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Hinter schuldlosen Bäumen

Kennen Sie den Spiegelsee? Sie finden ihn im Kleinen Wohld von Heiligendamm, indem Sie den Kinderstrand-Parkplatz durch die Schranke gen Süden verlassen und an der Kreuzung nach rechts gehen. Woher der Spiegelsee seinen Namen hat merken Sie beim Blick auf eine der größeren Wasserflächen. Früher hatte der See eine große Oberfläche und um ihn herum schlängelten sich feste Wege und standen Bänke. Hier flanierten die großherzogliche Familie und ihre Badegäste, wenn sie sich nach dem Mittag zurück zogen. Auch die Gäste des späteren Grand Hotels wussten den ruhigen und idyllischen Ort zu schätzen. Der Wald um den windgeschützten See sorgte für ein klares Spiegelbild. Es gibt sogar eine kleine Anekdote: Der Dichter Rainer Maria Rilke folgte 1913 einer Einladung der Schriftstellerin und Salonière Helene von Nostiz an den Heiligen Damm. Er kam an einem August-Nachmittag an und fand einen Ort vor, der ihm gar nicht gefiel. Hier inmitten des Trubels sollte er Ruhe finden? Nur die Höflichkeit gegenüber seiner Gastgeberin verhinderte eine sofortige Umkehr. Sie führte Rilke am frühen Abend in den Wald zum See. Mehrmals spazierte er in den Folgetagen zu diesem magischen Ort. Er schrieb sogar ein Gedicht. Rilke hatte seine Inspiration wieder gefunden, schrieb noch ein weiteres Gedicht und behielt die Weiße Stadt am Meer in seiner Erinnerung. Der Spiegelsee jedoch verschwand aus der Erinnerung: Er versandete, verwucherte und liegt nun trostlos dort, wohin man sich kaum verirrt. Der Blick in den Spiegel des Wassers zeigt ein trauriges und nachdenkliches Gesicht: Würde der See nicht auch den Gästen der nahe gelegenen Median-Klinik und des Grand Hotels die Ruhe und Muse bieten, die Rilke hier erfuhr? Würde nicht ganz Heiligendamm davon profitieren, wenn der See wieder zum Ausflugsziel, seine Umgebung zum Park und der Kleine Wohld damit zur Attraktion werden würde? Wie klein ist doch – gemessen an den Plänen für Heiligendamm – der Aufwand, den See auszubaggern und mit Hilfe von Bauhof, Jobcenter und Freiwilligen und Unterstützung der beiden von der Attraktivität des Ortes partizipierenden Erholungsstätten Wege anzulegen und Bänke zu bauen? Und wie wertvoll wäre doch diese Arbeit!

Hinter den schuldlosen Bäumen
Hinter den schuldlosen Bäumen
langsam bildet die alte Verhängnis
ihr stummes Gesicht aus.
Falten ziehen dorthin …
Was ein Vogel hier aufkreischt,
springt dort als Weh-Zug
ab an dem harten Wahrsagermund.

O und die bald Liebenden
lächeln sich an, noch abschiedslos,
unter und auf über ihnen geht
sternbildhaft ihr Schicksal,
nächtig begeistert.
Noch zu erleben nicht reicht es sich ihnen,
nach wohnt es
schwebend im himmlischen Gang,
eine leichte Figur.

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