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Münster: Zeitkapseln zum Nachdenken.

Vielleicht ein letztes Mal gab es am Montag den Inhalt der Zeitkapseln vom Dachreiter des Doberaner Münsters zu sehen. Wertvolle Zeitzeugen aus zwei Epochen wurden ausgebreitet: Zeitungen, Bücher, Kalender, Münzen, Fremdenverzeichnisse und Urkunden. In die Zeitkapsel von 1892 wurden die damals gefundenen Dinge aus der kaputten Kapsel von 1841mit hinein gelegt. Es ist wie ein Sechser im Lotto – diese Geschichte darf man nur mit Handschuhen anfassen. Was war 1841 und was 1893? Im Jahre 1840 erlebte das gerade ein Jahr zuvor erstmals als „Heiliger Damm“ in den Karten auftauchende Heiligendamm seine erste Ausbaustufe. Die drei Cottages entstanden für die großherzogliche Familie. Das Seebad als Ganzes (also Doberan-Heiligendamm) zählte um die 1.300 Gäste und registrierte über 13.000 Bäder pro Jahr. Doberan war kultureller Mittelpunkt des Seebades und Heiligendamm das angesagteste Bad des Landes. 1893 war vieles ganz anders: Heiligendamm war jetzt Privateigentum, bot alles vor Ort und war nun das eigentliche Seebad. Doberan versank zunehmend in Bedeutungslosigkeit und wurde wegen der vielen in der grünen Idylle entstehenden Altersruhesitze „Pensionopolis“ genannt. Mit der Erhebung zur Stadt, dem Bau des Gymnasiums und der Bahn- und Molli-Trassen versuchte man, dem entgegen zu wirken. Mit mäßigem Erfolg: Zur 100-Jahr-Feier Heiligendamms brachte Staatsrat von Amsberg im Kurhaus seinen Toast mit diesen Worten aus: „Ein Hoch auf Heiligendamm – die Perle Mecklenburgs“. Diese Perle bekam eine eigene Kapelle und wurde gefeiert, als gehöre sie gar nicht zu Doberan. 121 Jahre später sind nun neue Dokumente in die Kapsel zu legen. Sie sollen lokalen Bezug haben und werden von einem Bad Doberan erzählen, dessen Geschichte sich gerade wiederholt und das um Institute und Behörden wirbt, um nach dem Kreisstadt-Verlust und der drohenden Amtsgericht-Schließung erneut gegen die Bedeutungslosigkeit zu kämpfen. Es wird zu lesen sein, wie abermals statt nahe liegend im Geschichts-Tourismus das Heil stattdessen in der Ausschreibung neuer Wohngebiete gesucht wird. Diesmal wird nicht von „Pensionopolis“ die Rede sein, sondern neudeutsch von einer „Schlafstadt“. Diesmal wird Heiligendamm nicht gefeiert – man wird nichts Positives über das einst glänzende Seebad zu lesen finden. Was überhaupt werden die Menschen in 100 Jahren über uns, unser Tun und Lassen, unsere Entscheidungen in Politik und Verwaltung lesen? Was möchten wir denn, dass sie es in 100 Jahren über uns lesen? Welchen Platz möchten wir einnehmen in der Geschichte unserer Stadt? Die Rückkehr der Zeitkapseln in die Spitze unseres Wahrzeichens ist ein guter Anlass, einmal inne zu halten und darüber nachzudenken.

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