung beantragen und sogleich Gotthilf Ludwig Möckel mit dem Bau der Kapelle beginnen lassen. Das war auch Bedingung aus Schwerin:

“Vorausgesetzt wird, dass Sie die Kapelle nach dem von Baurath Möckel entworfenen Plänen erbauen lassen.”

Der Mecklenburgische Anzeiger vom 27. September verneint das religiöse Bedürfnis der katholischen Badegäste und schreibt: “Die Kirche kann eigentlich nur für den Zweck der Propaganda gemeint sein.”

Im September 1887 begann der Bau und im Mai 1888 wurde die Kapelle fertig gestellt. Über dem Eingang prangt schmiedeeisern der Spruch Jakobs nach seinem Traum von der Himmelsleiter, der wie ein Kontrast zum bekannten Heiligendammer Motto „Hier empfängt dich Freude, entsteigst du gesundet dem Bade“ wirkt:

“Hic domus Dei est, et porta Coeli” – Hier ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels.”

Am 23. August wurde das katholische Gotteshaus geweiht und „Herz Jesu“ (lat. „Corde Jesu“) getauft

Kammerherr von Suckow fasste seine Gefühle zusammen mit dem Ausruf “Deo gratias!” und schrieb:

„Wahrlich, eine herrliche, erhebende Vesperfeier, welche so an dieser neu geweihten Stätte abgehalten wurde. Die erste Wohnung, die wieder dem göttliche Herzen Jesu geweiht wurde an diesem seit langem entfremdeten Gestade der Ostsee, wo einst so segensreich die Söhne des heiligen Bernard gewirkt hatten“

Am Folgetag fand die erste Messe unter dem Badegast Pfarrer Gloger aus Forst in der Lausitz statt. Zu den Teilnehmern der Vesper gehören Kunstreisende der St. Thomas-Gilde und St. Lucas-Gilde aus Lüttich.

Der „Mecklenburgische Anzeiger“ vom 29. März 1883 sieht in der „Herz-Jesu-Kapelle“ jesuitische Auswüchse zum modernen römisch-katholischen Leben und eine Verirrung, die in Frankreich ihren Ursprung hat.

(Quelle: ECH-Archiv)

Etwa gleichzeitig wurde an der Kirche Sacre Coeur auf dem Montmartre in Paris gebaut. Seit 1875 verbreitete sich der Herz-Jesu-Kult in der katholischen Kirche unter jesuitischem Einfluss besonders in Frankreich. Der “Mecklenburgische Anzeiger“ vom 27. September 1887 erkennt ebenfalls kein wirkliches Bedürfnis für den Bau, „die Kirche kann eigentlich nur für den Zweck der Propaganda“ gemeint sein.

Die Sorgen, die kleine Kapelle in Heiligendamm könnte für eine politische Agitation missbraucht werden, war in Schwerin groß. Noch einmal wird in einem Erlass Friedrich Franz III. im Jahre 1912 ausdrücklich auf ihre Unterstellung unter „Landesherrliche Bestimmungen“ verwiesen und die Kapelle der Rostocker Pfarrei zugeordnet.

(Quelle: A. Beckmann)

Bis zum Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde die Kapelle für regelmäßige Gottesdienste vorrangig von Hotelgästen und später von Kurpatienten genutzt. Die Messen fanden in der Saison durch Gastpriester statt.

Mit der Aufgabe des Sanatoriums 1996 in den historischen Gebäuden Heiligendamms verfiel auch die nunmehr ungenutzte kleine Kirche zusehends. Die katholische Gemeinde gab sie auf. Schließlich haben Plünderer die noch von Möckel stammende Ausstattung bis zur letzten Bank ausgeraubt.

Nach 15 Jahren eröffnete die katholische Waldkapelle in Heiligendamm am 06.03.2005 wieder. Der Verein zur Förderung der Waldkirchen in Heiligendamm, vor Ort durch den Heiligendammer Eckart Paap verkörpert, veranstaltete ein Benefizkonzert mit dem Instrumentalduo Chiara und Musik und Tanz von Virginia Abs und Annette Riedel. Der Metalldesigner Werner Zimmermann stellte erstmals die neue Glocke aus, Uta Ehlers zeigte ihre Seidenmalereien „Ostseestreiflichter“ und der Godewind-Verlag stellte seine Reprints von historischen Büchern zu Doberan-Heiligendamm vor.

Im Juni 2012 wurde die Kapelle saniert. Das Dach wurde neu eingedeckt und gegen den Pilzbefall vorgegangen. Die Kosten teilten sich zu gleichen Teilen der Verein der Freunde und Förderer der Waldkirchen in Heiligendamm e.V., die ECH und die Denkmalpflege.

Temporäre Ausstellungen der Heiligendammer Fachhochschule waren keine Nutzungsalternative. Nach dem Verkauf Heiligendamms gründete sich ein „Verein der zur Förderung der Waldkirchen in Heiligendamm e.V.“ Vor Ort kümmerte sich der Heiligendammer Eckart Paap um die Belange des Vereins. Er starb 2010.

Die EntwicklungsCompagnie Heiligendamm GmbH & Co. KG beteiligte sich finanziell und durch Sanierungsarbeiten am Erhalt der Kapelle und auch das Grand Hotel unterstützte den Verein. Nach dem Eigentümerwechsel schliefen die Kontakte von beiden Seiten ein, weil auch der Verein zerfiel. Neben der Kapelle erinnert seit 2009 ein Stein mit der Aufschrift „Deo gratias“ an den Ausruf des Kammerherrn.

Dem Einschiffigen Backsteinbau schließt sich im Osten ein fast ebenso großer 7/10-Chorraum an, der von einem Dachreiter bekrönt ist. Dadurch entsteht eine interessante Durchdringung von Langhaus und Zentralraum. Formsteine und Glasurziegel schmücken die kleine Kapelle von etwa 110 m² Grundfläche, die 50 Personen Platz bietet.

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