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Schonfrist abgelaufen: Attacke auf den neuen Bürgermeister.

100 Tage ist Thorsten Semrau im Amt des Bürgermeisters von Bad Doberan. Sein Erbe ist nicht einfach: Grand-Hotel-Pleite, Heiligendamm-Dauerstreit, Kino-Schließung und Moorbad-Teilabriss. Kultur und Jugend schreien um Hilfe, Händler und Gastgeber fordern Konzepte und die Schulden haben die Stadt fest in der Hand. Nun sind die ersten 100 Tage um und SPD und CDU und auch Rathaus-Mitarbeiter schießen gegen den parteilosen Bürgermeister.

 

Am 27.06.2012 widmete die OSTSEE-ZEITUNG dem Bürgermeister die halbe Lokalseite. Von „Semrau im Kreuzfeuer“ ist die Rede, von einer Klage des Personalrates gegen ihn und von „Führungsschwäche“.

 

CDU-Frontfrau Caroline Brandt kritisiert Finanzpolitik.

Redakteur Andreas Meyer zitiert dabei die CDU-Stadtvertreterin Caroline Brandt: „“Man mag zu Polzin stehen, wie man will – aber bei ihm waren alle Vorlagen finanziell gut untersetzt. Ich habe im Moment nicht das Gefühl, dass Doberan in den kommenden Jahren noch große Projekte angehen kann“. Brandt stört weiterhin der Streit hinter den Kulissen.

 

Meinungsverschiedenheiten zwischen Bürgermeister und Personalrat.
Während der jüngsten Haushaltssitzung kam es bei der Besetzung einer Stelle im Bürgeramt zum Streit zwischen Semrau und dem Personalrat, dessen Chefin Roswitha Raake sich auf Nachfrage der OZ nicht äußern wollte, weil es sich um Interna handelt. Dennoch unterstellt der Personalrat ihm, seine Wahlversprechen nach Transparenz und Kommunikation zu brechen. Semrau möchte die Sache intern regeln, laut OZ steht aber ein Rechtsstreit bevor.

 

SPD-Fraktionschefin Birgit Mersjann kritisiert Konzeptlosigkeit.
Auch die in der Bürgermeisterwahl unterlegende SPD sieht Anlass für Kritik am Wahlsieger. Fraktionschefin Birgit Mersjann vermisst klare Positionen, z. B. zu Heiligendamm, zum Haushalt und zum Stellenplan des Rathauses. Sie sagt gegenüber Meyer: „Ich habe schon wesentlich bessere Zeiten in der Stadtverwaltung erlebt.“ und „Ich kann mich manchmal nicht des Eindrucks erwehren, der neue Bürgermeister versucht, es allen recht zu machen. Aber das funktioniert nicht.

 

Semrau: Ich bin nun einmal kein Alleinherrscher.
Der kritisierte Bürgermeister kontert selbstbewusst: „Ich habe natürlich klare Ziele. Aber die Entscheidungen treffe ich zusammen mit den Amtsleitern. Ich habe nun einmal einen kooperativen Führungsstil“. Semrau, der in Neubukow selbst Amtsleiter war und darum weiß, was Amtsleiter von einem Bürgermeister erwarten, räumt auch ein, dass er es als Bürgermeister nie allen recht machen kann und dass er für manches Problem, das er angehen wollte, mehr Zeit braucht.

 

Rückendeckung von Klink und Arenz.
Darin pflichten ihm der parteilose Stadtvertreter Jochen Arenz und FDP-Fraktionschef Harry Klink bei. Arenz, der auch mit Polzin schon gut zusammen arbeiten konnte: „Auf den Bürgermeister sind viele Themen eingestürzt. Er arbeitet sich noch ein.“ Harry Klink, der schärfste Kritiker des ehemaligen Bürgermeisters Hartmut Polzin (der diesen mit Dienstaufsichtsbeschwerden und Klageandrohungen belegte) weiß Semrau als Teamplayer zu schätzen und meint: „Semrau ist gefordert, die aufgelaufenen Probleme abzuarbeiten. Und davon haben wir in Doberan eine Menge.“

 

Zusammen ist alles möglich.
Thorsten Semrau resümiert die ersten für ihn „spannenden“ hundert Tage im Amt: „Wir werden die neuen Herausforderungen lösen – wenn alle mitmachen.“

 

ZAM meint: Semrau ist in Bad Doberan angekommen.

Die Stille in der Stadtvertretung seit Amtsantritt des neuen Bürgermeisters war geradezu gespenstisch. Wo sind die hin, die Schimpftiraden auf den Bürgermeister? Sollte nur allein der Austausch der Person die Ruhe ins Rathaus bringen, die Bad Doberan für seinen Fortschritt braucht? Sollte nur allein die Präsenz Semraus für ein konstruktives Miteinander oder gar Einvernehmen sorgen? Das erschien so unwirklich, fast schon surreal.

Nun sind 100 Tage um und die Stadtvertreter haben ihre Stimmen wieder gefunden. Man weiß einigermaßen, woran man ist und nun möchte jede Fraktion ein Stück weit Einfluss auf den Bürgermeister ausüben. Die einen versuchen es mit Kritik, die anderen mit Unterstützung. Stadtvertreter Jochen Arenz bleibt seiner Linie treu, den Bürgermeister nicht als Gegner zu sehen und Stadtvertreter Klink bekräftigt noch einmal, dass es ihm nur um Polzin ging, er aber nicht grundsätzlich etwas gegen Bürgermeiser hat, wenn sie denn mit ihm zusammen arbeiten, ihm also zuhören.

Diese erste Reibung im Rathaus zeigt, wie sich die Politik in Zukunft entwickelt: Der parteilose Bürgermeister soll Partei ergreifen, sonst würde man ihm zeigen, wo es lang geht. Die für 2013 bevorstehenden Wahlen für die Stadtvertretung spielen eine große Rolle: Keine Partei kann mehr mit ihrem Bürgermeister punkten (wer Polzin stärken wollte, wählte die SPD, wer ihn schwächen wollte, wählte CDU oder FDP). Das bedeutet, dass nun die Fraktionschefs- und -chefinnen sich hervor tun müssen, um zu zeigen, dass sie Einfluss auf den Bürgermeister und damit auf den Kurs der Stadt haben. Ganz normales politisches Vorgeplänkel also. Den scharfen Wind wird Semrau Mitte nächsten Jahres um die Ohren kriegen und den Sturm bei der nächsten Bürgermeister-Wahl.

Fakt ist: Semrau ist angetreten, das „Durchwurschteln“ zu beenden, klare Ziele und Konzepte auszuarbeiten. In einem Artikel im „Doberaner Stadtanzeiger am Samstag“ (Ausgabe 25 vom 23.06.2012) mahnte ich die Stadt als Ganzes, Ziele zu definieren und Kurs zu nehmen. Der richtige Weg wäre gewesen, dass Semrau klar Schiff macht und die Stadtvertreter um sich schart, um eben diese Ziele gemeinsam zu definieren. So aber kamen die Stadtvertreter ihm zuvor und warfen ihm genau das vor, was sie selbst seit zwei Legislaturperioden tun: Ziellos umher irren. Im Artikel sehen Sie unmissverständlich, wer die Ziele definieren muss und wer steuert.

 

Semrau-Kritik mobilisiert Kuschelbedürfnis.

Die Ostsee-Zeitung will es wissen: Was halten die Leser von der Kritik am Bürgermeister? OZ-Redakteur Andreas Meyer selbst ist der Meinung, dass der Bürgermeister 100 Tage Zeit hatte, sich alles anzusehen und anzuhören und nun die Bürotür schließen und Fakten schaffen muss, statt zu hören zu reden. Für ein abschließendes Urteil findet er es zu früh.

Besonders interessant sind zwei Reaktionen auf die Kritik. Die erste stammt von „Pro-Heiligendamm“-Chefin Heike Ohde, deren Bürgerinitiative den Bürgerbund unterstützt:

Kooperativer Führungsstil macht Semrau sympathisch

„Herr Semrau ist im Stadtbild sehr präsent. Man trifft ihn im Kornhaus, bei der Glockenweihe oder auf dem Kampfest. Er geht auf die Leute zu und hat für jeden ein offenes Ohr. Ich bin froh, dass wir endlich wieder einen Bürgermeister haben, den die Belange seiner Bürger auch interessieren. Dass nach 100 Tagen Amtszeit vielleicht noch keine großartigen Ergebnisse sichtbar sind, bedeutet nicht, dass nicht gearbeitet wird. Und dass Bad Doberan nicht messbar „vorankommt“, kann auch daran liegen, dass Herr Semrau, bestärkt durch seine Wähler, bei einigen Themen eine neue Richtung einschlägt und manchmal dafür auch ein Stück des Weges zurückgehen muss. Sein kooperativer Führungsstil macht ihn sympathisch und schließt aus, dass uns Alleingänge eines Bürgermeisters – wie beispielsweise die Sperrung und Beschilderung der Wege in Heiligendamm im Bereich des Hotels im Jahr 2003 – zum Glück erspart bleiben.“

Heike Ohde, Bad Doberan
Zurück ins Jahr 2003, um das Hotelgelände wieder zu öffnen:
Nach vier ordentlichen Portionen Honig sagt Ohde klar, was der Bürgermeister tun muss:
Rückwärts gehen (ins Jahr 2003) und einen neuen Weg einschlagen (Zäune in Heiligendamm öffnen). Gleich im letzten Satz untermauert sie diese Ansicht.

Aber auch die AWO verspricht sich etwas vom Bürgermeister und bringt sich mit Lob in Erinnerung:


Niemand wird es allen recht machen können.

„Natürlich kann ich die Arbeit des neuen Bürgermeisters, Herrn Semrau, weder konkret noch umfassend einschätzen. Mein Eindruck als Bürgerin von Bad Doberan und als Geschäftsführerin

der Awo ist jedoch, dass Herr Semrau den Menschen aufgeschlossen und mit hoher Aufmerksamkeit

gegenübertritt. Schon nach wenigen Begegnungen und Gesprächen war sein Interesse an den Menschen und an der sozialen Arbeit in Bad Doberan spürbar. Ich persönlich halte einen kooperativen Führungsstil für den richtigen Weg. Bürgermeister von Bad Doberan zu sein, ist aus

meiner Sicht keine leichte Aufgabe, niemand wird es allen recht machen können. Ich wünsche Herrn Semrau weiterhin Mut und Kraft, um die vielfältigen Aufgaben bewältigen zu können.“

Martina Wagner, Bad Doberan

In den nächsten Tagen werden wir viele Beiträge lesen können, die den Bürgermeister unterstützen, weil sie ihn brauchen, weil sie sich zu einem Dank schuldig sind oder weil sie ihn einfach mögen. Wir werden aber auch die Gegenseite hören. Die Frage bei einer SPD-dominierten Zeitung (die Madsack-GmbH, die das Tagesgeschäft der zur Madsack-Verlagsgruppe gehörenden Ostsee-Zeitung bestimmt, gehört der SPD-Tochter ddvg) ist, welche Seite in der Veröffentlichung überwiegt – welche Meinung wir uns also bilden sollen. Mein Tipp: Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung, indem Sie Herrn Semrau über seine Internetseite www.thorsten-semrau.de kontaktieren. Dort gibt es auch eine Kummer-Ecke, in der Probleme zur Sprache gebracht werden können. Ich für meinen Teil unterstütze jeden, der im Sinne der Stadt und der Mehrheit seiner Bürger handelt.

 

3 Kommentare

  1. Gegenstimmen, Kommentare, Meinungen:

    Miesepeter wieder auf dem Vormarsch!

    Nur 100 Tage im Amt und die, die Jahre lang den Karren in den Dreck gezogen haben, erwarten, dass er alles Ungeschehen macht. Liebe Doberaner lasst ihm Zeit und er wird vieles ändern.
    schreibt Eduardo Catalán aus Bargeshagen 

    Typisch…

    Es ist mal wieder typisch für einen Teil der Bad Doberaner Stadtvertreter.

     

    Die Doberaner Händler kämpfen ums Überleben, die Doberaner Kinder werden im Container betreut … Und die Doberaner Stadtvertreter? Haben nichts weiter zu tun, als jeden Streit und jede Auseinandersetzung in die Öffentlichkeit zu tragen. Jede kleinste Befindlichkeit muss öffentlich ausdiskutiert werden. Warum? Aus Angst gute Stellungen zu verlieren, die man unter Polzin hatte? Aus Angst nicht mehr „wichtig“ zu sein?

    Wenn ich schon höre/lese: Eklat zwischen Semrau und dem Personalrat! Ist der Personalrat nicht in der Lage, mit Semrau intern zu agieren? Was ist los im Bürgeramt? Geht die Angst um, dass Kunkeleien und Vetternwirtschaft ein jähes Ende finden? Und wer bitte schön sind denn diese Stadtvertreter, die „nicht das Gefühl haben, dass Doberan vorankommt oder in den kommenden Jahren noch große Projekte angehen kann… die schon bessere Zeiten in der Doberaner Verwaltung erlebt haben…“? Woran liegt es? Einzig an Semrau? Ist es nur der Bürgermeister, der etwas mit und für die Bürger ändern kann?

    Einige dieser Stadtvertreter sollten sich vielleicht einen neuen Wirkungskreis suchen! „Mein“ Bürgermeister darf auch Fehler machen – und das auch ohne „Welpenschutz“! Erfolge sind ein Frage des Charakters … Einige unserer Stadtvertreter sollten sich (wenn die Emotionen runtergekocht sind) mal vor den Spiegel stellen, selber tief in die Augen schauen und sich fragen: „Habe ICH Charakter?“!

    schreibt Claudia Krassow aus Bad Doberan 

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