Was wäre, wenn – die Herzöge das Münster nicht erhalten hätten?

Wie würde Bad Doberan heute aussehen? Würde es überhaupt noch existieren? Welche Auswirkungen hätte das auf die Region und auf den Tourismus in Deutschland und Europa?

Der November 2018 ist ein Jubiläums-Monat in vielerlei Hinsicht. Vor 100 Jahren endete der 1. Weltkrieg, dankten der deutsche Kaiser und nach ihm auch der mecklenburgische Großherzog ab und wurde die Erste Republik ausgerufen. Der November ist der Schicksalsmonat der Deutschen schlechthin, denn es ging ja noch weiter: Die Novemberprogrome 1938 und die friedliche Revolution 1989 fallen beide auf den 9. November.
Aber das Jahr 2018 markiert auch den Beginn des Dreißigjährigen Krieges vor genau 500 Jahren. Dieses Datum ist nach einem halben Jahrhundert verständlicherweise etwas in Vergessenheit geraten, aber die folgenden dreißig Jahre haben Europa verändert, wie kein Krieg der Neuzeit zuvor. Bad Doberan war kein wichtiger Schauplatz des Dreißigjährigen Krieges, aber trotzdem erlebte der kleine Flecken den grausamen Krieg, die massenhaft dahin zehrenden Krankheiten, die große Armut und die bittere Not am eigenen Leib.

 

Kustos Martin Heider bringt neue Erkenntnisse

Der sehr fleißige und engagierte Münster-Kustos Martin Heider lud gestern zu einem Vortrag zu diesem neuen Thema, das bisher keine große Rolle spielte und auch nicht vollkommen erforscht war. Wenn Heider einlädt, dann wird es voll im Münster, denn alle wissen, dass der Küster nicht nur eine Zusammenfassung dessen bringt, was man schon weiß, sondern jede Menge neue Fakten und neue Zusammenhänge. Immer ist ein Aha-Moment garantiert und so war es auch diesmal wieder. Zugleich konnte Martin Heider das druckfrische Buch zum Thema vorstellen. Das gibt es jetzt an der Münster-Kasse und es wird natürlich auch in die Chronik auf ERSTES SEEBAD einfließen.

 

Das Gedankenspiel: Was wäre, wenn?

Vorher möchte ich Sie jedoch zu einem Gedankenspiel einladen. Der Dreißigjährige Krieg verwüstete das Doberaner Kloster und wie man heute weiß, fanden viele Abrisse, die man bisher auf die Zeit unmittelbar nach der Auflösung des Klosters 1550 datierte, in Wirklichkeit erst 100 Jahre später im 30jährigen Krieg statt. Heider hat die Schriften des damaligen Pastors Petri Eggeling ausgewertet.

Diese wurden auch vorher schon zitiert, aber mitunter gab es Fehlinterpretationen.
Bestes Beispiel: Die einschlägige Literatur zitiert, dass die Gottesdienste wegen der Beschädigungen ausgesetzt wurden. Heider las direkt an der Leinwand das Originaldokument vor, in dem steht, dass der Gottesdienst ausgesetzt worden wäre, hätte nicht der Herzog dies verhindert, indem er dafür sorgte, dass sie stattfinden können.

Heider kann nachweisen, dass nach der Säkularisierung des Klosters anno 1550 lückenlos alle Herzöge sich für den Erhalt des Klosters eingesetzt hatten. Manche weniger – durch Spenden und Reparaturaufträge und manche mehr – durch Generalreparaturen und aufwändige Spendensammlungen. Unsere Frage ist nun:

 

Was wäre, wenn die Herzöge das Doberaner Münster nicht erhalten hätten?

 

Eldena – Das wäre, wenn…

Zunächst einmal wäre die Kirche heute eine Ruine, wie Eldena bei Greifswald, deren Schicksal es nämlich war, dass es im Dreißigjährigen Krieg stark beschädigt wurde.

Danach wurde es zum Steinbruch und anders als in Doberan verhinderte kein Herzog diesen Abriss.

In Doberan stand das Münster nach dem Dreißigjährigen Krieg ohne Dachstuhl da. Die Kupferplatten waren erbeutet und fortgeschafft worden. Der Innenraum war der Witterung preisgegeben und die Soldaten hatten im Inneren gewütet und alle Gräber geöffnet und geraubt. Auch das ist eine neue Erkenntnis: Sie öffneten nicht nur die Fürstengräber, sondern alle Gräber im Münster.

Als erste Maßnahme wurde das Dach wieder eingedeckt – zunächst mit Holzschindeln, weil die schnell und günstig herzustellen waren. Das Münster blieb Grablege der Herzöge von Mecklenburg und damit blieb es auch ein Herzensanliegen der Herzöge, die Grablege ihrer Ahnen und ihre eigene Grabstätte zu erhalten.

 

Lost Place statt Vorstadt

Wäre das nicht so gewesen, wäre das Kloster bald eine Ansammlung von Ruinen gewesen. Die Vorstadt, wie man die kleine Siedlung mit zuletzt 80 Häusern zwischen den Klostermauern und dem Tempelberg nannte, wäre ausgestorben.

Die Bauern und Handwerker lebten davon, dass in Doberan ein Amt bestand, dessen Bedienstete auch versorgt werden mussten.

Die Bürger mussten zwar Abgaben leisten, aber sie hätten mit weit weniger Bedarf auch weit weniger produziert und somit weit weniger Einnahmen erzielt. Es wäre beim kleinen Flecken mit einer Viehkoppel in der Mitte geblieben. Was wir heute als den „Kamp“ kennen, wäre nicht als Park umgebaut worden.

Überhaupt hätte es in Doberan kein Schloss gegeben, kein Prinz hätte die Einnahmen des Amtes als Abfindung bekommen und wäre hier auf Jagd gegangen.

 

Keine Seebad-Gründung

Kein Leibarzt hätte dem Herzog von Mecklenburg vorgeschlagen, gerade in diesem Kuhdorf ein Seebad zu errichten. Friedrich Franz I. hätte nicht in der Ostsee am Heiligen Damm gebadet, er hätte nicht das erste deutsche Seebad an dieser Stelle gegründet und im Flecken Doberan hätte es keinen Bedarf für ein Logierhaus, einen Salon, ein Palais, ein Theater und alles, was folgte, gegeben.

 

 

Kein Stadtrecht

Der Flecken wäre nicht zur Stadt erhoben worden, hätte kein Gymnasium bekommen und der Bauboom hätte nicht eingesetzt. Die Goethestraße und Dammchaussee wären so nicht entstanden. Natürlich gäbe es auch keine Stadtverwaltung, keinen Bürgermeister und somit auch kein Rathaus im kleinen Dörfchen Dobberan. Höchstens eine kleine Kneipe.

 

 

Kein Molli

Die Molli-Verbindung 1886 nach Heiligendamm und 1910 nach Brunshaupten und Arendsee und auch der Bahnanschluss an die wichtige Linie Rostock-Wismar wären nicht entstanden. Natürlich wären auch die Chausseen nach Schwaan, Rostock und Heiligendamm und nach Warnemünde und Kröpelin nicht für den Fahrkomfort der Gäste als Straßen ausgebaut worden, denn die Bauern brauchten das nicht.

 

Kein Tourismus weit und breit

Ohne die Seebad-Gründung in Heiligendamm hätte es wahrscheinlich auch das Logierhaus in Fulgen und daraus resultierend die Seebäder Brunshaupten und Arendsee (Kühlungsborn) nicht gegeben. Warnemünde wäre vielleicht immer noch ein „stinkendes Fischerdorf“ und die Nord- und Ostsee alles andere, aber kein Urlaubsziel für Touristen.

 

 

Kein „Bad“ Doberan

Bad Doberan würde den „Bad“-Titel heute nicht tragen und Heiligendamm kein Seeheilbad sein, weil der Badetourismus nicht entstanden wäre und es damit auch keine Baderegeln, Kuren und Kurverordnungen gegeben hätte. Vielleicht wäre all dies nach Brighton auch auf dem Festland entstanden und vielleicht auch in Deutschland, aber ganz sicher nicht in Doberan-Heiligendamm.

 

Keine Kreisstadt, kein G8-Gipfel

Tja, Kreisstadt wäre das Dorf wohl auch nie geworden und der G8-Gipfel hätte ohne G8-Hotel auch nicht in Heiligendamm stattgefunden. Zu weltweiter Berühmtheit hätte es unsere Stadt also auf so einfachem Wege nicht geschafft. Die vielen Investitionen hätte es nie gegeben. Aber das hätte sich eh erübrigt, wenn Doberan ein Dorf, wie Stülow, Retschow oder Hohenfelde geblieben wäre.

 

Was lernen wir daraus?

Wenn man sich die Szenarien des „Was wäre, wenn“ so anschaut, dann kann einem schon ganz schwindlig werden:

Die Herzöge haben nur eine relativ kleine, zu der Zeit gar nicht mehr bedeutsame Kirche erhalten – gar nicht mal das Drumherum, sondern nur das Gotteshaus selbst – und damit eine ganze Kettenreaktion ausgelöst.

 

Wissen wir heute, welches Gebäude unserer Stadt dasselbe Potenzial hat?
Wissen wir, was passiert, wenn wir ein Haus einfach abreißen, statt es zu erhalten?

Wir können wohl erahnen, was passiert wäre, wenn Heiligendamm dem Verfall preisgegeben worden wäre und wir können uns wohl glücklich schätzen, dass es jetzt wieder weiter geht mit der Sanierung. Wir können aber nicht abschätzen was es heißt, die Dauerwohnsitze im Villenviertel zu Ferienhäusern degradiert zu haben und wir können auch nicht erahnen was es bedeuten würde, auf ein maritimes Gewerbegebiet für immer zu verzichten. In Heiligendamm müssen wir uns immer wieder fragen „Was wäre, wenn?“, aber auch in Bad Doberan ist diese Frage berechtigt:

Was wäre, wenn REWE statt in der Nienhäger Chaussee oder statt gar nicht, mitten in der Stadt an Stelle des City-EKZ mit einer Ladenpassage neu bauen würde?

Was wäre, wenn der Markt von der Touristinformation verwaltet und gesteuert werden würde?

Was wäre, wenn Heiligendamm und Börgerende näher zusammenrücken und gemeinsam die erste Reihe entwickeln würden – das älteste und das jüngste deutsche Seebad in Eintracht nebeneinander?

Das sind nur drei von ganz vielen Beispielen.

Was wäre, wenn die Stadt grüner wäre, es kostenfreie Parkplätze in der Innenstadt gäbe, die Touristen besser gelenkt würden und die Tourismuszentrale nicht versteckt im Rathaus sitzen würde? Was wäre, wenn der Kamp wieder ein lebendiger Mittelpunkt wäre und was wäre, wenn man um ihn herum nur in eine Fahrtrichtung fahren darf? Was wäre, wenn es eine Rechtsabbiegespur vom Autobahnzubringer nach Rostock gäbe und die Molli-Signale nicht per Hand gesteuert werden müssten?

Was wäre wenn…?
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Weiterführende Literatur bei AMAZON:
Dreißigjähriger Krieg
Bad Doberaner Münster
Ostseebad Heiligendamm
Kloster Eldena

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