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„Straßenkampf“ in Heiligendamm: Streit um Wege, Parkplätze und Strandversorgung.

Das mondänste aller deutschen Seebäder präsentiert sich derzeit recht zweigleisig: Auf der einen Seite gibt es ein Luxus-Hotel mit Sterne-Restaurant, gediegenen Bars, Clubs und Cafés und gleich daneben geht es zwischen zwei Cafés mit einem stinkenden kleinen Klo-Häuschen und mehreren mobilen Imbissbuden am Rande von Schotter-Parkplätzen weiter. Grünflächen sind verwuchert, Wege zu schmal und Parkplätze in der Saison nicht ausreichend. Kurtaxe kostet das Ganze trotzdem und den Ärger haben die Bad Doberaner Gastgeber, die ihren Gästen unangenehme Fragen beantworten müssen. Der FDP-Mann Tom Wosar ist so ein Bad Doberaner Gastgeber und er regt sich auf. Aber nicht nur er:

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Gastronomen warnen: Bald kaum noch Parkplätze am Strand

In Heiligendamm sollen zwei Service-Center dicht an dicht entstehen. Investor: „Unsinn“.

Von Frank Pubantz

Heiligendamm – Vor einschneidenden Folgen neuer baurechtlicher Regeln in Heiligendamm warnen die Gastronomen Tom Wosar und Stephan Rolfs. Vielen Doberanern sei offenbar nicht bewusst, was die in der Stadtvertretung beschlossenen Änderungen des Bebauungsplanes 25 für das Seebad bedeuten. „Die Zahl der Parkplätze wird von 200 auf 50 reduziert“, so Wosar. „Dann kann dort bald keiner mehr parken.“ Bis 30. Dezember
liegt der neue B-Plan im Rathaus öffentlich aus. Wosar und Rolfs hoffen, „dass sich viele Menschen noch dagegen aussprechen“.

Tom Wosar hat Anfang Oktober Fotos von der Parksituation in Heiligendamm geschossen. Die Stellflächen dort, wo die Entwicklungscompagnie Heiligendamm bald ein Thalassozentrum bauen möchte, und auch die am alten Golfhaus sind alle belegt. „Und das war in der Nebensaison“, so Wosar. Früher oder später komme das Thalassozentrum; hier sei rechtlich nichts mehr zu ändern. Aber gegenüber, am alten Golfhaus soll ein Imbiss mit öffentlicher Toilette und Spielplatz entstehen – ein Projekt, dem die Stadtvertreter zustimmten.

„Dann sind insgesamt 150 Parkplätze weg“, so Wosar. Es blieben nur 50 Stellflächen entlang der Straße hinter dem Strand in Richtung Börgerende. Auch 200 Fahrradstellplätze entfielen, so Wosar: „Warum sollen Touristen dann nach Bad Doberan oder Heiligendamm kommen?“ Wosar und seine Frau betreiben in Doberan eine Pension: „Die Gäste zahlen Kurtaxe wegen des Seebades. Soll ich sie nach Börgerende an den Strand schicken?“

Die Flächen am Golfhaus seien kein Parkareal, sondern Grünfläche, reagierte gestern Bauamtsleiter Norbert Sass. Sass verweist auf den Waldparkplatz, der extra zum Ausgleich geschaffen worden sei. Auch mit dem neuen Thalassozentrum sollen Parkplätze entstehen – als Tiefgarage. Sass: „Was die dann kosten, weiß nicht nicht.“

Einen Einspruch zur B-Plan-Änderung hat Klaus König eingereicht. Der Gastronom aus Templin plant seit Jahren ein Service-Center östlich des Golfhauses. Zwei solcher Versorgungszentren seien aus seiner Sicht „völliger Unsinn“. Im Februar, März wolle er mit dem Bau beginnen; geplant: drei Gaststätten und eine öffentlich nutzbare Toilette. Warum die Stadt nun mit der B-Plan-Novelle einen zusätzlichen Imbiss plus Toilette absegne, könne er nicht verstehen. Es gebe auch viel zu wenige Parkplätze. Er behalte sich Schadensersatzforderungen vor. König: „Es ist hohes privates Kapital gebunden.“

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Zur Info: Tom Wosar ist nicht nur Pensionsbesitzer in Bad Doberan, sondern wollte zusammen mit dem Parteifreund Stefan Rolfs in Heiligendamm – eben auf dem betreffenden Gelände – eine Strandversorgung errichten. Außer dem Konzept der beiden FDP-Mitglieder lag ein weiteres Konzept des Heiligendammer Architekten und Gastgebers Ralf Gödeke vor, das die Stadtvertreter (und selbst die ECH) einfach schlüssiger und ausgereifter fanden. Sie entschieden sich unter Protest von Harry Klink (FDP) für den Zuschlag an Gödeke, der selbst Mitbegründer der IHG (Interessengemeinschaft Heiligendammer Gastgeber) ist, die wiederum eine gewisse Bürgerbund-Nähe aufweist. Durch die Entscheidung der Stadtvertreter kam es zu Spannungen zwischen der Orts-FDP und dem Bürgerbund im Rathaus, die auch in den folgenden Absätzen immer wieder zum Vorschein kommen.

Klaus König ist eine ganz andere Geschichte: Er entwickelt das Areal östlich des von Gödeke entwickelten Teilstückes. Die Stadt hat hier tatsächlich zuerst Klaus König für eine Strandversorgung gewonnen und dann noch einmal für die restliche Freifläche – den Schotterparkplatz – Ralf Gödeke. Tom Wosar hat also Recht wenn er sagt, dass möglicherweise Parkplätze verloren gehen. Die Frage ist nur, was er mit seinen Planungen anders gemacht hätte und ob dieses so gut ist, dass die Betreiber es vielleicht übernehmen und damit eine gute Lösung für Heiligendamm und seine Gäste finden können. Zwei Strandversorgungen auf einer Länge von fast 1000 Metern sind kein Problem: Sie müssen sich nur ergänzen, statt zu konkurrieren. Das größere Problem wäre, nicht genug Parkplätze zu finden aber genau dem will die Stadt ja durch die Errichtung eines Saisonparkplatzes östlich des Golfteiches entgegen steuern. Dass auch das nicht das Nonplusultra ist, werden Sie gleich sehen. Zuerst die…

Unterstützung von Harry Klink für den Parteifreund:

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Nur ein Weg zum Strand, das ist Unvermögen

Zum Thema Parkplätze in Heiligendamm (OZ, 24. Dezember):

Der Bericht ist unvollständig. Dem Verlust von öffentlichen Parkflächen in Größenordnungen im Ort und auch der widerrechtlichen Sperrung von mit Steuergeldern sanierten Wegen steht ja die weitere Entwicklung von Heiligendamm (siehe geltende B-Pläne) gegenüber: Schaffung von Wohnraum für mindestens 2000 neue Bewohner (150 Villen) und anderer Neubauten. Diese Menschen sowie die Bad Doberaner mit ihren Gästen auf nur einem einzigen Weg an den Strand zu lenken, ist städtebauliches Unvermögen, ist Verweigerung aller Verantwortlichen gegenüber der Vernunft.

Harry Klink, Bad Doberan

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Ich hatte dazu einen Leserbrief verfasst, den die Ostsee-Zeitung wieder einmal ungünstig zusammengekürzt und damit sinnentstellt hat. Darum versuche ich einfach wieder an gewohnter Stelle eine…

Analyse: Reichen die Wege und Parkflächen in Heiligendamm aus?

Ich kann ganz klar das Fazit vorweg nehmen: NEIN. Man kann gar nicht von Wegen in der Mehrzahl sprechen. Es gibt ein Zentrum in Heiligendamm und das ist die Kurve der Seedeichstraße mit ihren beiden Schotterparkplätzen, dem stinkenden Klo-Haus und den mobilen Imbissbuden, die für einen ganz eigenen Nachwende-typischen Geruch sorgen: Salzige frische Seeluft mit einem Touch Frittenfettgestank.

Zu diesem Zentrum führen in der Tat einige Wege: Man kann direkt über die Seedeichstraße in dieses Zentrum fahren und sein Glück versuchen, einen Parkplatz zu finden oder (notfalls mit Fäusten) zu ergattern (ist so 2010 passiert). Oder man parkt sein Auto auf dem „umweltverträglichen“ Waldparkplatz im Großen Wohld und geht zu Fuß etwa 10 Minuten zum Strand, um wieder an der Seedeichstraße zu landen. Dann gibt es noch die „Hinterland-Parkplätze“ am Bahnhof und am Fürstenhof, sowie die Blockade von eigentlich für Anwohner, Parzellenbesitzer, Mitarbeiter und Klinik-Gäste gedachten Stellflächen. Von dort aus und auch vom Molli gelangt man dann durch den Kurwald über drei Routen an der Seedeichstraße, die man sich mit Radfahrern und Autos teilen muss und die so schmal ist, dass genau das nicht funktioniert. Es führen also etwa vier bis fünf Wegrouten zur Seedeichstraße und von dort eben auch auf die Promenade . Tausende Menschen passieren in der Saison die Seedeichstraße, bei 200 Parkplätzen sind es ja allein schon mindestens 400 Leute, plus Molli-Passagiere, Radfahrer, Einheimische und Urlauber.

Sie erkennen unschwer, dass das nicht funktionieren kann.

Nun soll noch ein weiterer Parkplatz durch die Stadt gebaut werden und auch wenn dafür andere Parkflächen verschwinden, wird erst eine gewisse Anzahl an Stellplätzen die Finanzierung der Bauvorhaben sichern können. Der Saison-Parkplatz wird also auf keinen Fall weniger Autos fassen, als der verschwindende Parkplatz. Bestenfalls kommen in Zukunft gleich viele Autos, schlechtenfalls mehr. Dasselbe gilt für die ECH-Tiefgarage unter dem Thalasso-Zentrum, die auch nur vorhandene Parkplätze unter die Erdoberfläche verlagern soll. Da kommt dann aber noch ein Mehrbedarf hinzu: Die Gäste des Thalassozentrums – das es ja noch nicht gibt – wollen parken und auch die Bewohner der Villen der Perlenkette bekommen ihre Zufahrt zum Tunnelparkplatz über die Seedeichstraße. Das aber weiß die Stadt schon seit 2004 und hat es einfach nicht berücksichtigt. Am Ende werden dann alle auf die ECH schimpfen, weil die Gäste des Schwimmbades und die Bewohner der Perlenkette ein Mehr an Autos verursachen. Aber war nicht genau das der Plan: Gäste mit neuen Angeboten zu locken und sie dazu zu bewegen, sich dauerhaft oder zumindest länger hier niederzulassen und ihr Geld hier auszugeben? Die Stadt plant an der ECH vorbei – wieder einmal.

Nächstes Szenario: 200 Wohneinheiten in Apaartments an der Kühlungsborner Straße sollen entstehen, 150 Villen rund um den Ort, Sportstätten, Freizeitangebote, mehrere Appartmenthäuser, Gaststätten und evtl. auch kleine Hotels innerhalb des Villenviertels (so die Vision Robert A. M. Sterns von 1997). Dieses Mehr an Menschen will auch zum Strand!

Die Wege werden also hoffnungslos überlastet. Wie lauten die Alternativen?

Es müssen neue Wege geschaffen werden, die nicht in der Kurve der Seedeichstraße enden.
Also doch einen Stichweg? Nein, denn der führt erst Recht in eine Sackgasse, in der Ottonormaltagesgast kein Geld lassen kann.
Ein Stichweg würde hunderte Gäste vom Bahnhof und den „Hinterland-Parkplätzen“, später sogar von den Appartments und Villen durch das Hotel hindurch schleusen. Die Gäste würden sich gestört fühlen und auch die Bewohner der Perlenkette säßen auf dem Präsentierteller. Der Stichweg würde direkt an den Terrassen der Kolonnaden, der Liegewiese und den Fensterfronten des SPA-Bereichs vorbei führen. Ein Stichweg würde die Menschen in eine Sackgasse oder – wenn der Rundweg gebaut wird – weg von Heiligendamm führen. Kein Mensch würde Geld in der Strandversorgung und den Cafés lassen, wenn er dort im Abstand durch den Wald hindurch vorbei geführt wird.

Nein, die Wege in Heiligendamm müssen zielgerichtet sein. Das Ensemble erschließt sich von Ost nach West und die Stadt tut gut daran, die Menschen erst an der Strandversorgung entlang gehen und wissen zu lassen, wo sie Geld ausgeben können, bevor sie nach Westen abhauen. Im Osten muss mehr Infrastruktur geschaffen werden: Neue Wege durch den Großen Wohld, der ein Naturerlebniswald werden muss. Die Menschen müssen zum Conventer See finden, ihn umrunden und in Börgerende einkehren können. Bad Doberaner können in den neuen Bauten in Börgerende Geschäfte eröffnen und somit Geld an Heiligendammer Gästen verdienen, das sich in Heiligendamm nicht verdienen lässt. Verbindet man Heiligendamm und Börgerende, hat man eine touristische Einheit, die im Osten und Westen durch Wälder und zu großen Entfernungen zu den Nachbarorten vor der Konkurrenz gut geschützt ist. Aber es muss ein ansprechendes Umfeld her: Die beiden Wälder um Heiligendamm müssen sauber und begehbar sein, man muss in ihnen Ruhe und Rast finden aber auch Erlebnis und Erfahrung. Der Conventer See muss als Naturerlebnis vermarktet werden – ein Rundweg um ihn herum kann dazu einladen, heimische Tierarten zu beobachten. Es muss Verbindungen zur Seepromenade geben, dort vielleicht ein paar Sitzrondelle und Aussichtspunkte. So entsteht eine Einheit zwischen den beiden Orten und Heiligendamm kann wieder attraktiv von Osten her erlebt werden.

Und dann muss ein Rundweg her – ein Weg, der verhindert, dass die Menschen nach Kühlungsborn wandern. Ein Weg, der sie wieder hoch auf die Küste und wieder zurück nach Heiligendamm führt. Oder besser noch: Nach Wittenbeck und Vorder Bollhagen, wo die Leute Geld für Sport, Kultur und Gesundheit lassen können. Natürlich müssen auch hier Angebote entwickelt und vorgehalten werden aber das regelt der Markt schon allein.

Last, but not least muss die Straßenkreuzung an der Median-Klinik entflochten werden. Eine Kurklinik an Straßen und Bahnschienen lachhaft. Der Verkehr zum Kinderstrand muss entweder auf einen neuen Parkplatz vor dem Wald geführt werden oder – wenn es denn sein muss – durch den Wald hindurch zum jetzigen Kinderstrand-Parkplatz. Man kann das alles so gestalten, dass Ortsunkundige gar nicht erst in den Ort hinein fahren, sondern ihr Auto vor dem Ort und Wald stehen lassen und dann die Natur und den Ort zu Fuß erleben. Oder mit Fahrrädern, die man z. B. am Parkplatz verleihen könnte. Der Kleine Wohld muss dabei seinen Park-Charakter zurück erlangen. Der Spiegelsee ist eine Legende, die es auf Postkarten und in Gedichte (z.B. Rilke: „Hinter schuldlosen Bäumen“) geschafft hat. Diese Legende muss wieder erlebbar und das Umfeld anziehend und ansprechend sein. Die Wege durch den Wald zum Kinderstrand und zur Kirche müssen in Ordnung gebracht werden und die beiden Hauptwege dürfen eben nicht auf der Kinderstrand-Straße entlang verlaufen, sondern müssen sie überqueren: Hin zum Kinderstrand-Abgang, hin zum Liegnitzsteg-Abgang. Und dann auf nach Osten – Heiligendamm erleben, vielleicht auch Börgerende entdecken. Und genau hier im Osten muss es dann wieder eine kurze Verbindung zum Parkplatz im Westen geben – ein Spazierweg hinter der Gartenstraßen-Siedlung entlang zwischen Villenviertel und Sportstätten hindurch zum Beispiel. Oder wieder hinein in den Kleinen Wohld und vorbei an der Kirche zum Parkplatz.

Das sind die Wege, die in Heiligendamm fehlen. Kein Stichweg kann, was diese Wege können.

(Ich versuche mal, das in ein Bild zu bringen und stelle es dann hier ein.)

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