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Kurz erklärt: Warum Heiligendamm so ist, wie es ist.

 

Heiligendamm zu verstehen, ist eine Wissenschaft für sich. Im ersten deutschen Seebad spiegeln sich über zwei Jahrhunderte deutscher Geschichte wieder, Kaiserreich, Demokratien und Diktaturen. Die Weiße Stadt am Meer hat Höhen und Tiefen erlebt, stand einige Male vor dem Aus. Jetzt ist das wieder der Fall – das Grand Hotel ist insolvent, das Umfeld entwickelt sich nicht und verfällt. Warum das so ist, soll diese Zusammenfassung zeigen. Eine ausführliche Zusammenfassung für lesefreudige Interessierte gibt es hier.

 

Kurzporträt: Heiligendamm von der Gründung bis zur Enteignung.

 

Heiligendamm wurde als Privatbad der Großherzoglichen Familie und ihrer Gäste gegründet und systematisch an den Bedürfnissen nur dieser aufgebaut und erweitert. Der Ort war nicht als Stadt geplant und hat daher kaum Straßen, sondern Promenaden, Plätze und Verbindungswege. Das Seebad war zum Baden und Vergnügen da, sodass das Ensemble aus Bade- und Gesellschaftshaus im Mittelpunkt stand. Einen Ortskern gibt es nicht. Die Gäste kamen zum Heiligen Damm, um hier ihre Sommerfrische zu verbringen. Einkaufen konnten sie in Doberan. Die Straße nach Heiligendamm endete auf dem Platz vor dem Kurhaus in einem Rondell. Hier war das Ziel – hier war man angekommen. Die Verlängerung der Straße erfolgte erst in einer der vielen kleinen Ausbaustufen.

Die Finanzierung des Seebades erfolgte durch den Verkauf von 1000 mecklenburgischen Soldaten und aus der eigenen Tasche des Herzoges, später durch Glücksspieleinnahmen und natürlich durch die Einnahmen des Seebades, die aber keineswegs selbsttragend waren. Nach einer schweren Sturmflut und dem Wegfall des Glücksspiels  verkaufte der Großherzog das Bad und da es sich nicht selbst finanzierte, wechselten die Eigentümer in schneller Folge, wurde umfirmiert und gab es Insolvenzen.

 

Kurzporträt: Heiligendamm nach dem 2. Weltkrieg und in der DDR.

 

Die Auflösung des Bades und Umfunktionierung zum KdF-Bad und später die Beschlagnahmung zu Heereszwecken nahmen Heiligendamm vom Markt. Bis 1990 blieb das Bad in der Hand des jeweiligen Staates, der es vollumfänglich finanzierte – zuerst als KdF-Bad und dann als Sanatorium für Werktätige. Heiligendamm war zu DDR-Zeiten eine Stadt in der Stadt, die nur für sich stand: Der Ortsteil hatte einen Konsum, eine Drogerie, eine eigene Post- und Telegrafenstelle, ein eigenes Wasserwerk, ein eigenes Klärwerk, ein eigenes Blockheizkraftwerk, eine eigene Gärtnerei extra für das Sanatorium, einen eigenen Kindergarten nur für Heiligendammer Kinder, einen eigenen Förster, Jäger usw. Alle Einfamilien- und Doppelhäuser in der Gartenstraße entstanden nur für Mitarbeiter des Sanatoriums oder der Betriebe, die vor Ort für das Sanatorium, die Forst oder den Küstenschutz arbeiteten – mit der Auflage, Zimmer für „Außenschläfer“ des Sanatoriums einzurichten. Auch in den Wohnblöcken und Stadthäusern wohnte nur, wer auch in Heiligendamm arbeitete. Neben dem Sanatorium war auch die Fachschule für angewandte Kunst (FaK) eine kleine Wunderwelt für sich. Auch das Altenheim war unabhängig vom Sanatorium aber recht unbedeutend.

Technisch gesehen wurde Heiligendamm 40 Jahre lang instand gehalten und angepasst. Die Villen der Perlenkette wurden nacheinander angepasst – das heißt, Zimmer verkleinert, Wände eingezogen oder durchbrochen, Anbauten, Türme, Balkone, Terrassen und Zierrat entfernt, Lichthöfe und Korridore in Zimmer umgewandelt, Fahrstühle und Treppenhäuser eingebaut, Rundbögen entfernt und Fenster und Türen gegen Massenware ausgetauscht. Professor Cuno Serowy konnte erst in den 80er Jahren durch seinen Protest gegen die Dauerbaustelle dieses Treiben beenden. Von nun an wurden die Häuser nur noch geweißt, bei Bedarf Putz ausgebessert und Dächer geflickt. Es bestand nie die Absicht, Heiligendamm zu vernachlässigen – das Bad war Vorzeigeobjekt auch in Sachen Denkmalpflege – es gab nur nie genug Mittel, um die eigentlich nötigen Grundsanierungen vorzunehmen, sodass man flicken und auf einen späteren Geld- und Materialsegen hoffen musste.

 

Kurzporträt: Heiligendamm nach der Wende bis zum Verkauf.

 

Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland endete diese Ära, das Sanatorium musste sich der Marktwirtschaft stellen, schaffte das nur mit Zuschüssen durch das Land und stellte schließlich auf Grund des desolaten Zustandes der Gebäude und dem damit verbundenen nicht finanzierbaren Sanierungsbedarf den Betrieb ein. Das Land wollte nicht mehr dazu buttern, avisierte den Verkauf, dachte aber auch an „Renaturierung“, also Abriss der historischen Gebäude. Das Bad wurde zunächst in Einzelausschreibungen angeboten, da sich aber nur für die kleineren und nicht für die bedeutend sanierungsbedürftigeren großen Gebäude Interessenten fanden, wurden die Ausschreibungen zurück genommen und 26 Gebäude als Paket ausgeschrieben.

Es meldeten sich mehrere Bewerber, von denen einer nicht das nötige Geld für sein Konzept aufbringen konnte und das Konzept des anderen rechtlich in Deutschland nicht durchführbar war. Die als Wunschkandidat gehandelte Dr.-Marx-Gruppe wollte hinter dem Ensemble einen funktionalen Neubau errichten, stieß damit jedoch auf Gegenwehr aus der Bevölkerung, speziell vom „Bürgerrat“, sodass sie sich zurück zog. Übrig blieb am Ende nur das Luxus-Hotel-Konzept der Kölner FUNDUS-Gruppe, das wegen seiner fortgeschrittenen Planung und den enormen Investitionssummen für Zustimmung bei den Entscheidern sorgte. Das letzte Wort hatten die Doberaner Stadtvertreter.

Während dieser sieben Jahre bis zum Verkauf jedoch wurde Heiligendamm einfach abgeschrieben. Alle Gelder flossen nach Bad Doberan, das auch recht schnell in zwei Schüben (1993 und 1996) zu neuer Blüte kam. Während Kühlungsborn und Warnemünde wieder zu touristisch attraktiven Seebädern wurden, schaffte man in Heiligendamm gerade den Bau einer zu fast 100% bezuschussten Seebrücke und die Sanierung der Küstenschutzanlagen auf Kosten des StAUN im Jahre 1993. Ein wenig provisorische Promenade, ein paar Parkplatzschilder an Schotterplätzen und Sandaufspülungen sollten Heiligendamm gegen Kühlungsborn und Warnemünde marktfähig machen. Bad Doberan investierte in Heiligendamm nur in Erhaltung – nicht in die Zukunft. Es gab Imbissbuden, Eiswagen, Kioske und aus der Mode gekommene Gastronomie – eine gebündelte und als diese auch erkennbare Strandversorgung jedoch suchte man vergebens. Keine Badeartikel, keine Souvenirs, keine Einkaufsmöglichkeiten. Alles was existierte, funktionierte schon längst nicht mehr und lag im Sterben. Statt den Gewerbetreibenden im Ort mit neuen Investitionen in die Zukunft Heiligendamms Mut zu machen, machte man ihnen mit den Verkauf Hoffnungen, die von Zweifeln und Zweiflern zerfressen wurden. Unternehmer Michael Kirchhoff sah die Goldgrube direkt vor seiner Nase und eröffnete mitten in dieser grauen Kulissenstadt „Cocos Eismilchbar“, während die anderen fast einstimmig ihre letzten Tage zählten. Das große Herausputzen begann erst 2006/2007 anlässlich des G8-Gipfels. Bis dahin stand Heiligendamm vier Jahre still.

 

Kurz erklärt: Heiligendamm seit dem Kauf durch die FUNDUS-Gruppe.

 

Die FUNDUS-Gruppe um Investor Anno August Jagdfeld erhielt 1997 den Zuschlag für den Kauf der 26 Gebäude und weiterer Grundstücke in Heiligendamm, sowie 500 ha Ackerland, welches in Bauland umgewandelt werden darf. Gerüchte gehen von einem Kaufpreis von 15 Millionen DM aus. Weitere Grundstücke und Häuser wurden im Laufe der Zeit direkt von den Eigentümern erworben. Die Mehrheit der Stadtvertreter stimmte für den Verkauf des Paketes, die PDS (Linke) dagegen und der Bürgerrat übte Widerstand aus.

Jagdfeld eröffnete einen Fonds, welcher scheiterte, sodass er einen weiteren eröffnete, in den fast 2000 Anleger rund 127 Millionen Euro einzahlten. Zusammen mit Fördermitteln und Eigenkapital wurden ca. 250 Millionen Euro in das Grand Hotel investiert – auch weil die Ausstattung hochwertig ist, um den Ansprüchen nach authentischem Luxus gerecht zu werden (was wie Marmor aussieht, ist auch Marmor, denn Luxus-Touristen geben sich bei den Preisen nicht mit billigen Imitaten zufrieden).

Begleitet wurde die Entwicklung von Anfang an nicht unkritisch: Klaus-Peter Behrens (heute Bürgerbund) befürchtete schon damals den Verlust der Gebäude für die Öffentlichkeit (genau genommen waren sie außer für Leute wie ihn, der im Sanatorium arbeitete, für keinen Bürger öffentlich – es bedurfte einer ärztlichen Überweisung, um hinein zu gelangen). Behrens hob als Stadtvertreter auch gegen die Pläne die Hand. In Heiligendamm waren sich die Gewerbetreibenden darüber im Klaren, dass nach 5 Jahren Stillstand und Verfall etwas geschehen muss und hatten Hoffnungen aber auch wegen gezielt geschürter Angst vor dem „bösen Wessi“ Zweifel.

 

Das Grand Hotel auf der grünen Wiese funktionierte nicht.

 

Das Hotel wurde im guten Glauben, dass das funktioniert auf einer grünen Wiese und ohne Zäune eröffnet. Etwas ähnliches hat es noch nicht gegeben: Die Umwandlung einer volkseigenen Kurklinik zu einem privaten fondsfinanzierten Luxushotel hatte noch keiner versucht. Die in das Geschäft eingestiegene Kempinski-Gruppe bewarb das Hotel aktiv in den Medien und auch die FUNDUS-Gruppe warb mit der Investition als Prestigeobjekt. Der Faktor Mensch war jedoch nicht berechenbar: Es kam nach der Eröffnung im Mai 2003 zu einem ungeahnten Ansturm auf Heiligendamm, dem der Ort nicht gewachsen war. Allerdings kamen nicht nur gut betuchte Hotelgäste, sondern natürlich jede Art von Gästen.

Da das Grand Hotel damals wie heute die einzige Sehenswürdigkeit war (das Umfeld war bis auf die privaten Häuser verfallen und ungepflegt), strömten die Tagesgäste dort hin und betrachteten es von allen Seiten, schauten durch die Fenster, versuchten, hinein zu gelangen. Das Hotel reagierte mit der Beauftragung eines Sicherheitsdienstes, der allerdings für Unbehagen sorgte und die Kritiker ihre These, der normale Gast sei unerwünscht, bestätigt sehen ließ.

Tatsächlich hatte der Tagesgast in Heiligendamm aber kaum Möglichkeiten der Einkehr: Das Grand Hotel war schön aber zu teuer und ansonsten gab es nur ein Café und eine Eismilchbar, sowie zwei Imbiss-Buden – alles mit sehr kleinem Innenbereich. Durch den Wegfall des Sanatoriums hatten die Gewerbetreibenden hohe Einbußen zu verzeichnen, da ihr Niveau meistens unter dem des Grand Hotels lag, konnten sie nicht durch Hotelgäste kompensiert werden und die Tagesgäste waren ein unstetiger Faktor: Sie kamen nur in der Saison, vorzugsweise bei gutem Wetter und diese Billig-Imbisse konnten sie auch zuhause haben. Die Unternehmer passten sich an, werteten ihre Betriebe auf, einige kleine Hotels entstanden aber das unaufgeräumte und verfallene Umfeld lockte nicht einmal 3-Sterne-Touristen an – geschweige denn, 5-Sterne-Plus-Gäste. Zuletzt gingen auch die FaK-Studenten zurück nach Wismar, die Häuser leerten sich, die Menschen zogen ins Umland oder nach Bad Doberan in moderne Gebäude und Heiligendamm starb leise vor sich hin, die kleinen Hotels schlossen (z.B. das durch Familie Metz geführte Residenz-Hotel – die Familie gründete statt dessen das City-Hotel in Bad Doberan). Wer blieb, der tat das meistens, weil er keine anderen Perspektiven hatte (also ohne sein Gewerbe arbeitslos geworden wäre) oder weil er sich der Tradition verpflichtet sah. Gewerbe wie Cocos Eismilchbar von Michael Kirchhoff waren hingegen Selbstläufer.

 

Zäune waren Lösungsvorschlag eines Gutachtens und sorgten für Ablehnung.

 

Das Grand Hotel litt doppelt an diesem Problem: Viele Gäste waren entsetzt vom Umfeld des Grand Hotels, da sie aber innerhalb des Hotels eine heile luxuriöse Welt vorfanden, waren viele von ihnen bereit, wieder zu kommen, um sich außergewöhnlich verwöhnen zu lassen. Die vielen Tagesgäste jedoch liefen überall zwischen den Häusern des Hotels hindurch, kreuzten die Wege der Gäste, die im Bademantel vom SPA-Bereich zu ihrem Zimmer wollten oder waren den neugierigen Blicken ausgesetzt, wenn sie fein gestylt das Sterne-Restaurant oder das Buffet im Kurhaus aufsuchten.

Es blieb offenbar nicht bei neugierigen Blicken zu den Leuten und auf die Teller, sondern es fielen auch abfällige Bemerkungen. Das ist bis heute zu beobachten. Nicht belegt sind Berichte von furzenden und rülpsenden Anglern und halbnackten Badegästen auf dem Hotelgelände. Zumindest das letzte ist durchaus denkbar. Durch diese Umstände fühlten sich die Gäste nicht mehr wohl, eine Umfrage ergab 2004, dass mehr als die Hälfte nicht die erhoffte Ruhe und Entspannung findet und darum nicht wieder kommen wird. Die Auslastung dümpelte bei unter 50%, bestätigte also die Umfrageergebnisse und zwang das dadurch kurz vor der Insolvenz stehende Grand Hotel zum Handeln.

Der Rostocker Universitätsprofessor und Heiligendamm-Kenner Prof. Martin Behnkenstein wurde beauftragt, das Problem zu analysieren und Lösungsvorschläge zu liefern. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Wege über das Hotelgelände nicht mehr von Tagesgästen benutzt werden dürfen und das Hotelgelände einzufrieden ist, um ein Betreten über die Rasenflächen zu verhindern. Nur so ließe sich die bevor stehende Insolvenz abwenden.

Dieses Gutachten und die darauf folgenden Anträge der ECH und des Grand Hotels wurden von Kritikern und Medien als Ausschluss der Öffentlichkeit bewertet und auf der Welle der öffentlichen Empörung zog der aus der Bürgerinitiative „Pro Heiligendamm“ gegründete „Bürgerbund“ in das Stadtparlament ein. Von nun an führten der ehemalige Sanatoriumsmitarbeiter Klaus-Peter Behrens, die nicht an der Sanierung beteiligten Architekten Hannes Meyer (dessen Vater Professor an der FaK war) und Heike Ohde (die das Öffentliche vor dem Privaten verteidigt) die Front gegen Jagdfeld an.

Der Bürgerbund gewann schnell an Zulauf: Mitglieder des Bürgerrates und der Bürgerinitiative „Pro Heiligendamm“ traten bei und gerade die ältere Generation, zu der z. B. Heinz Hoinkis und Dr. Helge Rehwald gehören, fühlten sich hier gut aufgehoben. 22 Mitglieder zählte der Bürgerbund 2009 und mit drei Sitzen ist er im Stadtparlament vertreten. Dort fand er für seinen Kampf gegen den Investor Mehrheiten in PDS (Linke), FDP, Grüne und Einzelbewerbern. Die Entwidmung von öffentlichen Wegen und ihre Vererbpachtung und damit die Einfriedung des Hotelgeländes konnten sie alle nicht verhindern, wohl aber Klauseln einbringen, dass die Stadt bis Ende 2011 auf einen Stichweg verzichtet und dann das Grand Hotel gute Bilanzen und eine Vereinbarung mit der Median-Klinik vorlegen und die FUNDUS-Tochter „ECH“ 20% der Investitionssumme in die Perlenkette investiert haben muss. Außerdem sollten die vererbpachteten Wegeflächen im Falle einer Insolvenz an die Stadt heim fallen (Heimfall-Klausel).

 

Entwicklung Heiligendamms wurde politisch blockiert.

 

Nun mag man böse (Rache-) Absicht, Dummheit oder Versehen unterstellen aber seit 2004 herrscht Stillstand in Heiligendamm: Die ECH (EntwicklungsCompagnie Heiligendamm) musste und wollte wie vereinbart 2004 mit der Sanierung der Perlenkette beginnen, wofür ein Fonds vorgesehen war, um in die Gebäude das Hotel mit dem Plannamen „Adlon am Meer“ einzurichten, welches zusammen mit dem Grand Hotel aber als eigenständiges Unternehmen existieren sollte. Die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder jedoch machte geschlossene Immobilienfonds durch eine Gesetzesänderung unattraktiv, sodass Jagdfeld diesen Fonds nicht hätte gefüllt gekriegt.

Die ECH plante nunmehr statt einem Hotel Eigentums-Ferienwohnungen, finanziert durch eine klassische Immobilienfinanzierung mit Anzahlung und Restfinanzierung. Bei der Vermarktung stellte sich heraus, dass es zwei Kaufhindernisse für die Interessenten gab: Sie durften nicht dauerhaft in ihren Wohnungen wohnen und mussten ihre Autos am südlichen Ortsrand parken.

Die Probleme waren lösbar: Die Perlenkette musste dazu im Bebauungsplan aus dem „Sondergebiet Hotel“ heraus genommen werden und es musste der Bau einer Tiefgarage vor der Perlenkette genehmigt werden. Hannes Meyer wird dies später gegenüber dem Hamburger Abendblatt „Faustpfand nehmen“ nennen – seine Partei und die FDP lehnten jeden Versuch, diese Änderungen durchzubringen vehement ab, gestärkt von Linke, Grüne und einzelnen Stadtvertretern anderer oder keiner Fraktionen.

Die ganze Legislaturperiode lang wurden die nötigen B-Plan-Änderungen abgelehnt, zugleich kritisierten dieselben Personen den fortschreitenden Verfall der Perlenkette und der anderen Gebäude (die laut Grundlagenvertrag erst nach der Perlenkette saniert werden dürfen). Auch die Einrichtung eines Hotelparks im Kleinen Wohld, die der ECH aus Ausgleich für den von ihr finanzierten Aufbau eines Kurwaldes für die Stadt zugesprochen worden war, wurde von den Gegnern in der letzten Instanz verhindert, indem sie der Umwandlung des Waldes in Privatwald nicht zustimmten – die Bürger hinter sich wissend, weil die größte Lokalzeitung die Kampagne des Bürgerbundes und der von Bürgerbund-nahen Mitgliedern gegründeten IHG unterstützte und die Bürger desinformierte. Um der Desinformation entgegen zu wirken, gab die FUNDUS-Gruppe als Gemeinschaftsprojekt von ECH und Grand Hotel die Zeitung „ZUKUNFT HEILIGENDAMM“ heraus, die jeden Monat (inzwischen alle zwei Monate) kostenlos an alle Haushalte verteilt wird. Außerdem verteilte die ECH Flyer, in denen sie Aussagen des Bürgerbundes mit eigenen Fakten gegenüber stellte. Es wurden Infoveranstaltungen durchgeführt und es gründete sich eine Gegenströmung zur Bürgerinitiative „Pro Heiligendamm“, die sich „Pro Seebad Heiligendamm“ nannte und die Projekte der ECH größtenteils unterstützte. Vorsitzender ist der Heiligendamm Eckart Paap, der auch die Partei „Bündnis für Bad Doberan (BfBD) mitbegründete, hier ist außerdem der Doberaner Wolfgang Schünemann dabei und auch die Stadtvertreter Frank Pieplow (vorher SPD) und Anke Bitter (vorher PDS) schlossen sich der neuen Partei an und gewannen einen Sitz. Überhaupt fiel in dieser Legislaturperiode die Parteienlandschaft in Bad Doberan auseinander: Die Doberaner Mitte (DoM) löste sich auf, drei Stadtvertreter traten aus der CDU aus und gründeten die CDG und ein Stadtvertreter verließ den HGV (Handwerker- und Gewerbeverein) und versuchte allein sein Glück. Alles in allen war man im Rathaus ganz mit sich selbst beschäftigt, sodass sogar der Bürgermeister Hartmut Polzin es vorzog, was er konnte und durfte allein zu erledigen. Später wurde ihm das von den mit sich selbst beschäftigten Stadtvertretern wieder vorgeworfen.

Die Kempinski-Gruppe versuchte unterdessen, sich in der teuren Warteschleife mit Pauschalangeboten über Tschibo und TUI über Wasser zu halten, setzte damit die Exklusivität des Grand Hotels außer Kraft, nahm natürlich weniger Geld ein und brachte Geschäftsführer und Investor Anno August Jagdfeld damit auf die Palme. Der nämlich musste den Anlegern erklären, warum die erwarteten Rendite ausblieben und warum das Luxushotel plötzlich FDGB-Ferienheim-Flair hatte. Es kam zum Bruch und Anfang 2009 stieg Kempinski überraschend aus Heiligendamm aus, sodass ein sauberer Schnitt nicht möglich war. Der Begriff „Kempinski“ musste von der mitten in der Vorsaison abgeschalteten Webseite über die Fahne bis hin zur Serviette überall verschwinden – das in Eigenregie einer eiligst gegründeten FUNDUS-Tochter übergegangene Grand Hotel brauchte schnell viel Geld, um die geforderten Änderungen vorzunehmen. Jagdfeld bat in Schwerin um eine Landesbürgschaft, damit die Hausbank die Kreditlinie des Hotels vergrößert. Das sorgte abermals für Empörung in den Medien.

 

Mit den Wahlen kam die Wende: 2009 endete der Stillstand.

 

Der Ausstieg Kempinskis wirkte sich direkt auf die Kommunalwahlen 2009 aus. Eine Hotel-Pleite konnten sich die Stadtvertreter vom Befürworter bis zum Gegner der Pläne nicht erlauben. Zugleich wechselte die besagte Lokalzeitung vom Springer-Verlag zur SPD-beeinflussten Madsack-Gruppe und damit änderte sich plötzlich die Berichterstattung. Im Rathaus kam es zu einer unerwarteten Wende: Den B-Plan-Änderungen und der Waldumwandlung wurde zugestimmt.

 

Neue Blockaden durch das Rathaus.

 

Ein Jahr später begann die ECH mit dem Wiederaufbau der Villa „Perle“, zeitgleich wurden die Villen „Krone“ und „Marie“ saniert und der Hotelpark eingerichtet. Doch das Glück war nur von kurzer Dauer, denn gleich mit der Sanierung der ersten Villa ging die ECH daran, planmäßig die Villen einzeln an Untergesellschaften und einige Privatinvestoren zu übertragen, um im Falle einer Notlage nicht das ganze Projekt zu gefährden. Der Verkauf der Grundstücke musste durch einen Negativattest der Stadt rechtskräftig gemacht werden. Die Ausstellung dieses Attestes wäre Aufgabe des Bürgermeisters Hartmut Polzin gewesen, jedoch wollte er sie den Stadtvertretern überlassen. Über die Gründe kann nur spekuliert werden – am Ende hätte die Meldung „Polzin stimmt Verkauf der Perlenkette zu“ ihm ganz sicher die Chance auf eine weitere Amtszeit verdorben.

Die Stadtvertreter wollten aber auch nicht diese Meldung auf sich bezogen sehen, beschimpften den Bürgermeister, weil er ihnen die Entscheidung überlassen wollte, gaben die Beschlussvorlage aber nicht zurück, sondern starteten einen Sitzungs-Marathon, mit dessen Hilfe sie bis ins neue Jahr hinein die Ausstellung des Negativ-Attests verhinderten – teils durch Abstimmungsgleichstand, teils durch überwiegende Ablehnung der (unsinnigen) Beschlussvorlagen.

Zugleich schwächelte das Grand Hotel, weil die Anleger kein frisches Geld einzahlen und auf das eingezahlte Geld nicht verzichten wollten. Die Agentur PriceWaterHouse (PwC) hatte ein Sanierungskonzept erarbeitet, das genau diese beiden Bedingungen vorsah und das nun zu scheitern drohte. Das Hotel konnte nur noch knapp seine Kreditzinsen bezahlen, die nötigen Erweiterungen für die Steigerung der Auslastung in der Nebensaison und bei schlechter Wetterlage waren erst recht nicht möglich. Durch das fehlende Negativattest konnte auch die ECH nicht die erwarteten 40 Millionen Euro einnehmen, konnte dem Grand Hotel nicht ein weiteres Mal unter die Arme greifen und so meldete Anno August Jagdfeld im Februar 2012 Insolvenz für den Fonds und das Grand Hotel an.

Gleich darauf fanden die Stadtvertreter Dank des neuen Bürgermeisters Thorsten Semrau auch einen Weg, um gesichtsbewahrend aus der Sackgasse heraus zu kommen und das Negativattest zu ermöglichen. Dabei wurden in nichtöffentlicher Sitzung die geheim zu haltenden Kaufpreise genannt, offenbar erfolgte ein illegaler Tonmitschnitt und einen Tag später standen sie in besagter Zeitung.  Die ECH begann sofort mit der Planung für weitere zwei Sanierungen, stellt aber für die Sanierung der kompletten Perlenkette „eine zweistellige Zahl von Jahren“ (Hans Schlag) in Aussicht.

Aktuell verwaltet Insolvenzverwalter Jörg Zumbaum das insolvente Grand Hotel und verhandelt mit Interessenten. Während dessen pochen Bürgerbund und FDP weiter auf einen Stichweg, sehen die Bedingungen für einen weiteren Verzicht nicht erfüllt (verschweigen gleichwohl ihre Mitschuld daran) und gaben bekannt, über die Heimfallklausel die Öffnung der Wege über das Grand Hotel-Gelände realisieren zu wollen. Insolvenzverwalter Zumbaum stellte eine Klage wegen Behinderung des Insolvenzverfahrens für diesen Fall in Aussicht, die Stadt muss jedoch ihre Forderungen dem Insolvenzverwalter offen legen und daher auch die vererbpachteten Grundstücke als Forderung angeben. Bürgermeister Thorsten Semrau betont, dass dies keine Auswirkungen auf das Hotel und die Wege haben wird und man offen für Gespräche mit einem neuen Investor sei. Praktisch aber könnte eine Beschlussvorlage eingebracht und vom Heimfall Gebrauch gemacht werden.

Unterdessen will FDP-Chef Harry Klink die B-Pläne überprüfen lassen, um sie an die Bedürfnisse des (noch gar nicht gefundenen) neuen Investors anzupassen und „Wachstumsmöglichkeiten“ für das Grand Hotel zu schaffen. Hier könnte es sich um den Versuch handeln, unter dem Deckmantel der Hilfsbereitschaft gegenüber dem Grand Hotel ECH-Flächen zu beanspruchen, also die ECH zu verdrängen; Jagdfeld zu vertreiben. Zugleich stellen sich FDP, Bürgerbund, Bürgerinitiative „Pro Heiligendamm“ und einzelne Kritiker der Jagdfeld-Pläne hinter den von Mitarbeitern, der CDU und SPD kritisierten neuen Bürgermeister. Dieser hat die ersten 100 Tage genutzt, um alle möglichen Vereine  zu besuchen, mit der ECH hat er jedoch keine Gespräche geführt. Das hat er jedoch nachgeholt.

Das Hauptproblem in Bad Doberan ist, dass sich zu viele Leute so sehr auf das „Jagdfeld-Bashing“ konzentriert haben, dass sie ihre eigentlichen Pflichten ganz vergessen haben. Dass Heiligendamm nach 22 Jahren noch keine vernünftige Strandversorgung hat und dass Strandordnung und Parkraumbewirtschaftungskonzept noch immer nicht in endgültigen und brauchbaren Versionen vorliegen, ist nicht Jagdfelds Schuld, sondern Versäumnis der Stadt selbst, deren Vertreter gern mit den Fingern auf andere zeigen, während ihnen Selbstreflexion völlig fremd ist.

 

 

Wie kann die kranke Prinzessin geheilt werden?

 

Zauberwörter für den Erfolg: Zwiebelprinzip und Tourismuspyramide.

 

Mir wurde das Bild einer Zwiebel nahe gebracht: Das Grand Hotel ist der Kern dieser Zwiebel. Um diesen Kern herum und aus ihm heraus wachsen die weiteren Zwiebellagen, die zugleich zum Schutz des Kerns dienen. Natürlich muss die Frage beantwortet werden, warum man einen Wirtschaftsbetrieb schützen will und ihn nicht sich selbst tragen lässt. Die Antwort lautet: Weil der Betrieb viel Geld in die Stadt bringt. Schon das schwächelnde Hotel brachte mehrere hunderttausend Euro nur an Gewerbesteuern, die Gäste zahlen Kurtaxe, stecken Geld in Parkautomaten, gehen essen, bezahlen für Kultur und Sehenswürdigkeiten, kaufen ein, tanken und lassen Geld in der Region. Da sie mehr als die Tagesgäste davon zur Verfügung haben, geben sie auch mehr aus.

Die jetzt schon vorhandenen 300 direkten Arbeitsplätze und nicht gezählten indirekten Arbeitsplätze bringen Menschen in Lohn und Brot, erhöhen die Kaufkraft und die Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt, der mit steigenden Preisen reagiert und die Einnahmen steigert, sodass neue Investitionen möglich werden. Es gibt tausend Gründe, ein 5-Sterne-Hotel mit dem begehrten Plus in seiner Stadt haben zu wollen – dies sind nur die wichtigsten.

Doch dieses Segment ist hart umkämpft, denn die reichen Gäste sind die begehrtesten Kunden überhaupt. Da muss die Stadt zu so einem Hotel stehen und bereit sein, es zu unterstützen – zu geben, statt nur zu nehmen. Viele Unternehmer haben das erkannt und arbeiten mit dem Hotel zusammen. Viele Bürger sehen keinen unmittelbaren Nutzen, empfinden mitunter eher noch Neid und unterstützen daher das Grand Hotel nicht. Ein funktionierendes Grand Hotel lässt die Zwiebel wachsen, die Lagen dicker und kräftiger werden, weniger anfällig und ertragreicher. Wer das begreift, der begreift die Vision von Robert A. M. Stern.

Die erste Zwiebellage um den Kern ist die direkte Umgebung um das Hotel. Diese Lage ist momentan unansehnlich, denn die Villen verfallen, der Strand ist mittelmäßig, schmutzig und attraktionslos, die Promenade provisorisch, der Kurwald auch nur ein besserer Wald und eine Strandversorgung oder gar Einkaufsmöglichkeiten sind kaum der Rede wert. Die erste Schicht um den Kern muss von gleicher Güte und Klasse sein: Fünf-Sterne-Ferienwohnungen in anspruchsvollen Villen in einem ansprechenden Umfeld – die ECH arbeitet daran aber es wird Jahre dauern, sodass sie für Privatinvestoren unter Eigenregie offen sein muss, um den Prozess zu beschleunigen.

Anders herum würden eine niveauvolle Strandversorgung, ein attraktiver Bade- und Sportstrand, ein richtiger und ansprechender Kurpark und ein aufgeräumtes, entwirrtes und gepflegtes Umfeld den Verkauf der Ferienwohnungen erleichtern. Hier ist die Stadt in der Pflicht, zusammen mit Forst, StAUN und dem Landkreis eine einem Luxus-Seebad angemessene Strandversorgung zu realisieren (was sie in 22 Jahren nicht geschafft hat, obwohl Jagdfelds Gruppe dem nie im Weg stand), einen richtigen Kurpark anzulegen und eine Strandordnung zu verabschieden, die einen Bade- und Sportstrand ermöglicht. Die Promenade ist wieder Sache der ECH – ihre Fertigstellung erfolgt nach dem Bau der Tiefgarage.

Wenn Sie sich jetzt fragen, wo bei einer niveauvollen Strandversorgung die Einheimischen und Tagesgäste mit ihren kleineren Geldbörsen bleiben: Kein Gastronom verzichtet freiwillig auf Kundschaft – es werden sich Lösungen finden, auch den kleinen Geldbörsen gerecht zu werden. Außerdem gibt es in Heiligendamm zwei Standorte, an denen Strandversorgungen entstehen dürfen – diese würden sich von selbst ergänzen. Die Currywurst mit Pommes für 3 Euro wird es auch in Zukunft in Heiligendamm geben – nur eben noch viel mehr als das, viel abwechslungsreicher, vielleicht sogar gesünder.

Es wird weitere Lagen in der Zwiebel geben. Das Grand Hotel ist die Spitze der touristischen Pyramide und diese Spitze hat keinen Unterbau, weil es historisch nicht vorgesehen und nicht nötig war – es war ja nur ein Privatbad und später Kurklinik. Inzwischen haben sich Anbieter im Bereich von keinen bis drei Sterne heraus gebildet aber der Vier-Sterne-Bereich ist ungedeckt – die Spitze schwebt in der Luft über dem Stumpf.

Der Platz in Heiligendamm ist begrenzt, doch die Pläne der FUNDUS-Gruppe sehen den Bau von mehrgeschossigen Appartment-Komplexen gleich hinter dem Grand Hotel (eigentlich vor ihm – in der Kühlungsborner Straße) vor. Diese Wohnungen und Zimmer sollen das Vier-Sterne-Segment abdecken, zugleich eine feste Kundschaft für das Grand Hotel sichern (wer hier wohnt, geht ins Grand Hotel zum essen, baden, entspannen). Und hier sollen auch die Läden und gastronomischen Angebote hinein, die alle Gäste in Heiligendamm vermissen.

Weil dieses Projekt derzeit finanziell nicht realisierbar ist hat man darüber nachgedacht, die Suiten in der Orangerie an Stammgäste zu verkaufen oder vermieten, um wenigstens einen sehr bescheiden kleinen Unterbau zu bekommen. Ohne Unterbau stürzt die Pyramidenspitze irgendwann ab und statt fünf, gibt es dann nur noch vier Sterne. Heiligendamm mit vier Sternen wird jedoch den Erwartungen der Gäste an das älteste und luxuriöse Seebad nicht mehr gerecht, sorgt für Enttäuschung und Einnahmerückgängen. Es geht also nur mit fünf Sternen.

Die beste Alternative zu den derzeit nicht realisierbaren Projekten in Heiligendamm liegen so nah, dass sie übersehen werden: Im benachbarten Börgerende sind anspruchsvolle Villen in einem unverwechselbaren Stil entstanden und weitere sind im Entstehen. Wie in Heiligendamm kann hier direkt am Wasser eine Wohnung erworben und entweder als Ferienwohnung vermietet oder zum Eigenbedarf genutzt werden. Viele dieser Wohnungen bedienen das Vier-Sterne-Niveau, sind aber teilweise gefühlt noch darüber.

Den Wohnungen fehlt es jedoch an einem gleichwertigen Hotel, in dem die Gäste essen oder schwimmen gehen, an die Bar gehen, Billard spielen, lesen oder an kulturellen Veranstaltungen teilnehmen können. Was in Börgerende als Hotel geplant (aber noch lange nicht sicher) ist, bedient zwar andere Ferienwohnungen aber nicht die hochwertigen. Die Gäste dieser Wohnungen finden aber genau das was sie suchen in Heiligendamm im Grand Hotel.

Wiederum gibt es in den Villen Börgerendes Gewerbeflächen, in denen man genau das ansiedeln könnte, was in Heiligendamm fehlt und derzeit aus Platzmangel nicht angesiedelt werden kann. Börgerende und Heiligendamm müssen in der derzeitigen Situation zusammen arbeiten, sonst hat keine der beiden Gemeinden den erhofften Erfolg.

Leider sieht das momentan kaum jemand – die großartigen Chancen bleiben ungenutzt und die Zeit läuft davon – läuft gegen diese Region Ostseeküste, hängt sie ab und macht es ihr unmöglich, die sich rasant entwickelnden Seebäder wieder ein – oder gar zu überholen.

Dabei bildet Heiligendamm-Börgerende jetzt schon eine Einheit, indem es eingerahmt von Wäldern weit genug von Kühlungsborn und Warnemünde entfernt liegt, das Touristenzentrum Bad Doberan in seiner Mitte und die Ostsee vor der Haustür. Ein gemeinsamer echter Kurpark könnte die beiden Orte verbinden, eine gemeinsame originelle Seebrücke mit Visitor-Center könnte sie verbünden und ein Rundweg um den Conventer See könnte sie an Bad Doberan und die Rennbahn anbinden. Gemeinsam können Heiligendamm und Börgerende ein neues Touristenzentrum werden: Deutschlands ältestes und jüngstes Seebad Hand in Hand. Besser geht es nicht!

Bad Doberan darf jedoch nicht im Hintergrund bleiben. Die Münsterstadt ist die nächste und vorerst letzte Lage der Zwiebel. Sie ist die dicke Schale, die alles schützt und die das Resultat der anderen Lagen ist. Bad Doberan ist durch Heiligendamm gewachsen – durch das erste Bad des Großherzogs, durch die Gründung des ersten deutschen Seebades. Aus dem 80-Lehmhütten-Flecken wurde durch Heiligendamm erst die Residenzstadt, die sich ein Jahrhundert später „Bad“ nennen durfte. Das haben viele Bad Doberaner vergessen oder nicht gelernt.

Bad Doberan war der Unterbau Heiligendamms, der sich ganz automatisch gebildet hat, als außer dem Hochadel auch Leute aus Wirtschaft und Politik kamen, die wiederum den Mittelstand anlockten. Bad Doberan ist eine funktionierende Tourismus-Stadt, vieles könnte besser sein, man könnte viel mehr verdienen, müsste aber auch viel mehr investieren.

Dennoch: Bad Doberan bietet den Touristen die Einkaufs- Kultur- und Vergnügungsmöglichkeiten, die Heiligendamm-Börgerende auf Grund ihres begrenzten Raumes niemals bieten können werden. Bad Doberan unterfüttert das Ganze und rundet es ab – als Dreiergespann ist dieses Stück Ostseeküste einmalig und unschlagbar.

Und genau so ein Alleinstellungsmerkmal brauchen wir – wir sind nicht irgendwer, irgendwo in der Mitte – wir sind einmalig. Darum war es Jagdfelds Botschaft zur Jahrtausendwende, dass die Bad Doberaner die Chancen erkennen und ihre Angebote auf Heiligendamm und die Luxustouristen ausrichten möge. Das haben viele nicht verstanden aber wer es verstanden hat, führt heute ein gut laufendes Geschäft.

Egal, wer das Grand Hotel kauft: Er wird an diesem etablierten Standort ein Luxushotel im 5-Sterne-Plus-Bereich betreiben. Der Insolvenzverwalter wird es nicht für weniger her geben und die Stadt kann nicht weniger wollen, denn niemand verzichtet auf die Million und gibt sich mit Zehntausend zufrieden – schon gar nicht, wenn die Zehntausend ihn nicht einmal aus den roten Zahlen heraus bringen.

Alle Vorschläge, im Grand Hotel und daneben etwas mit weniger Niveau anzusiedeln, sind rein populistischer Natur und sollen den Wähler umgarnen, der sich mehr nicht leisten kann. Kein Bad Doberaner macht im Grand Hotel eine Woche Urlaub – nicht die Wähler, sondern die Touristen sollten also wichtig sein.

Wer Luxustouristen nicht will, der will sie nicht, weil er ihnen nichts bieten und darum sowieso nicht an ihnen verdienen kann. Wer Luxustouristen bedienen kann, wird sich um sie reißen. Man kann aber die Schwachen nicht stärken, indem man die Starken schwächt: 10 Millionäre haben mehr Geld als 1000 Normalverdiener und zehn Millionäre sind schneller geworben, als 1000 Normalverdiener. Wo Platz ist, kann man mit 10.000 Normalverdienern auch Millionen verdienen aber in Heiligendamm gibt es nur 25 ha, wovon sich nur etwa ein Viertel in 1A-Lage befindet, sodass sich damit richtig viel Geld verdienen lässt, wenn das Niveau hoch ist.

Die einzige Alternative wären 20-stöckige Häuser mit 5-stöckigen Tiefgaragen als Herbergen für 1000 Normalverdiener, Rodungen für weitere Bau- und Stellflächen und Sandaufspülungen, damit die 1000 Leute auch zusätzlich zu den Einheimischen und Tagesgästen noch etwas von der Ostsee haben, wegen der sie ja kommen.

Die Attraktivität der Region wird durch den „Tourismus für die oberen Zehntausend“ nicht leiden – im Gegenteil: Für anspruchsvolle Gäste ist das Beste gerade gut genug – die Region (besonders die Stadt) muss sich heraus putzen, muss gepflegt, sauber, kulturell und touristisch attraktiv sein, eine gute Infrastruktur und touristenfreundliche Öffnungszeiten haben. Sie muss frei sein von sichtbaren sozialen Brennpunkten, sich zivilisiert und menschenfreundlich zeigen, ein gutes Verkehrskonzept haben und durch ein gutes Miteinander glänzen.

Das alles kommt jedem Einheimischen genauso zu Gute, denn auch er will eine schöne, saubere und organisierte Stadt. Das alles ließe sich überbieten, wenn man den hohen Ansprüchen der reichen Gäste gerecht wird. Wir alle könnten so wohnen, wie andere es sich kaum zu erträumen wagen: In einer Touristenstadt, die mit vollen Händen investiert.

Dazu muss dieses Ziel aber klar definiert sein – die Stadtvertreter und der Bürgermeister müssen – die Bürger hinter sich wissend – Konzepte für das „Starnberg des Nordens“ erarbeiten und diese auch umsetzen. In einer politisch links dominierten Stadt ist das nicht einfach aber – Berlin und Rostock machen es vor – keinesfalls unmöglich. Das Stichwort lautet „Flair“ so etwas vermissen die Gäste unserer Stadt. Links und rechts von uns finden sie ihn – darum laufen diese Orte auch besser.

Was braucht es?

Auf keinen Fall eine Versammlung aller Beteiligten und Unbeteiligten. Das Experten-Kolloquium 2004 führte zu keinem brauchbaren Ergebnis. Am Ende erwiesen sich die FUNDUS-Pläne bis auf ein paar kompromissbereite Feinschliffe als die einzig umsetzbaren. Kein Wunder, denn Jagdfeld hat Experten aus ganz Europa und mit dem Stararchitekten Robert A. M. Stern auch einen renommierten Amerikaner Visionen erstellen und Konzepte ausarbeiten lassen. Das führte zwar zum Verdruss bei einigen hiesigen Architekten und Ingenieuren, die sich Aufträge versprachen aber das nur Zeit und Geld verschwendende Kolloquium zeigte, dass deren Vorstellungen nicht zum gewünschten Ziel führen.

Nur wer Ziele hat, kann andere dafür begeistern. Wer keine hat, kann seine Wähler nur durch seine Person begeistern, ist für die Stadt aber völlig nutzlos und verschwendet durch seine Selbstinszenierung Steuergelder. Genau das macht aber fast die Hälfte der Stadtvertreter.

Die Stadt hat bereits eine eigene Entwicklungsgesellschaft, die aber derzeit mit Heiligendamm nichts anfangen kann und darum die Stadt nicht als Ganzes behandelt. Wer Heiligendamm jedoch nicht berücksichtigt, der hisst weniger Segel, als er hat und braucht dementsprechend länger, um ans Ziel zu kommen, stellt zugleich dort fest, dass er unter den Möglichkeiten bleibt, eine Chance vertut.

Politik und Verwaltung haben nie die Möglichkeiten, die ein Wirtschaftsbetrieb hat. Darum gibt es städtische Wohnungsgesellschaften, städtische Verkehrsbetriebe, städtische Ver- und Entsorgungsbetriebe und städtische Kulturbetriebe, wie die Theater- Messe- oder Stadthallengesellschaften.

Die Kommunen gründen diese städtische Eigenbetriebe, weil sie als Wirtschaftsunternehmen viel mehr Möglichkeiten haben, viel flexibler und vor allem schneller reagieren können. Zugleich hat die Politik zwar Einfluss, kann aber nicht im Alleingang steuern, sodass die Unternehmen nicht so den Machtspielen der Politiker ausgesetzt sind, wie Ausschüsse, Räte  oder Gremien innerhalb des Rathauses.

Darum braucht es eine Entwicklungsgesellschaft, in der Profis das ausarbeiten, was die nicht umsonst als Laien gewählten Stadtvertreter beschließen und der Bürgermeister mit seiner Stadtverwaltung umsetzen muss. So funktioniert es in Hunderten Städten. Nur nicht in Bad Doberan.

Das ist bereits der Lösungsweg – mehr muss nicht getan werden. Allerdings müssen Laien akzeptieren, dass Profis zu anderen Schlüssen kommen als sie und Stadtvertreter müssen akzeptieren, dass die Ergebnisse nicht immer mit ihren eigenen Vorstellungen überein stimmen können. Die Wirtschaft funktioniert anders, als die Politik. Hier zählt, was am Ende in der Kasse liegt – Geld lässt sich sparen und anlegen und vermehrt sich durch Zinsen. Wählerstimmen jedoch muss man sich jeden Tag neu verdienen – man kann  sie nicht im Voraus bunkern, sie lassen sich nicht anlegen und vermehren tun sie sich nur durch gute Taten und Ergebnisse. Wer sich profiliert und viel redet, kann für einen Moment hoch hinaus kommen aber er fällt tief, wenn die Leere seiner Worthülsen beim Wähler durchschaut wird.

Es braucht aber auch den Rückhalt der Bürger und dazu gehört, dass sie sich eine objektive Meinung aus echten Fakten bilden können. Das wiederum ist Aufgabe der Medien, die nicht Meinung bilden, sondern Fakten transportieren soll. Das klappt bei vielen Themen gut und bei Heiligendamm wird regelmäßig Populismus betrieben, eher verwirrt, als informiert.

Die Bürger jedoch müssen sich mit den Zielen des Rathauses identifizieren, was bei guten Zielen auch gar nicht schwer fällt. Die Politikverdrossenheit und niedrige Wahlbeteiligung ist dem Umstand geschuldet, dass die Wähler keine Veränderungsmöglichkeiten sehen. Sie sehen nur „ziellos umher irrende und dabei laut gackernde Hühner“, mit denen sie sich beim besten Willen nicht identifizieren können.

Wenn man keinem zutraut, die Stadt voran zu einem gemeinsamen Ziel bringen (oder auch nur ein solches zu erarbeiten) dann kann man gar nicht wählen, sondern hat nur die Wahl zwischen Hingehen oder Zuhause bleiben. Die Politiker gefährden die Demokratie.

 

Schlusswort:
„Ich bin der Wahrheit verpflichtet, wie ich sie jeden Tag neu erkenne und nicht der Beständigkeit“. Diese Weisheit Ghandis habe ich mir zu eigen gemacht und wenn Sie ins „Selbstverständnis von zeit-am-meer“ sehen stellen Sie fest, dass ich fähig und willens bin, meine Ansichten immer wieder in Frage zu stellen und meine Meinung zu überdenken, wenn sich neue Fakten eröffnen. Ich diskutiere gern mit dem Ziel, neue Informationen und Sichtweisen zu erfahren, bin bereit, dazu zu lernen und stehe für meine Meinung so lange ein, bis ich sie auf Grund neuer Fakten ändern muss. Wenn Sie also andere Ansichten haben, weil Ihnen andere Fakten vorliegen, dann kann eine vernünftige Diskussion nur erfolgen, wenn Sie vorher die Fakten auf den Tisch legen. Ich möchte sie abgleichen, verifizieren und analysieren können. Auf diese Art interagiere ich gern – jede andere und jede fruchtlose Art lehne ich ab und genehmige schon der Übersichtlichkeit keine Beiträge, die nichts sinnvolles beitragen. Alles andere analysiere und kommentiere ich gern, wenn es mir die Zeit erlaubt.

 

Sie wollen es genauer wissen? Hier geht es zur ausführlichen Version der Erklärung, warum Heiligendamm so ist, wie es ist und was es braucht, um die Weiße Stadt am Meer wieder zu Deutschlands bestem Seebad zu machen.

 

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