1819

Der Jahrhundertsommer bringt dem ersten deutschen Seebad ein Rekordjahr.
Die Höchsttemperaturen werden am 06. Juli erreicht: Luft: 78 °F, Wasser: 65 °F

1819 Gäste zählt das Seebad, davon 720 Badende. Der Betrieb von 14 Badekarren (6 beim Herrenbad, 8 beim Damenbad) ermöglicht 150 Bäder am Tag. Die Damenskarren erhalten Vornamen prominenter Benutzerinnen. Der Zugang erfolgt nun seitlich und gebadet wird unter Markisen zur Seeseite, sodass sich die Wagen dichter aufreihen lassen. Die Großherzogliche Badedirection beschafft Wagenquadrillen mit zweispännigen Wagen zur Bewältigung des Gästestroms. Für das Herrenbad entsteht ebenfalls ein Versammlungspavillon am Meer, allerdings größer als der Damen-Pavillon. Die Kabinette in den Nebenbädern im alten Teil des Badehauses werden aufgewertet und die Betten durch Sofas ersetzt und der ehemalige Hausflur mit Dirwanas besetzt. Vogels Baderegeln werden unter Glas eingerahmt aufgehängt und Tafeln mit den Tages- und Monatstemperaturen angebracht.

 

Weil auch der Salon in Doberan diesem Ansturm nicht gewachsen ist, erhält Carl Theodor Severin den Auftrag für den Anbau eines Fest- und Speisesaales. Der Springbrunnenplatz und der Kamp werden zu einer repräsentativen Stadtmitte bestehend aus Park und Platz einheitlich umgestaltet und auf dem Buchenberg errichtet ein unbekannter Industrieller einen Schießplatz. Vor dem Badehaus am Heiligen Damm wird der Teich eingezäunt und es wird noch einmal in den Küstenschutz investiert. Entlang des Baches vom Töpferberg entstehen weitere Häuser Baumstraße und von dort ausgehend erfolgt der Bau und die Bebauung einer Straße zum Jungfernberg hinauf (Kastanienstraße).

Baumeister Carl Theodor Severin erhält eine Renumeration von 100 Talern.

Am Heiligen Damm werden durch Oberinspektor Burmeister mehrere Quellen entdeckt. Unter Leitung von Professor Mähl aus Rostock werden sie freigelegt und durch den Apotheker Grischow aus Stavenhagen analysiert. Der Befunde ergibt, dass es sich 100 Fuß nordöstlich des Badehauses um muratische Bittersalzquellen und 1.165 Fuß östlich davon um Schwefelquellen handelt und dass die Quellen gleich gut wie der der Wylsner und Warmbrunner und besser als die übrigen deutschen Quellen und bessere Qualität erst in Aachen, Enghien und Nenndorf zu finden sind. Die Quellen werden eingefasst und in einige der Badezimmer geleitet. Die Schwerinsche Zeitung berichtet, dass „am Grunde des Meeres auf der ganzen Strecke des Dammes ein Erdharz befindlich sei, welches durch die Wellen und durch die immer hin und her geworfenen kleinen Steine, allmählich abgelöst, eine Art von Naphta hervorbringen. Man könne nach einem großen Stürme auf dem wieder ruhig gewordenen Meere, besonders in den Monaten Juni, Juli und August war das Naptha schwimmen sehen und es sei dieses bei keinem anderen Seebade anzutreffende Naptha der Ware und eigentliche Grund der außerordentlichen, vorzüglichen und sicheren Heilkräfte des Bades, besonders bei gestischen, Asthmatischen, rheumatischen und krampfhaften Zufällen, bei nervenschwächeren, allen Haut und Knochenkrankheiten, und vorzüglich bei Heilung alter, immer wieder aufbrechen der Wundschäden.“

Ende Juli wird mit dem Terpodion ein erst 1813 erfundenes Musikinstrument von seinem Erfinder Buschmann aus Friedrichsroda vorgeführt. Die Luftschifffahrerin Wilhelmine Reichard startet am 8. August den Flug Nr. 12 auf dem Kammerhof und überfliegt in 30 Minuten über 4 km Luftlinie in 1.398 Metern Höhe die Landschaft um Doberan. Die Opernsängerin Angelica Catalani tritt am 9. und 12. August in Doberan auf, am 11. August spielt Ludwig Devrient im Doberaner Theater und am 22. August gastiert das Hamburger Theater mit dem Opernstück „Fanchon“.
Erbprinz Friedrich Ludwig besucht im Sommer mit seiner im Vorjahr angetrauten Frau Auguste Friederike von Hessen-Homburg das Seebad, stirbt dann unerwartet 41jährig am 29. November in Ludwigslust.