aktuell

Kein 2. Heiligendamm auf Wustrow? Ein Kommentar.

Da ist sie wieder, die Endlosdiskussion um die Halbinsel Wustrow bei Rerik. Das Eiland ist wieder voll und ganz die „verbotene Halbinsel“, denn die seit 2018 ermöglichten Führungen finden seit 2026 nicht mehr statt. Der Investor kann kein Geld auf Wustrow verdienen, also sorgt er dafür, dass wenigstens keine unnützen Kosten entstehen. Genaueres kann man hier nachlesen – aber erst nach diesem Text.

Nachdem ich nun eine Galerie mit Fotos erstellte, die ich bei der lang vor uns hergeschobenen Führung im Juli 2025 gemacht hatte (ohne zu wissen, dass ein halbes Jahr später alles zu spät gewesen wäre), gab es natürlich Reaktionen auf diesen Facebook-Beitrag. Er wurde weitergeteilt und ich konnte weitere Reaktionen erfahren.

Sie sind gar nicht so sehr gegen die Sperrung gerichtet. Wer das Projekt des Investors nicht will, für den ist Stillstand besser, als jede Entwicklung und wer das Projekt befürwortet, muss zu dem Schluss kommen, dass es derzeit ohnehin nicht realisierbar ist, weil einfach der politische und auch gesellschaftliche Wille der Bürger Reriks nicht da ist. Die Halbinsel Wustrow bleibt, was sie ist.

Die Pläne waren andere: Ähnlich, wie in Heiligendamm sollte die Halbinsel Wustrow ein Urlaubsort für außergewöhnlich Wohlhabende werden – im Volksmund „Reiche“. Während aber Heiligendamm ein Ort der eleganten Ruhe, des Luxus inmitten der Natur sein will, sollte Wustrow eher das Freizeitparadies für Besserverdiener werden. Marina, Golf, Wassersport – das flache und ruhige Salzhaff wäre bestens dafür geeignet.

Schon hier zeigt sich, dass Heiligendamm und Wustrow zwei verschiedene Paar Schuhe sind – nur eben von einem „Hersteller“. Der ist die Jagdfeld-Gruppe, damals noch angetreten als FUNDUS-Gruppe mit geschlossenen Immobilienfonds für Anleger mit Hang zur Wiederbelebung von Legenden mit Historie. Das ADLON in Berlin ist das Meisterstück des Unternehmens von Anno August Jagdfeld und Heiligendamm das prominenteste Projekt. Auch, weil es sehr viel Publicity um die Entwicklung Heiligendamms gibt – bedauerlicherweise meistens schlechte.  

Es liegt eigentlich nicht nahe, zwei unterschiedliche Paar Schuhe zu vergleichen, aber es ist nun einmal ein Trend, Äpfel und Birnen zu vergleichen. Am Ende steht die Aussage vom Anfang dieses Artikels:

WIR WOLLEN KEIN ZWEITES HEILIGENDAMM

Doch was genau, wollen jene, die dieses sagen oder gar auf Transparenten zum Ausdruck bringen nicht?

Wollen sie keine Sanierung der alten Häuser? Das ist ohnehin kaum möglich und auch nicht Teil des Plans. Auf Wustrow sollte nach altem Vorbild Heinrich Tessenows eine neue Gartenstadt entstehen. Wohnen im Grünen, umgeben vom Meer. Ein kleines Paradies. Das ist Heiligendamm zwar auch, aber ein Küstenort ist keine Halbinsel und ein Seeheilbad keine Wohnsiedlung. Was auf Wustrow geplant war, geht in Heiligendamm gar nicht:

Auf Wustrow gehört alles der Jagdfeld-Gruppe, in Heiligendamm kaufte sie nur ein Paket von 26 verstreuten Immobilien, von denen inzwischen fast die Hälfte ihr nicht mehr gehört. Das Grand Hotel mit acht Gebäuden gehört seit 2013 der Familie Morzynski, die Villa „Krone“ einem Privaten und genau genommen gehören alle vollständig vermarkteten Villen an der Promenade den Wohnungseigentümergesellschaften (WEG) – also den Wohnungseigentümern der Wohnungen in diesen Villen. Hinzu kommen unzählige Privatgrundstücke, auch das der Median-Klinik.

Auf Wustrow würde es sich ähnlich entwickeln, aber es lässt sich mit den Villen der „Perlenkette“ am Besten vergleichen: Die Wohnungen – auf Wustrow eher ganze Häuser – würden Privaten gehören, aber das große Ganze – in Heiligendamm die „Perlenkette“ und auf Wustrow die halbe Halbinsel  – wären eingezäunt und für die Öffentlichkeit nicht jederzeit zugänglich.

Bei der Perlenkette kommt man in eine Gaststätte und ein Eiscafé und im Grand Hotel kommt man übrigens auch überall hin – das Meiste sogar ohne Zimmerbuchung. Allein im Grand Hotel befinden sich vier Restaurants, die SPA-Bar, ein Food Truck und vorm Hotel eine Beach Bar. SPA, Kultur, Kulinarik – all das ist öffentlich. Nicht auszuschließen, dass es so etwas auch auf Wustrow geben kann. Die Nachfrage bestimmt das Angebot und die Jagdfeld-Gruppe hat mehr als einmal bewiesen, dass sie flexibel auf den Markt reagieren kann – flexibler, als manch Stadtvertreter nachzuvollziehen vermag oder bereit ist.

Will man nun also kein 2. Heiligendamm – keine Angebote für die Öffentlichkeit?
Oder kennt man Heiligendamm gar nicht und ist dem Irrtum aufgesessen, dass es keine Öffentlichkeit gäbe und will diese aber auf Wustrow?

Ich denke, da bin ich auf der richtigen Spur. Denn kein Fortschritt kann es ja nicht sein, den man auf Wustrow will. In Heiligendamm wurde von 2000 bis 2003 eine weltweit anerkannte Meisterleistung vollbracht. Gleich nach der Eröffnung des frisch restaurierten Grand Hotels gewann es den MIPIM Award als schönstes Hotel der Welt – noch vor dem HYATT in Tokyo.

Dann gab es jahrelang Streit um die Wegeführung zum Strand, sodass erst 2010 die Sanierung der Villen der „Perlenkette“ und der Cottages begonnen werden konnte. Nach vier Jahren weiterem Dauerzoff ging es dann erst 2014 richtig los. Aktuell sind vorn nur noch zwei Villen unsaniert, das Alexandrinencottage und die Villa „Sporn“ stehen zum Verkauf und die Kolonnaden sind im Umbau.

Alles Weitere darf Jagdfeld auf Grund eines städtebaulichen Vertrages erst sanieren, wenn er „vorn“ fertig ist. Durch die erst 2014 in einer Mediation beigelegten Streitigkeiten hat alles zehn Jahre länger gedauert, aber gemessen daran ist man in Heiligendamm trotz schwieriger Marktlage im Plan. Das hat jüngst auch sein Nachbar Paul Morzynski in einem TV-Beitrag honoriert und der weiß als Eigentümer des Grand Hotels und Wirtschaftsprüfer nur zu gut, dass bei solchen Projekten Herzblut gefragt ist.

Einen solchen Fortschritt auf Wustrow nicht zu wollen, erscheint nicht logisch. Es sei denn, man will gar keine Entwicklung, sondern ein Naturschutzgebiet. Das ist dann wirklich kein 2. Heiligendamm, denn Heiligendamm ist ein Kleinod der Architektur und Kultur, des Luxus und des Gesundheitstourismus. Das auf Wustrow nicht zu wollen, ist völlig legitim. Es kann nur eine(n) geben. 

In Heiligendamm profitierte die Stadt gleich mehrmals von Geschenken, die der Investor zwar auch in Rerik machte (Schenkung eines Grundstücks am Haffplatz, Überlassung von Grundstücken als Parkplätze der Stadt – inklusive der Einnahmen und nicht zuletzt die Erlaubnis von Führungen über Wustrow. In Heiligendamm übernahm Jagdfelds ECH für vieles die städtischen Anteile, sodass die Stadt nichts bezahlen musste für die L12 um Heiligendamm herum, für den Waldparkplatz, für den Kurwald und noch weitere Projekte. Auch die Schleuse wurde auf Kosten der ECH erneuert und das von der Politik gewollte Expertenkolloquium bezahlte auch die ECH. Eine Badeinsel, den Spielplatz in Vorder Bollhagen, Pflegemaßnahmen, z.B. im Kurwald, jede Menge Sponsorings – die Liste der Geschenke und Gefälligkeiten an die Stadt und ihre Vereine und Bürger ist lang. Auch wenn das Klima in Heiligendamm nicht gut ist, zeigt der Investor – und zeigt auch das Grand Hotel – immer wieder Wohlwollen. In Rerik ist das nicht so – aber dort will man ja auch kein 2. Heiligendamm.  

Oder reduziert man Heiligendamm wirklich nur auf die Zäune und Hecken um das Grand Hotel und die Privaten Residenzen aka „Perlenkette“?

Und wenn ja – warum stören sich dann dieselben Leute nur an diesen Zäune, die zwar in der Form erst nach 2003 nach und nach entstanden sind, aber die es seit 1872 schon zu jeder Zeit an fast jeder Stelle mal gab? Ist man noch nicht in der Gegenwart angekommen und trauert alten Gewohnheiten auf alten öffentlichen Wegen über Volkseigentum hinterher? Dann habe ich auch keinen Rat – außer vielleicht, endlich mal die Reise ins Jetzt anzutreten.

Auf der Promenade hat man rechts die Düne, den Strand und das Meer mitsamt Seebrücke und links zwei große zusammenhängende Grundstücke, die mit Hecken und kleinen Zäunen eingefriedet sind. Geradeaus geht es nur auf dem Strand weiter und später auch auf der Steilküste – soweit die Füße tragen.

Die Gartenstraße ist fast so lang, wie der befestigte Teil der Promenade. Geht man durch die Gartenstraße, hat man links Zäune, rechts Zäune und dazwischen nur die Straße. Keiner würde auf die Idee kommen, gegen diese über hundert Zäune von über hundert Grundstückseigentümern zu kämpfen oder gar „Stichwege“ durch ihre Privatgrundstücke zu wollen – bis hin zur Forderung nach Enteignung. Das passiert nur Jagdfeld. 

Ist das vielleicht auch die Antwort auf die Frage, warum kein 2. Heiligendamm?
Kein „böser reicher Investor aus dem Westen, der uns armen Ossis alles wegnimmt“? Ich kann den Menschen diese Gedanken nicht verdenken. Sie sind genau das Bild, das manche Medien zeichnen. Ich kann nur einladen, selbst zu denken und sich selbst ein Bild zu machen vom wahren Heiligendamm, von dem es tatsächlich gar kein zweites geben kann. Denn da bin ich ganz bei Fanny Lehwald, die 1879 schrieb:

„Ein solch reizender, solch abstrakter Badeort wie dieser muß irgendwo existieren und erhalten bleiben, damit wir die Vorstellung gewinnen können, wie es sich im Märchen oder in den Gefilden der Seligen lebt, in denen man alles hat und nichts entbehrt, in denen nur genießende Menschen verweilen und von des Lebens Müh´ und Arbeit so gut wie nichts zu merken ist.“ 

 

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert