Lippenstift auf Scheibe - geschlossen

Corona-Krise: So läuft es in Bad Doberan

23.03.2020

Die gute Nachricht vorweg: In der Stadt gibt es noch keinen bekannten Corona-Fall. Vor den Toren der Stadt ist ein Zentrum zur Entnahme von Abstrichen auch aus dem Auto heraus entstanden, ansonsten sind leere Geschäfte und leere Straßen das auffälligste Merkmal der Corona-Krise. Das heißt, die Doberaner machen alles richtig und bleiben zuhause – von Einzelfällen abgesehen.

Die Schließungen kamen in Raten – sie folgten dem Zögern zuerst des Landes und dann des Bundes. Zuerst wurden die öffentlichen Einrichtungen, Schulen und Kindergärten geschlossen, Veranstaltungen und Treffen abgesagt. Schließlich wurde der Tourismus heruntergefahren und Hotels und Unterkünfte leerten sich und dann mussten auch die Geschäfte schließen, die keine Lebensmittel, Getränke, Postsachen, Zeitschriften etc. verkauften. Das führte zu kuriosen Situationen: Bei REPO sperrte Flatterband alles ab, was nicht Lebensmittel, Getränke, Drogerie oder Gartenbedarf ist und einige Händler hängten ihre Regale zu.

So ganz gerecht erschien es auch nicht, dass der Schuhladen und das Textilgeschäft schließen mussten, aber der Verbrauchermarkt nebenan weiterhin Schuhe und Textilien verkaufen durfte. Aber es erschien auch nicht logisch, dass Friseure und Masseure mit direktem Körperkontakt weiterhin arbeiten durften, während draußen die 1,5-Meter-Abstandsregel galt. Man wünschte niemanden, dass er sein Geschäft schließen und kein Geld mehr verdienen konnte. Doch für viele kam es heute so, als der nächste Schritt gegen Corona startete. Jetzt dürfen auch Friseure, Masseure und auch Physiotherapeuten, Logopäden und viele andere nicht mehr öffnen. Gaststätten bleiben zu und damit kommt in der kleinen Stadt Bad Doberan fast alles zum Erliegen.

Doch hinter den Kulissen der leeren Läden kämpfen Menschen einerseits um ihre Existenz und andererseits auch für ihre Kunden. Keine Einnahmen zu bekommen ist das eine, Kunden an große Internetshops zu verlieren, das zweite Problem. Was weg ist, ist weg. Der internetaffine Bürgermeister Jochen Arenz sammelte prompt die Lieferdienste der Stadt und der Autor dieser Seite unabhängig davon die Onlineshops. Als beide erfuhren, dass sie dasselbe taten, schlossen sie sich zusammen und so entstand auf ERSTES SEEBAD eine doch große Liste mit Onlineshops, Lieferdiensten und Beratungsangeboten. Manche klassisch mit Bestellliste und Telefonnummer, manche hochmodern mit Live-Videoshopping und Online-Personaltraining. Jeder hat seinen Weg gefunden – den Weg zum Kunden. Jetzt liegt es an den Kunden, die Geschäfte dieser Stadt zu unterstützen und die Angebote zu nutzen. Nur so werden sich die Türen wieder öffnen.

Der Bürgermeister ist der Mittelpunkt des derzeitigen Geschehens in der Stadt. Er macht seinem Titel alle Ehre und koordiniert Hilfsangebote und Hilfsgesuche, unterstützt die Gewerbetreibenden, schreibt ihnen Referenzschreiben für ihre Vermieter, bietet ihnen Hilfe bei Verhandlungen mit den Banken und versorgt sie mit stets aktuellen Informationen von oben. Vor allem aber sorgt er dafür, dass die Stadt das tut, was ihr möglich ist, um die Gewerbetreibenden zu unterstützen. Selbst eine Mahnung an die große Politik in Land und Bund entsprang seiner Feder.

Man muss diesem Bürgermeister danken, aber noch bevor man das so richtig tun kann, nimmt er sich Kreide und zieht von Laden zu Laden und von Einrichtung zu Einrichtung und malt rote Herzen auf das Pflaster, um DANKE zu sagen. Wo hat die Welt das schon mal gesehen? Kein Wunder, dass dem Bürgermeister die Herzen zufliegen – nicht nur die anklickbaren bei Facebook, sondern auch die echten. 

Wie es nun weiter geht, werden die nächsten Tage zeigen. Ein erster Erfolg in Form einer Genesung im Landkreis gab Zuversicht, aber seitdem hat sich die Zahl der Infizierten längst mehr als verdoppelt. Die Gewerbetreibenden sind verärgert über die Überlegungen der Politik. Kredite und Steuerstundungen verschieben den Tod des Geschäfts nur. Die Gewerbetreibenden haben oft schon einen Kredit zu bedienen. Mit noch einem Kredit können sie zwar die Einnahmeausfälle zumindest teilweise ersetzen, aber dann müssen sie Raten zahlen, die noch zusätzlich erwirtschaftet werden müssen. Niemand weiß, ob nach Corona der Markt noch so ist, wie er bis vor ein paar Wochen war. Niemand weiß, wie viele Urlauber 2020 noch kommen werden und wie viel Geld sie ausgeben können. 

Darum braucht es andere Maßnahmen. Zinslose Kredite wären das Minimum, Einmalbeträge ohne Rückzahlung das Optimum. Aber auch über die Steuern ließe sich das regeln. Verzicht statt Stundung, Umsatzsteuerminimierung für 2020, Einkommenssteuererlass, 100% Lohnfortzahlung für Beschäftigte – das sind für einige annehmbare Optionen. Jochen Arenz formulierte es so: „Warum für schlechte Zeiten sparen – Die schlechten Zeiten sind jetzt!“

 

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