Doberan-Heiligendamm_20er_Gesellschaft-Heiligendamm

Damals in Doberan: Die Goldenen Zwanziger

Die Zwanziger haben begonnen – das Jahr 2020 läutet das neue Jahrzehnt ein. Kein Jahrzehnt wird so glorifiziert, wie die „goldenen Zwanziger“ des letzten Jahrhunderts. Freiheit und Genuss, Kunst und Kultur, aber auch die neue Demokratie und das neue Wirtschaftswachstum prägen unsere Vorstellungen von dieser guten alten Zeit.

Wie waren die Goldenen Zwanziger eigentlich in Bad Doberan-Heiligendamm?
Wie lebten die Menschen hier, was entstand und was verschwand in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts vor der Jahrtausendwende? Welche Auswirkungen hat das auf heute und was können wir aus der Geschichte lernen? Sie sind eingeladen zu einer Zeitreise in die Goldenen Zwanziger in unserer Stadt:

 

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Der Erste Weltkrieg war zu Ende, Großherzog Friedrich Franz IV. hatte 1918 drei Tage nach dem deutschen Kaiser auch die Abdankungsurkunde unterschrieben. Auf die letzten knapp zwei Jahre seiner Regentschaft war er erstmals seit Jahrhunderten wieder ein Regent für ganz Mecklenburg, denn der Strelitzer Großherzog Adolf Friedrich VI. wurde tot im Kammerkanal aufgefunden und er hatte keinen Erben.

Der einzige unter Umständen Erbberechtigte war in Gefangenschaft geraten und man wusste nicht, ob er noch lebt. Somit galt die Linie Mecklenburg-Strelitz als erloschen und der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin wurde nach dem Hausvertrag zum Verweser. Seine Vettern in Russland waren im Roten Oktober ermordet worden. Die Revolution hatte ganz Europa erfasst und die Welt war nicht mehr so, wie sie vor dem 1. Weltkrieg war.

Winter 1927 in Heiligendamm

Der britische Außenminister Edward Grey sagte am 13. August 1914 mit Blick auf die Kettenreaktionen bei der Mobilmachung: „Die Lampen gehen in ganz Europa aus, wir werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen.“

Grey hatte nur mit dem ersten Teil Recht. Er erlebte das Ende des Ersten Weltkrieges mit, er konnte bis zu seinem Tod 1933 auch Europa wieder aus den Trümmern auferstehen sehen. In diese Zeit fallen die Goldenen Zwanziger.

 

Milliarden für ein Brot während der Hyperinflation

Notgeld in den 20ern

Eigentlich ging es Bad Doberan gar nicht so schlecht Anfang der Zwanziger. Golden waren sie noch nicht, aber es ging doch spürbar bergauf. Das änderte sich, als Deutschland 1922 in die Inflation schlitterte. Zum Jahreswechsel kostete der Dollar 4,3 Billionen Mark – man spricht von Hyperinflation. Dem damaligen Pastor Carl Walter verdanken wir eine kleine Vorstellung davon, was das für die Menschen bedeutete:

Das Brot kostete Mitte August 1923 sagenhafte 40.000 Mark, eine Woche später bereits 140.000 Mark und am 23. Oktober war der Preis auf 4 Milliarden Mark gestiegen. Die Zwiebel kostete 1.000 Mark, genauso wie der Inlandsbrief, der zum Jahresende schließlich 20.000 Mark kostete. Die einfache Fahrt nach Rostock in der 4. Klasse kostete im August 8.000 Mark.

Seebrücke Heiligendamm im Winter 1927

Die Hyperinflation konnte 1924 aber durch die Währungsreform beendet werden. Der Mangel an Nahrung hatte jedoch Folgen: In Bad Doberan wüteten im August 1923 Typhus und Tuberkulose.

 

Die ideellen Wurzeln der Suppenküche

Doberan in den Zwanzigern: Dammstraße – heute Beethovenstraße

Schon damals wurde eine Notküche in der Kirche erwähnt und schon damals spendeten die Bauern und Bürger vier Zentner Kartoffeln, 365 Pfund Getreide, 60 Pfund Graupen, 60 Pfund Hülsenfrüchte, 27 Pfund Mehl, 15 Pack Eier, 10 Pfund Speck, 5 Pfund Zucker und 10 Zentner Kohlrüben für den Vorläufer der heutigen Suppenküche.

 

Residenzstadt ohne Residierende

Springbrunnenplatz vor dem Gymnasium

Diese Zeit ist eigentlich von Rezession und Hyperinflation geprägt, von horrenden Preisen und bitterer Not. Aber das waren nur die ersten vier der zehn Jahre des goldenen Jahrzehnts, denn 1924 wurde die Rentenmark eingeführt und die deutsche Wirtschaft konnte sich erholen. So beruhigte sich auch die politische Situation und mit dem Beitritt Deutschlands zum Völkerbund im Jahr 1926 entspannte sich das internationale Verhältnis zum Kriegsverursacher von 1914. Vor allem aber gab es ein stabiles Machtgefüge ohne Aristokratie und Diktatur: Die Weimarer Republik, jene erste Republik, die erstmals für eine demokratische Grundordnung in Deutschland sorgte.

Heute Rathaus, damals Hotel: Der Lindenhof

In Doberan – zu der Zeit noch ohne „Bad“ im Namen – war ein Herr Stüdemann der erste Bürgermeister dieser neuen Demokratie. Auch der Rat war nun demokratisch gewählt. Er befasste sich 1919 mit der Zukunft Doberans, denn nach dem Abdanken des Großherzogs fielen nicht nur seine Präsenz sondern auch die seiner Gefolgsleute, Gäste und Verehrer weg – vor allem aber ihr Geld. Die Ratsherren wollten weiter auf den Fremdenverkehr setzen, aber zuvor musste er ganz praktische Probleme lösen:

 

Eigenheime gegen Wohnungsnot

Erste Häuser in der neuen Siedlung am Parkentiner Weg

Der 1. Weltkrieg hatte für große Verschiebungen gesorgt – sozial und demografisch. Die Männer und Söhne waren im Krieg geblieben und zurück blieben Witwen und Waisen, die nun ohne Versorger waren. Wer sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten konnte, ging aufs Land und suchte dort Lohnarbeit.

In Doberan gab es bei über 5.600 Einwohnern eine relative Wohnungsnot und so wurden 1919 am Parkentiner Weg Flächen für 49 Grundstücke zur Bebauung mit Ein- und Zweifamilienhäusern mit Gärten freigegeben. Die Bebauung erfolgte nicht auf einmal – manche Häuser sind in den Zwanzigern entstanden, andere erst in den Dreißigern.

 

Das erste Kino in Doberan

Das erste Kino der Stadt war in der Alexandrinenstraße (Mollistraße)

Auch 1919 wurde im Hotel „Erbgroßherzog“ das erste Kino der Stadt eröffnet. Gerade die Lichtspiele trugen zur Geselligkeit bei. Das besagte Hotel befand sich in der Mollistraße, wo sich heute „Max die Kneipe“ befindet. Darum hat das Haus eine so große Terrasse auf dem Dach des ersten Stockwerks.

Zunächst bedeutete Kino Unterhaltung, aber natürlich entdeckte auch die Politik die Möglichkeiten, mit diesem Medium Einfluss auf die Massen zu nehmen. Wir verbinden heute Charlie Chaplin mit dieser Zeit, aber auch der deutsche Dracula-Abklatsch „Nosferatu“ stammt von 1922. In späteren Jahrzehnten folgten weitere Kinos am Schützenplatz (Maxim-Gorki-Platz) und in der Poststraße (Severinstraße). Auch Heiligendamm hatte zeitweilig einen eigenen Kinosaal.

 

Die zweite Pleite von Heiligendamm

Heiligendamm zum Ende der Zwanziger

Heiligendamm war auch 1919 ein Thema. Der Doberaner Rechtsanwalt Fritz Knaack beschäftigte sich in verschiedenen Belangen mit dem Seebad und kam zu dem Schluss, dass Heiligendamm wieder mit Doberan vereint werden müsse. Einzig Gehör fand er dafür nicht und auch der Antrag auf Wiedervereinigung von 31 Bürgern Heiligendamms wurde nicht angenommen. Der Rat hatte einfach andere Prioritäten. Man erkennt hier durchaus gewisse Parallelen zu heute.

Damals hatte das dramatische Folgen: Das fehlende Bekenntnis Doberans zu Heiligendamm führte wahrscheinlich zu einem Abwind der Aktien, jedenfalls veranlasste der Wertverlust die Anteilseigner der Ostseebad Heiligendamm GmbH, ihre Aktien abzustoßen. Das Bankhaus Louis Wolff KG aus Lübeck kaufte für insgesamt 492.000 Mark den Teil der abgestoßenen Aktien auf. Allerdings geriet das Bankhaus selbst in einen Strudel, denn die Inflation setzte ein. Mit wechselnden Geschäftsführern ging die Louis Wolff KG in den Ruin.

 

Die Leidensgeschichte des Stahlbades

Das Stahlbad in den Zwanzigern

Im Jahr 1920 beginnt auch die Leidensgeschichte des Stahlbades, also des heute alten Moorbades oder besser: der Moorbad-Ruine. Das Stahlbad gehörte bis dato der Familie Zimmermann, deren Ahn die Stahlquelle entdeckt und das Stahlbad bauen lassen hat.

Das Stahlbad vor 1903.

Aufgestockt wurde es schon 1902. Wahrscheinlich war es Hugo Zimmermann, der das Stahlbad verkaufte und sogleich im Wirtschaftsgebäude (der heutigen Ruine) die Räume der Brauerei und Molkerei übernahm und die Dampfbrauerei Hugo Zimmermann eröffnete. Jahrzehnte später tauchte eine der Flaschen von damals wieder auf.

In den Zwanzigern dienten Teile der Backhausmühle als Brennerei

Der Käufer des Stahlbades war die Allgemeine Ortskrankenkasse Berlin, also die AOK. Bei ihr liegt der Schlüssel zum Niedergang des prachtvollen Gebäudes, denn sie wollte in den Neunzigern eine Summe für die Immobilie haben, die kein Interessent zu zahlen bereit war. Erst als der Makler die Krankenkasse dazu bewegte, die Preisvorstellung zu überdenken, fand sich ein Käufer. Allerdings war das Objekt in der Zeit schon so heruntergekommen, dass der Preis so günstig angesetzt werden musste, dass man mit diesem großen Grundstück spekulieren konnte. 

Das Stahlbad heute (Foto: M. Sander)

So wurde ein Projekt nach dem anderen entwickelt, aber nichts davon umgesetzt. Erst nach dem Brand von 2006 beginnt auch die Stadt, mit an der Misere schuldig zu sein. Aber das war in den Zwanzigern noch in weiter Ferne.

 

Doberan wird „Bad“

Werbung aus den Zwanzigern

Das Jahr 1921 ist nach der Gründung 1171/1186 und der Erhebung zur Stadt 1879 das wichtigste Jahr in der Doberaner Stadtgeschichte. Seit 1921 darf sich Doberan „Bad Doberan“ nennen. Damals war der Plan, einerseits mehr Gäste zu bekommen, andererseits aber exklusiv zu bleiben. Die einstige Sommerresidenz wurde in den Mittelpunkt gerückt, samt der großherzoglichen Errungenschaften, wie der Rennbahn und den Sportstätten. Diese wurden wieder aufgebaut, nachdem sie im Krieg verfallen waren.

Der Doberaner Kegelclub

Herzog Adolf Friedrich – ein in Doberan lebender Spross der ehemaligen Regentenfamilie – engagierte sich sehr dafür und stellte das erste Rennen nach dem Krieg auf die Beine. Über drei Tage dauerte das Jubiläumsrennen ab. Vom Land kam nur wenig Hilfe, denn die neuen Räte hatten kein Interesse an aristokratischer Kultur. Die unter den Regenten gespielten Musikkonzerte wurden zwar wieder eingeführt, aber nun „Kurkonzerte“ genannt.

Als Stadt, die mit dem Besuch von Rilke und Mendelssohn-Bartholdy punkten kann, bot es sich an, auf Musik und Kunst zu setzen. Im Palais gab die dort wohnende hochmusikalische Frau Geheimrat Köhn Kammermusik-Abende und im Saal des Rathauses wurden Kunstausstellungen arrangiert.

Neue Bezeichnungen für die Pavillons

Hingegen machte man den Musiktempel auf dem Kamp (Weißer Pavillon) zum Lesetempel, weil das einfach den Ansprüchen der Kurgäste zu dieser Zeit entsprach. Der Rote Pavillon wurde dafür zum Musiktempel. Auf dem Jungfernberg (Tempelberg) entstand ein Tennisplatz.

 

Neues Bauen im Bauhausstil

Neues Bauen in der Waldstraße

Natürlich ließ auch der Aufschwung nicht auf sich warten: In der Alexandrinenstraße (Mollistraße) eröffnete erstmals eine Sparkasse, die Fassade des Lindenhofes (heute Rathaus) wurde modernisiert und im Hinterhof ein Saal angebaut. In der Waldstraße und Althöfer Straße (Clara-Zetkin-Straße) entstanden sieben Wohnhäuser im so genannten Bauhaus-Stil, der gerade die Architekturwelt revolutionierte.

 

Entstehungsjahr der Chemiefabrik

Chemische Werke in Walkenhagen

Eine uns heute wohl bekannte traurige Geschichte hat ebenfalls ihre Wurzeln im Jahr 1922: In diesem Jahr wurden die Chemischen Werke Bad Doberan gegründet. Am Stadtrand bei Walkenhagen entstand eine große Fabrik mit markantem Schornstein. Hier wurden Tabakreste zu Düngemitteln verarbeitet.

Brache der ehemaligen Chemiefabrik vor der Räumung

Als 1990 die Wiedervereinigung erfolgte, war der Erbe der einstigen Chemiefabrik über 90 Jahre alt und wusste fast nichts über sein Erbstück, hatte dementsprechend auch kein Interesse an der Industriebrache. Auch seine Erbin konnte damit nicht viel anfangen – inzwischen war die Brache schon zur Müllkippe verkommen. Eine Beräumung konnten sich die Erben nicht leisten, ein Verkauf hätte wegen der Altlasten nicht den eigentlichen Wert des Grundstücks gebracht und so drehte sich bis 2019 alles im Kreis, bis die Stadt ihren Mut zusammen nahm, das Grundstück für 20.000 Euro kaufte, es zusammen mit dem Land für drei Millionen Euro bei 90% Förderung bereinigte und nun weiter verkaufen will.

 

Der unbekannte Retter von Heiligendamm

Promenade Heiligendamm in den Goldenen Zwanzigern

Würde man Bad Doberan und Heiligendamm getrennt voneinander betrachten, wäre das Jahr 1924 für Heiligendamm das, was für Bad Doberan 1921 war. Schon im Jahr 1922 wurde die Übernahme der Ostseebad Heiligendamm GmbH eingefädelt. Dieser Begriff passt deshalb, weil der eigentliche Investor in Österreich lebte und unerkannt bleiben wollte. Es wurden in Berlin drei Gesellschaften gegründet, die das Bad übernehmen sollten. Die große Hyperinflation machte aber zunächst einen Strich durch die Rechnung, sodass die Übernahme Heiligendamms erst 1924 erfolgte.

Die Schiffe, wie die „Kronprinz“ legten in Heiligendamm an

Der unbekannte Investor aus Österreich war Baron Oskar Adolf von Rosenberg-Redé. Der gebürtige Ungar war als Bankier im 1. Weltkrieg sehr wohlhabend geworden und auf Grund seiner Tätigkeit hatte er vom Ruin der Louis Wolff KG erfahren. Er kaufte dem bankrotten Bankhaus für 4.500 britische Pfund die Anteile am Ostseebad Heiligendamm ab. Weil er Jude war und der Antisemitismus gerade Hochsaison hatte – auf Borkum entstand zu dieser Zeit das „Judenlied“ und auf Usedom erließ man rassistische Verordnungen – musste er sich verstecken.

Das Grand Hotel Heiligendamm in den 20ern

Also ließ er die drei 1922 gegründeten Gesellschaften in Berlin für sich arbeiten: Er zeichnete für eine Treuhandvereinbarung Berlin 225.000 Goldmark, Kurt Kramer zeichnete für die Berlinsche Bodengesellschaft 150.000 Goldmark und der Doberaner Rechtsanwalt für die Grunderwerbsgesellschaft Berlin 225.000 Goldmark. Damit hatten Rosenberg und Knaack gleiche Mehrheitsanteile. Die Geschäfte wurden über das Industriebüro der Dresdner Bank abgewickelt.

Der Golfplatz von Heiligendamm

Baron von Rosenberg tat nun das, was wir heute „Private Equity“ nennen: Er investierte in eine Wertsteigerung. Die drei Gesellschafter stellten 600.000 Goldmark für die Aufwertung Heiligendamms bereit und erarbeiten ein Konzept für diese Investitionen. Im ersten Teil wurde östlich des Ensembles ein 25 ha. großer 9-Loch-Golfplatz direkt am Meer geplant.

 

Heimlicher Herzog: Adolf Friedrichs Wirken

Herzog Adolf Friedrich heiratet Prinzessin Victoria Feodora von Reuß

Eine schillernde Persönlichkeit hat die Entwicklung Bad Doberans und Heiligendamms in den Goldenen Zwanzigern nachhaltig geprägt: Adolf Friedrich, Herzog zu Mecklenburg. Der 1873 in Schwerin geborene Sohn von Großherzog Friedrich Franz II. und Prinzessin Marie Caroline von Schwarzburg-Rudolstadt (der Namensgeberin des Mariencottages in Heiligendamm) war als dritter Sohn kein regierender Herzog. Wie damals üblich, bereiste er nach der Ausbildung die Welt – zunächst den Orient.

Die aktive militärische Laufbahn war durch einen Reitunfall recht kurz, setzte sich aber auch in der nicht aktiven Zeit fort. Dafür hatte er aber Zeit für weitere Reisen nach Genua und von dort nach Afrika und Ceylon. Nach der Militärzeit bereiste er den Osten Afrikas – also auch die deutschen Kolonien. 1912 bis 1914 war Adolf Friedrich sogar Gouverneur des Togo, bevor Deutschland im Krieg seine Kolonien verlor. Er war sogar als Thronanwärter in Finnland und König des Vereinigten Baltischen Herzogtums vorgesehen.

Damals Herzogliche Villa, heute Kreismusikschule

Letztlich kehrte er zurück nach Mecklenburg, kaufte für sich und seine Frau die nach ihr benannte Villa „Feodora“ (heute Kreismusikschule) und kümmerte sich im sein neues Heimatstädtchen.

Die Ozeanflieger in Heiligendamm

Mit dem Wissen und Können seiner Weltreisen und dem hohen Ansehen sorgte er dafür, dass die Ozeanflieger Herrmann Köhl und Ehrenfried Günter Freiherr von Hünefeld auf der Rennbahn landeten und dass der neue Reichspräsident Paul von Hindenburg Bad Doberan besuchte. Er wurde Präsident des Rennvereins und hielt diesen mit Zuwendungen über Wasser, als es ihm schlecht ging – auch hier gibt es Parallelen zur heutigen Zeit.

Reichspräsident von Hindenburg zu Besuch in Bad Doberan

Was immer neu gegründet wurde – Sportverein, Golfclub, Tennisclub – Adolf Friedrich lenkte die Geschicke. Als Rosenberg sich offiziell im Hotel „Dolder“ in Zürich und inoffiziell in der Villa „Rosin“ in Kaumberg regelrecht vor dem Judenhass verstecken musste, schob er Adolf Friedrich und Fritz Knaack vor. Adolf Friedrich wurde Vorsitzender des Aufsichtsrates der Ostseebad Heiligendamm GmbH.

 

Selbstverständliches entstand in den Zwanzigern

Der Marktplatz mit dem Meyerschen Haus

So gab es nun auch neue Bedingungen: Pensionsbesitzer Mellendorf wollte schon vor ein paar Jahren den unrentablen Fürstenhof zum Altersheim machen, scheiterte aber am Widerstand jener, die unter dem Großherzog das Sagen hatten. Nun versuchte er es erneut, stieß wieder auf Widerstand, drohte mit Abriss und bekam letztlich seine Genehmigung. Seitdem hatte Heiligendamm ein Altenheim. 

Und eine Hausfeuerwehr in der Orangerie und einen Tontaubenschießstand. Und den Golfteich, den Golfplatz und die Buhnen als Küstenschutz, die zu der Zeit erstmals in die Ostsee gerammt wurden. 

Vor der Namensänderung wurde das Kaufmannserholungsheim „Krieg’s Hotel“ genannt

Auch die Inschrift „Mecklenburgisches Heim für Kaufmannserholung“ am langen Haus in der Gartenstraße von Heiligendamm stammt aus den Zwanzigern. Nachdem Krieg’s Hotel aufgegeben wurde, erholten sich Kaufleute in dem stattlichen Gebäude.

Die als „Palette“ bekannte Pension wurde 2006 abgerissen.

Wer kennt nicht die legendäre „Palette“ in Heiligendamm am Bahnhof? Sie entstand 1926 aus Pension Kirchgeorg im einstigen Marstall.

Blick auf die damals noch nicht so dicht bebaute Stadt

Die Straße nach Althof wurde 1926 zur Bebauung freigegeben und zwischen ihr und der Bahntrasse entstanden auf zunächst 28 Grundstücken die vertrauten kleinen Häuser.

In den Zwanzigern bekam Bad Doberan seine erste Sparkasse in der heutigen Mollistraße

1929 vergab die Doberaner Bausparkasse kostenlose Bauberatungen und vermittelte billiges Bauland. Unter dem Motto „Jeder Familie ein Eigenheim“ entstand ein ganz neuer Stadtteil zwischen Buchenberg und Bahnhof. An diese goldene Zeit erinnern sich die heute Alten gern zurück – endlich was Eigenes!

Im Kornhaus war seit 1879 eine Schule für Buben.

Das Möckelhaus wurde 1926 zum Stadt- und Bädermuseum, nachdem Edith Möckel starb und es der Stadt vermachte. Seit 1928 wird die Münsterglocke elektrisch angeschlagen und auch das heute selbstverständliche kleine Tor für Fußgänger im Osttor des Klosters zur B105 hin stammt erst aus dieser Zeit. Ebenso die Zulassung von Mädchen auf dem Gymnasium – heute eine völlige Selbstverständlichkeit.

Statussymbol der Goldenen Zwanziger: Das eigene Auto.

Harribert Schlüter hinterlässt uns in seiner Dissertation „Die wirtschaftlichen Verhältnisse im Aushebungsbezirk Doberan“ einen interessanten Einblick in die Wirtschaft der Zwanziger:

Der Wohnungsbau steht demnach im Vordergrund, in Doberan und Heiligendamm ist der Fremdenverkehr die stärkste Wirtschaftskraft, während in der Umgebung Landwirtschaft dominiert. Von 100 Erwerbstätigen sind 64 in Ackerbau und Viehzucht beschäftigt, 15 in Handwerk und Gewerbe und 9 in Handel und Verkehr. Es existieren 3.457 landwirtschaftliche Besitzstellen, darunter 66 Rittergüter mit einem Drittel der land- und forstwirtschaftlichen Flächen im Besitz. Das zweite Drittel machen 756 Bauernhöfe mit zusätzlich 30.000 ha Besitz aus und den Rest teilen sich 33 staatlich auf 20 Jahre verpachtete Zeitpachthöfe mit 200-600 ha Besitz, 14 Erbpachthöfe, und als Kleinbesitzer 1.000 Büdner und 1.600 Häusler. Die Produkte des Landes werden über Rostock und Wismar verschifft oder direkt nach Schwerin, Hamburg, Hannover und Brandenburg transportiert.

Der Molli, der nach Russland musste.

Heute achten nur noch Fans auf die Nummern der Molli-Loks. Doch auch sie haben ihre Geschichte und Geschichten. Am 7. Juli 1929 wurde die 99 303 der Bäderbahn Bad Doberan – Arendsee aufgenommen. Besonders machte sie aber nicht ihr Anfang, sondern ihr Ende: Sie ging nach dem 2. Weltkrieg als Reparationsleistung an die Sowjetunion.

 

Wasser für alle

Bau des Wasserturms

Bis 1925 war Doberan trotz seiner Residenzbauten die typische mecklenburgische Kleinstadt mit Brunnen auf dem Hof, Donnerbalken (Plumpsklo) am Rande und stinkenden Rinnsalen.

Heute ist der Wasserturm eine Ferienwohnung.

Im Jahr 1924 begann man mit dem Bau eines Wasserleitungsnetzes und 1926 folgte dann auch der Wasserturm auf dem Tempelberg. 1927 ging er ans Netz.

 

Zeichen der Zeit: Der Backenzahn

Das Ehrenmal in seiner Ursprungsform

Acht Jahre dauerte der Frieden bereits an, aber die Wunden des Krieges waren in dieser Zeit noch nicht verheilt. Die Menschen brauchten einen Ort, an dem sie um ihre Söhne, Ehemänner, Brüder, Onkel, Schwager, Cousins und Enkel trauern konnten, deren Leichname nicht zurück in die Heimat gebracht werden konnten und deren Verbleib oft gar nicht geklärt war. 214 Gefallene hatte das kleine Doberan zu beklagen und die Doberaner brauchten auch ein Zeichen, das ihnen sagte, dass diese Opfer nicht umsonst waren. Da sie aber wussten, dass dieser Krieg so sinnlos war, wie jeder andere auch, wollten sie nicht nur ihrer Toten ein Denkmal, sondern auch ihrer Nachwelt ein Mahnmal setzen.

Selten ist das so gut gelungen, wie mit dem „Backenzahn“, auf deren Tafeln die Namen der Opfer standen und der mit seiner Form daran erinnern sollte, dass Deutschland hier der Zahn gezogen wurde – in seinem selbst verschuldeten Krieg.

Der leere Neubau heute

Heute steht der Backenzahn nur noch, weil er wegen Protesten nach einer Nacht- und Nebel-Abrissaktion durch privates Engagement wieder aufgebaut wurde. Die Tafeln mit den Namen der Gefallenen verstauben in einer Halle an einem geheim gehaltenen Ort in Bad Doberan und warten auf einen politischen Beschluss zum Wiedereinbau.

Dieser wird ein Votum sein gegen oder für das Vergessen dieser so einschneidenden Zeit, die die Welt veränderte und zu dem machte, was wir heute kennen – und teilweise gerade wieder erleben.

 

Sinneswandel: Das Ende der goldenen Zeit

Das Osttor ohne Fußgängerportal

Das Kriegerdenkmal steht aber noch für etwas anderes: In den Köpfen der Menschen entstand ein neues Bild. Der Krieg sollte nicht sinnlos und Deutschland nicht schuld gewesen sein. Die Toten sollten nicht umsonst gestorben sein.

Die Menschen suchten Halt und Stolz und fanden ihn im Nationalismus und sie suchten Schuld und Sühne und fanden ihn im Fremdenhass. Sie hatten Angst vor ihrer jungen Verantwortung für sich selbst und die Welt – der eigenen Herrschaft, der Demokratie. Sie hatten Angst um die jungen Errungenschaften, um den Frieden und die Sicherheit und mit dieser Angst spielten die Nationalisten.

Verehrung Hindenburgs

Als Reichspräsident von Hindenburg 1927 nach Bad Doberan kam, wurde er als „Unser Vater Hindenburg“ stürmisch begrüßt. Hindenburg war der starke Führer, nach dem die Deutschen sich nur acht Jahre nach dem Ende der Monarchie sehnten.

Abseits dieses Großereignisses wurde der DVFP-Landtagsabgeordnete Friedrich Hildebrandt Gauleiter für Mecklenburg-Lübeck. Nach den Goldenen Zwanzigern wird er Adolf Hitler in Bad Doberan begrüßen und die Stadt dem Führer und Reichskanzler eine Eiche pflanzen, eine Straße nach ihm benennen und ihn zum Ehrenbürger machen. Hitler wiederum wird mit Benito Mussolini ein Manöver vor Wustrow besuchen und in Heiligendamm den Bau einer Eliteschule (NAPOLA) anordnen.

Der „liebevolle Onkel“ Adolf Hitler wird sich mit der kleinen Helga Goebbels auf der Seebrücke fotografieren lassen und auch Goebbels selbst wird sich ganz in weiß in der Weißen Stadt am Meer zeigen.

 

Heiligendamm im Dritten Reich

Die Nationalsozialisten werden Heiligendamm zum KdF-Bad machen, Rüstungspionier Ernst Heinkel und Gauleiter Friedrich Hildebrandt werden ihre Sommerhäuser in Heiligendamm haben, während unweit der Bahnlinie Baracken für Zwangsarbeiter und den Reichsarbeitsdienst und spartanische Wohnungen für die Arbeiter in den Heinkelwerken entstehen. Im einstigen Kloster wird eine Metallfabrik entstehen und sie wird auch Rüstungsaufträge abarbeiten.  

Der Drümpel diente als Thingstätte der Nationalsozialisten

Die Menschen werden nur noch rechts oder links sehen und werden sich zu KPD oder NSDAP bekennen und dafür denunziert werden. Es wird zu einer Schießerei zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten kommen, bei der der Kommunist Heinrich Klöcking stirbt, weshalb später in der DDR die Neue Reihe nach ihm benannt wird. Es wird Propaganda geben und Leute, die ihr glauben und es wird Verschwörungstheorien geben und Menschen, die sie nicht hinterfragen. Es wird Hass geben, der aus Angst geschürt wird und Angst vor Hass.

Bad Doberan im Dritten Reich.

Die NSDAP wird 1930 die zweitstärkste Kraft im Reichstag werden und Mecklenburg mit 20,1% auf Platz 15 der NSDAP-Befürworter liegen und bei der nächsten Wahl 44% der Mecklenburger Hitler wählen. Hitler wird die Demokratie mit ihren eigenen Werkzeugen aushebeln und auf Grundlage einer demokratischen Verfassung die Macht ergreifen, die politischen Gegner, die Medien und die Gewerkschaften ausschalten. Er wird Österreich an Deutschland angliedern und sich international als Gastgeber der olympischen Spiele präsentieren, während im Hintergrund die Kriegsmaschinerie startet.

Adolf Hitler in Heiligendamm

Alle Welt wird das wissen und alle Deutschen werden sehen, dass dieser Weg in den Krieg führt, aber sie werden ihrem Führer und seiner Propaganda blind folgen. Es wird Menschen geben, die sich trauen, aber die Masse wird mitlaufen – verblendet von der Propaganda oder froh, nicht selbst denken und Verantwortung tragen zu müssen oder einfach gleichgültig und nur auf das eigene Wohl bedacht. Und das wird nicht nur 1930-1940 so sein, sondern auch 1940-1950 und immer so weiter – 1950-2000, 2000-2010, 2010-2020… die Geschichte wiederholt sich.

Schließlich werden die Nationalsozialisten den Lindenhof und das KdF-Bad Heiligendamm als Reservelazarett beschlagnahmen, dem unter mysteriösen Umständen tot in seiner Villa aufgefundenen Baron Rosenberg Suizid attestieren, drei Tage später Heiligendamm an die Reichsmarine verkaufen und zur Reichskadettenschule machen. Bomben werden fallen und Rostock zerstören, aber Heiligendamm verfehlen. Die Sprengung Heiligendamms wird vorbereitet, dann aber verhindert und das Fürstenbad zum sozialistischen Kurbad werden.

Bad Doberan wird auch in den dunklen Dreißigern wachsen und gedeihen, aber nur durch drei mutige Einwohner der Zerstörung beim Einmarsch der Roten Armee entgehen.

Dennoch wird all das, was in den Goldenen Zwanzigern seinen Lauf nahm, im 2. Weltkrieg enden, der etwa 50 Millionen Tote kostete und mehr noch als der gerade überstandene Krieg die Welt veränderte.

 

War alles Gold, was glänzt?

Badefreuden in den Zwanzigern

Die Goldenen Zwanziger – Ja, das waren Musik und Tanz, Jazz und Alltagsschlager. Ja, das war Luxus in Cafés und Kreuzfahrtschiffen, Kultur im Theater und Varieté. Ja, das waren Louis Armstrong, Charlie Chaplin und die Comedian Harmonists, der kleine grüne Kaktus und Bel Ami. Ja, das waren La Garconne und Emanzipation, Coco Chanel und Kurzhaarschnitt. Das war der Hunger nach dem Leben, der Tanz auf dem Vulkan. Es war das Vergessen, das Verdrängen, der Neuanfang und das neue Selbstbewusstsein.

Aber es waren auch Maßlosigkeit, Unbekümmertheit, Verantwortungslosigkeit und Stabilität auf Pump. Es war die Endzeit einer Weltordnung, der Beginn einer Katastrophe, die bis heute noch nachwirkt und es auch in Zukunft noch tut. Es war der Aufbruch ins Verderben, aus dem man gerade erst gekommen ist.

Schauen wir uns die Welt heute an, am Anfang der Zwanziger dieses Jahrhunderts. Sie steht wieder genau dort, wo sie vor 100 Jahren schon einmal stand. Heute liegt es an uns, was wir in das Buch mit den 365 unbeschriebenen Blättern schreiben und was in hundert Jahren jemand über uns schreiben wird – wo auch immer er sich befindet.

Mehr Geschichte gibt es hier: Gästeführungen in Bad Doberan-Heiligendamm

 

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