Unverständnis bei Interessenten: Grundstücke nur an Höchstbietende

Nie ist Bad Doberan so schnell gewachsen, wie im letzten Jahr.
Kaum hatte die Vermarktung für den Ostsee-Wohnpark auf dem Kammerhof begonnen, schon gab es für fast jedes Grundstück gleich mehrere Interessenten. Verkauft wurde stets an den Meistbietenden mit Bonität. Diese Praxis stößt nicht überall auf Verständnis und sie hat Folgen für die Stadt:

 

Fünfzehn von 19,5 Hektar des neuen Kammerhof-Baugebietes sind bereits verkauft, die restlichen Grundstücke gehen im Laufe des Jahres weg und am Jahresende wird das neue Wohngebiet vollständig erschlossen und werden die letzten Arbeiten an den Grünflächen beendet sein. Etwa 200 neue Familien freuen sich auf ihr neues Zuhause in Bad Doberan und die Stadt hat aus dem Millionengrab eine Goldgrube gemacht – 17 Mio. Euro sind es jetzt schon.

 

600 Interessenten für 250 Grundstücke

Eigentlich könnte alles gut sein, denn es gibt viele, die glücklich sind. Doch es gibt auch viele Unglückliche, denn für 250 Grundstücke gab es etwa 600 Interessenten – mehr als die Hälfte ist also leer ausgegangen. Den Zuschlag bekam, wer am meisten Geld bieten und Sicherheiten vorlegen konnte. Das war regelmäßig nicht die Familie, die seit Jahrzehnten in oder um Bad Doberan wohnt und der Dank Familienzuwachs die Mietwohnung zu klein geworden ist und die deshalb ein Haus bauen wollte. Das waren regelmäßig entweder Leute, die besser verdienen und es sich leisten können.

Bei den Wohnungen in den neu entstandenen Mehrfamilienhäusern ist es ganz ähnlich. Die wenigsten Wohnungen sind Mietwohnungen – in der Regel handelt es sich um Eigentumswohnungen. Wenn man für eine Wohnung zwischen 150.000 und einer halben Million Euro auf einmal haben kann, dann baut man Eigentumswohnungen und nicht Mietwohnungen, die verwaltet und erhalten werden müssen. Nur schnelles Geld ist sicheres Geld. Vor 10 Jahren hätte man für diese Summen große Häuser auf großen Grundstücken bekommen – heute gibt es dafür entweder ein kleines Haus oder ein kleines Grundstück, aber nicht beides zusammen. Da macht Bad Doberan gewiss keine Ausnahme – der Markt gibt es her. 

Wenn aber die Stadt ihre letzten Flächen verkauft und nichts für den sozialen Wohnungsbau übrig lässt, dann kann sie auch nicht auf die Investoren und Projektentwickler zeigen, die unter voller Ausnutzung der erlaubten Flächenzahlen Wohnraum zu schnellem Geld machen. Die Stadt tut mit der vollen Ausnutzung der Grundstücke zum Verkauf an Dritte selbst nichts anderes. Sie fördert damit den Verkauf an all jene, die es sich leisten können – wissend, dass das regelmäßig nicht die Einheimischen sind, die hier bleiben möchten.

 

Kleiner Spiegel der Gesellschaft

Somit manifestiert sich hier der Unterschied zwischen Normalverdiener und Besserverdiener. Aber auch der Unterschied zwischen Ost und West ist lange nach der Wiedervereinigung noch präsent, weil er einfach mit dem ersten zusammenhängt. Sparen und Vermögen erwirtschaften, war in der Marktwirtschaft des Westens einfacher, als in der Planwirtschaft des Ostens und die Erben der Großväter und Väter, die nach dem Krieg den Westen wiederaufgebaut haben, sind den Erben derselben Generation im Osten einfach um vier Jahrzehnte voraus. Wer 40 Jahre länger sparen und vor allem vermehren kann, der hat letztlich natürlich auch mehr. So sind dann auch viele Neu-Doberaner aus den alten Bundesländern hinzugezogen. Manche fühlen sich willkommen, aber es gibt auch welche, die sich beneidet fühlen und Neid ist keine erquickliche Form der Anerkennung.

 

Für die Stadt hat es Vorteile

Für die Stadt ist es letztlich egal, ob hier mehr Mecklenburger oder Rheinländer, Westfalen oder Bayern wohnen und wenn es Thüringer, Sachsen, Brandenburger oder (Ost-) Berliner wären, dann würde sich wahrscheinlich auch keiner darüber aufregen. Für die Stadt ist es vielleicht sogar gut, wenn mehr Leute sich hier niederlassen, die mehr Geld haben, das sie hier schließlich auch ausgeben. Hochverschuldete Einheimische, die an jeder Ecke sparen müssen, um ihre derzeit horrenden Kredite abbezahlen zu können, können sich den Café-Besuch nicht so oft leisten, gehen doch eher zum Textil-Discounter, als in die Mollistraße zum Einkaufen oder zum Verbrauchermarkt, als zum Wochenmarkt. Das macht schon einen Unterschied für die Stadt, wie viel Geld die Leute haben und wenn das Höchstgebot Geld übrig lässt oder die Höchstbietenden noch aktiv auf diesem Niveau Geld verdienen, dann ist das für die Stadt gewiss kein Nachteil.

 

Aber auch Nachteile

Der Nachteil ergibt sich erst dann, wenn wie in den 1880ern statt junger Familien mit Kindern nur Paare ohne Kinder kommen, schlimmstenfalls schon in Pension oder Rente. Denn dann kommt nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit und dann wird Bad Doberan wieder Pensionopolis. Der Landkreis hatte bei Erstellung des B-Planes keinen Bedarf für einen neuen Kindergarten gesehen. Hat er vorausgesehen, welche demografische Gruppe hier siedeln wird?

Ein weiterer Nachteil ist, dass wenn die Einheimischen keine Perspektive mehr in ihrer Stadt und der näheren Umgebung haben, mit ihnen auch die Identität der Stadt verloren geht. Eine Stadt, die nur von „Fremden“ bewohnt wird, fühlt sich ganz anders an, als eine Stadt, in der jeder jeden kennt und in der sich schon die Großeltern kannten. Wobei diese Nähe und Verbindungen auch Nachteile haben, wie man in Politik und Verwaltung sehen kann. Ob das eine aber das andere ausgleicht, ist fraglich. Im Moment gibt es gleichermaßen Orte, in denen sich Fremde von den Einheimischen unwillkommen fühlen und solche, wo sich die Einheimischen in der Minderheit fühlen. Spannungen gibt es in beiden – Lösungen eher nicht, denn wo Angst herrscht, gibt es keinen Platz für Konstruktivität und Zusammenarbeit.

 

Wandel bewirkt Verschiebungen

Von Angst ist man in Bad Doberan weit entfernt. Es ist Unmut über die „Versteigerungen“ der Grundstücke zu spüren und bei manchem auch Resignation, wenn sie hier zwar Grundstücke finden, die aber nicht bezahlen können. Die Unmutigen werden vielleicht für Veränderungen sorgen – die Resignierten hingegen werden die Stadt verlassen. Darüber werden sich andere Gemeinden freuen, wahrscheinlich gerade die kleinen, wo bisher niemand hinziehen wollte und die deshalb günstige Grundstückspreise haben und die anziehen, die sich ihr bisheriges Leben an der Küste nicht mehr leisten können. So verschiebt sich die Demografie wieder ein Stück und wieder profitieren andere.

 

Wohin wollen wir eigentlich?

Das ist auch eine Folge dessen, dass wir in Bad Doberan eigentlich gar nicht wissen, wohin wir genau wollen. Es geht nur darum, der Nachfrage nach Grundstücken ein Angebot entgegen zu halten. Das ist aber nicht Stadtentwicklung, sondern Marktwirtschaft. WEM wollen wir WAS bieten und von WEM wollen wir WAS bekommen? WIE soll die Stadt morgen aussehen, WER soll in ihr wohnen und arbeiten und WOVON sollen alle leben – die Bürger, die Gewerbetreibenden, die Stadt selbst? Wenn alle Grundstücke weg sind – was dann? Auf diese Fragen brauchen wir Antworten. Und zwar nicht erst dann.

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